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CDU unter Schock: Diskussion um Liebing

KN/LN-Wahlumfrage CDU unter Schock: Diskussion um Liebing

In Schleswig-Holsteins CDU brennt die Luft. Nach der Umfrage von Kieler Nachrichten und Lübecker Nachrichten würde die Union auch wegen ihres Spitzenkandidaten Ingbert Liebing die Landtagswahl in einem Jahr verlieren.

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Der Druck auf ihn wächst: CDU-Landeschef Ingbert Liebing.

Quelle: Axel Heimken/dpa

Kiel. In der geschockten Partei wird jetzt diskutiert, ob und wie Liebing durch den populäreren Fraktionschef Daniel Günther abgelöst werden könnte. Liebing selbst will Spitzenkandidat bleiben, sieht in den Umfrageergebnissen sogar eine „gute Ausgangslage für die CDU“.

  Nach der am Sonnabend veröffentlichten Umfrage kämen Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) und seine rot-grün-blaue Koalition auf 48 Prozent, CDU und FDP rechnerisch gemeinsam mit der AfD auf 46 Prozent. Besonders bitter für die Union: Sie sackt auf ein Rekordtief (28 Prozent), liegt nur noch gleichauf mit der SPD, und Günther erhält doppelt so viel Zuspruch wie Liebing. „Die Umfrage ist eine Enttäuschung für die CDU“, weiß der JU-Vorsitzende und Vize-Parteichef Tobias Loose. Die Regierung habe Defizite. „Liebing muss zeigen, dass die CDU die besseren Lösungen hat.“

Sonntagsfrage: Umfrage 2016
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 Kritisch äußerten sich auch andere Spitzenfunktionäre über ihren Vormann. „Liebing muss aus dem Quark kommen“, fordert Steinburgs Kreischef Heiner Rickers und empfiehlt dem Bundestagsabgeordneten, „in Berlin kürzer zu treten und in Schleswig-Holstein stärker Flagge zu zeigen.“ Der Manager der CDU-Landtagsfraktion, Hans-Jörn Arp, schlägt in dieselbe Kerbe. „Liebing muss sich steigern.“ Günther stellt sich hinter Liebing. „Um die Wahl zu gewinnen, müssen alle die Ärmel hochkrempeln.“

 Andere CDU-Funktionäre berichten, dass hinter den Kulissen schon seit Wochen auch mit Liebing selbst über einen Wechsel der Spitzenkandidatur gesprochen wird. Unter anderem soll Ex-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen dem Bundestagsabgeordneten aus Nordfriesland ins Gewissen geredet haben. Selbst über Wechsel-Szenarien wird nachgedacht. Eine Variante: Der Parteichef überlässt dem Fraktionschef vor dem Listen-Parteitag im Juni nur die Spitzenkandidatur und geht 2018 als Nachfolger von Reimer Böge ins EU-Parlament.

 Die anderen Parteien, insbesondere die des Regierungslagers, verfolgen die Debatte in der CDU begeistert. „Das Umfrageergebnis wird den Richtungsstreit zwischen Liebing und Günther sicher weiter befeuern“, sagt SSW-Sprecher Per Dittrich. Für die Koalition sei ein Spitzenkandidat Liebing „ein Wahlgeschenk“. Ansonsten freuen sich im Regierungslager insbesondere die Grünen (16 Prozent) über das Umfrageergebnis. Die FDP (neun Prozent) jubelt ebenfalls , die Piraten (ein Prozent) sind entsetzt. Anders die AfD (neun Prozent): Auf ihrem Parteitag spielt die Umfrage keine Rolle. Der neue AfD-Vorsitzende Jörg Nobis erklärt auf Nachfrage, Wahlziel sei ein zweistelliges Ergebnis.

CDU-Parteibasis zum Spitzenkandidaten gespalten

Welcher Kandidat hat die besten Chancen bei der Landtagswahl 2017? Die Frage treibt viele CDU-Mitglieder seit der Umfrage der Kieler Nachrichten und Lübecker Nachrichten um. Eine Umfrage an der Parteibasis ergab aber auch: Viele mögen das nicht äußern. Manch einer auch, weil er selbst hin- und hergerissen ist: zwischen der Loyalität gegenüber dem verlässlichen Ingbert Liebing und dem Gefühl, dass ein zuspitzender Daniel Günther die Bürger eher begeistern könnte.

 Marion Herdan, Ortsverbandsvorsitzende in Molfsee, gehört zu denen, die diesen Zwiespalt offen einräumen: „Da schlagen schon zwei Herzen in meiner Brust. Dennoch bin ich der Meinung, dass Ingbert Liebing der richtige Spitzenkandidat ist.“ Andere sind unentschlossen. „Ich halte mich mit einer Präferenz zurück. Beide haben Vor- und Nachteile. Daniel Günther hat vielleicht mehr Emotionalität“, sagt etwa Bettina Albert (53), Vorsitzende im CDU-Bezirksverband Pronstorf.

 Hans-Ulrich Frank, Ortsverbandschef in Gettorf, gehört dagegen zu jenen, die einen Strategiewechsel für unnötig, gar kontraproduktiv halten. „Ingbert Liebing hat auf Landes- und Bundesebene gezeigt, dass er seinen Mann stehen kann. Im täglichen Geschäft ist Daniel Günther zwar häufiger in den Schlagzeilen, doch ein Jahr vor der Wahl sollte man an der Entscheidung nichts mehr ändern.“ Auch Werner Weiß (66), CDU-Fraktionschef in Bad Bramstedt, warnt vor einer Änderung: „Liebing und Günther sind ein gutes Team. Dass Günther weiter als Fraktionschef arbeiten will, kann ich nachvollziehen. Er macht eine gute parlamentarische Arbeit, hat Großartiges geleistet. Liebing macht im Vorwahlkampf einen guten Job, ist überall dabei, ein ausgezeichneter Redner, ein guter Spitzenkandidat.“

 Und dann gibt es noch jene Gruppe, die meint: Erst muss das Programm stehen, dann erst kann entschieden werden, wer dieses Programm am besten verkörpert. Auch der CDU-Ortsvorsitzende von Altenholz findet, dass sich die Frage Günther oder Liebing zum jetzigen Zeitpunkt verbietet: „Das für die CDU nicht zufriedenstellende Umfrageergebnis lässt sich nicht an den Personen festmachen. Priorität hat die Analyse, wie wir Sachpolitik besser kommunizieren können. Erst dann kann sich herauskristallisieren, wie wir in die Wahl gehen“, sagt Sylvio Arnoldi, der auch Vorsitzender des Landesfachausschusses Innenpolitik ist. Schließlich sind da jene, die wie Henning Wulf (74) vom CDU-Ortsverband Bad Segeberg nicht zweifeln: „Meine Wahl fällt auf Ingbert Liebing. Ich halte ihn für ausgebildet und reif genug.“ Auch für Wilhelm Blöcker, Ortsverbandschef in Flintbek, ist Liebing der „Lieblingskandidat.“ Simon Bussenius (40), CDU-Ortschef in Preetz glaubt, dass Daniel Günther nur aktuell als Gegenspieler zu Torsten Albig stärker wahrgenommen wird: „Wenn der Wahlkampf erst richtig begonnen hat, wird sich das drehen. Klares Ja für Liebing.“

 Von Uwe Rutzen, Sorka Eixmann, Sylvana Lublow, Gerrit Sponholz und Hans-Jürgen Schekahn

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Ein Artikel von
Ulf B. Christen
Landeshaus-Korrespondent

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