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„Ich hatte nicht die geringste Chance“

Interview mit Wara Wende „Ich hatte nicht die geringste Chance“

Die Vorwürfe gegen Ex-Schulministerin Waltraud Wende sind vom Tisch. Im Interview klagt die Germanistik-Professorin (58) über mangelnde Solidarität im früheren Kabinett. Ausnahme: Wirtschaftsminister Meyer.

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Späte Genugtuung: Die Staatsanwaltschaft Kiel stellt das Verfahren gegen Waltraud Wende 25 Monate nach deren Rücktritt ein.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Frau Wende, wie groß ist die Freude über die Einstellung des Verfahrens?

Wara Wende: Ich freue mich, aber ich bin zugleich auch empört und wütend: Mein Anwalt und ich wurden via Presseerklärung über die Einstellung der Ermittlungen informiert. Das Ende des Verfahrens entspricht damit dem Anfang des Verfahrens: Bekanntlich hatte man 2012 erst das Ende der Sommerferien abgewartet, um medienwirksam und mit vorbereiteter Presseerklärung die Ermittlungen zu starten. Die emotionalen Belastungen waren enorm, das wünsche ich niemandem.

Wie groß ist der Frust darüber, dass die Staatsanwaltschaft dafür mehr als zwei Jahre gebraucht hat?

Mein Verteidiger hat hierzu eine Stellungnahme abgegeben. Wir kritisieren vor allem, dass nicht schon am Anfang eine intensivere Prüfung der Vorwürfe stattgefunden hat, weil wir glauben, dass es dann weder zu den Durchsuchungen noch zu der mit dem Ermittlungsverfahren verbundenen Vorverurteilung gekommen wäre. Außerdem hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ohne Anfangsverdacht auf weitere Bereiche ausgedehnt, man wollte offenbar um jeden Preis irgendetwas finden. Wir halten das für rechtswidrig, das hat außerdem weitere Zeit gekostet, mir fehlt dafür jedes Verständnis.

Sie haben von einer „Hexenjagd“ gesprochen. Warum?

Anfangs hatte ich das Gefühl, mich in einer von Franz Kafka erfundenen Welt zu bewegen: Ich hatte nicht die geringste Chance auf einen sachlichen, an Aufklärung orientierten Dialog. Es war wie eine Hexenjagd: Es wurde alles daran gesetzt, nicht nur meine Politik, sondern auch die Integrität meiner Person zu beschädigen. Und leider war auch die Presse in Schleswig-Holstein alles andere als um Sachlichkeit bemüht. Bis zum heutigen Datum wurde nicht einmal der Versuch unternommen, die Spezifik meiner beruflichen Situation zu verstehen. Bekanntlich hatte ich, bevor ich nach Schleswig-Holstein gekommen bin, eine unbefristete Professur in Holland. Diese habe ich aufgegeben, um Präsidentin der Uni in Flensburg zu werden. Natürlich habe ich diesen beruflichen Schritt im Jahr 2010 nur gewagt, nachdem mir das Kieler Ministerium schriftlich zugesagt hatte, dass ich im Falle einer Nicht-Wiederwahl im Amt der Präsidentin eine Professur in Flensburg erhalten würde. Dann kam es ganz anders: Mir wurde noch in meiner ersten Amtszeit als Präsidentin das Angebot gemacht, Ministerin zu werden. Für diesen einzigartigen Fall aber gibt es keine gesetzlichen Regelungen. Verständlicherweise wollte ich mich auch jetzt absichern: Ich wollte das Ministeramt nur dann annehmen, wenn ich als Ministerin nicht schlechter dastehen würde als im Amt der Präsidentin. So ist es zu der viel diskutierten Rückkehroption gekommen. Ich habe mich inzwischen auch durch ein neutrales Gutachten davon überzeugen dürfen: Die Rückkehroption war nicht rechtswidrig.

Hätte die Justizministerin einschreiten müssen?

Mir ist die Aufgabenteilung zwischen Ministerium und Staatsanwaltschaft bekannt. Eine Einmischung in laufende Ermittlungen habe ich zu keinem Zeitpunkt verlangt.

War Ihr Rücktritt 2014 im Nachhinein gesehen falsch?

Es gab keinen sachlichen Grund für einen Rücktritt, es war eine politische Entscheidung, die man aus heutiger Sicht sicher nicht noch einmal so treffen würde.

Haben Sie damals Rückendeckung vom Ministerpräsidenten und aus den Regierungsfraktionen vermisst?

Man hatte offenbar ein zu großes Vertrauen in die Staatsanwaltschaft. Mein politisches Umfeld hat sich schwer damit getan, an der Berechtigung der Ermittlungen zu zweifeln. Wohltuende Solidarität habe ich von Wirtschaftsminister Reinhard Meyer erfahren.

Frau Wende, wie sieht Ihre Zukunft aus?

Ich hätte nach meiner politischen Arbeit gerne wieder als Professorin gearbeitet. Deshalb ja auch die – von den Vertretern der Opposition und der Medien – skandalisierte Rückkehroption. Ich habe die Rückkehroption dann 2014 zurückgegeben. Mit der Folge, dass ich nun nicht mehr als Professorin arbeiten kann, sondern als Beamtin in den Ruhestand getreten bin und vom Land Schleswig-Holstein eine Pension erhalte. Ich plane nicht mehr. Ich kann also mögliche berufliche Alternativen voller Gelassenheit auf mich zukommen lassen. Das ändert nichts daran, dass ich nur durch das Agieren der Staatsanwaltschaft zum beruflichen Nichtstun verurteilt worden bin. Mit Ende 50 habe ich keine Chance mehr, mich an einer anderen Universität um eine neue Professur zu bewerben. Ich bin schlicht zu alt. Bleibt also nur der vom Land Schleswig-Holstein finanzierte Ruhestand. Genau dies sollte die Rückkehroption ja eigentlich verhindern. Nun ist es ganz anders gekommen, langweilen, soviel darf ich ihnen verraten, tue ich mich nicht.

 Interview: Ulf B. Christen

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