18 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Was treibt Torsten Albig um?

Kiel Was treibt Torsten Albig um?

Spitzengenossen zürnen, die politische Konkurrenz spottet, der gemeine Wähler zweifelt. Im Internet ist Albig der „König des Sommerlochs“.

Voriger Artikel
Beate Zschäpe zeigt eigene Anwälte an
Nächster Artikel
Kein eigener Kanzlerkandidat?

Im Internet ist Torsten Albig (SPD) der „König des Sommerlochs“.

Quelle: Carsten Rehder/ dpa

Kiel. Aber er kennt das ja. Seine bundespolitischen Querschüsse haben inzwischen Tradition.

 Es war im Sommer 2012, als der frisch gewählte schleswig-holsteinische Ministerpräsident und frühere Sprecher von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück seinem einstigen Chef öffentlich von der Kanzlerkandidatur abriet: „Tu dir das nicht an! Es gibt auch andere Stellen, wo Du mit dem, was Du kannst und was Dich stark macht, unserem Land großartig helfen kannst.“ Die Genossen waren perplex. Albig orakelte noch, Steinbrück werde „das Korsett nicht mögen, in das er sich als Kandidat zwängen müsste“. Und sollte Recht behalten: Der Drang des Kanzlerkandidaten nach „Beinfreiheit“ endete im Debakel.

 Vielleicht spielte diese kleine Genugtuung eine Rolle, als sich Albig dann zu Ostern 2014 mal eben mit dem gemeinen deutschen Autofahrer anlegte. Die Forderung nach einem „Schlagloch-Soli“ sorgte für Entsetzen hinter dem Lenkrad. Dass Albig erneut nicht so falsch lag und die Infrastruktur trotz Pkw-Maut noch immer akut unterfinanziert ist, tat nichts zur Sache.

 In Berlin ist sein Ruf seit der Schlagloch-Nummer ruiniert. Albig sei einer, der seine eigenen politischen Fehler „auf Kosten einer Profilierung gegen die eigene Partei zu vertuschen sucht“, heißt es aus der SPD-Spitze. Er verhalte sich „unsolidarisch“ und schade der SPD. Starker Tobak.

 In Schleswig-Holstein ist die Lage auf den ersten Blick nicht besser. In den einschlägigen Umfragen rangiert der Ministerpräsident auf der Beliebtheitsskala weit unten. Ob es bei der Landtagswahl 2017 zusammen mit den Grünen und dem SSW erneut zur knappen Regierungsmehrheit langt, ist fraglich. Dabei läuft es inhaltlich für Rot-Grün-Blau eigentlich ganz gut. Fast alle Teile des Koalitionsvertrages sind abgearbeitet. Dank günstiger Konjunktur und sprudelnder Steuereinnahmen kann man kräftig in Bildung und Soziales investieren, ohne die Schuldenbremse zu gefährden. Der Stabilitätsrat lobt regelmäßig die Haushaltspolitik, die Schwarze Null ist in greifbarer Nähe. „Versprochen. Gehalten“, lautet dementsprechend die aktuelle Imagekampagne der Genossen. Auch die Opposition verbreitet nicht gerade Angst und Schrecken: Die CDU müht sich um eine Art Neuanfang. FDP und Piraten kämpfen ums Überleben. Es könnte schlechter laufen für die Koalition.

 Doch Albig hat andere Probleme. Als im vergangenen Jahr wegen der umstrittenen Hochschulreform erstmals Sand ins Koalitionsgetriebe geriet, zeigte er sich als schlechter Krisenmanager. Die verantwortliche Bildungsministerin Wara Wende stützte er trotz staatsanwaltlicher Ermittlungen so lange, bis sie selbst unter fragwürdigen Umständen hinschmiss. Wenig später floh auch noch Innenminister Andreas Breitner vom Kabinettstisch in die Wohnungswirtschaft. Frust über den Regierungschef spielte dabei durchaus eine Rolle. Albig geriet ins Schlingern: Die Neubesetzungen in den Ressorts griffen nicht. Der grüne Koalitionspartner fremdelte. Plötzlich war die Ein-Stimmen-Mehrheit des Regierungslagers im Parlament futsch. Und die gewohnt starken Worte des rhetorisch beschlagenen Regierungschefs wirkten seltsam deplatziert. Im Herbst 2014 schien nicht mehr ausgeschlossen, dass vorzeitig gewählt werden muss. Wieder einmal.

 Ein dreiviertel Jahr später hat sich die Lage zwar beruhigt, doch dem Regierungschef droht weiter Ungemach. Ab September wird sich ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss mit dem Friesenhof-Skandal befassen. Auch eine Anklage der Staatsanwaltschaft gegen Wende ist noch nicht vom Tisch. Hinzu kommen die aktuellen politischen Herausforderungen in der Flüchtlingspolitik. Es gäbe einigen Anlass, die Kräfte zu bündeln.

 Was also treibt Albig um? Warum trifft er derlei Äußerungen zu diesem Zeitpunkt? In der SPD gibt es Stimmen, die meinen, er habe nur Gabriels Wohl im Sinn, wenn er die Erwartungen nach unten schraubt und Merkel zur Unbesiegbaren hochstilisiert. Fakt ist, dass Albigs Worte für den SPD-Bundesvorsitzenden nicht ganz überraschend kommen. Andere sehen eher resignative Züge: Der Ministerpräsident habe selbst kaum noch Lust zum Regieren. Im Kieler Regierungsviertel wird das regelmäßig kolportiert. Fragt man ihn, gibt er sich entschlossen: Das Land stehe vor großen Herausforderungen. Er sieht sich als „Lokomotive für das Regierungsprojekt“.

 Doch Albig wäre nicht Albig, wenn er nicht auch noch etwas anderes sagen würde: „Es wäre kein dramatischer Bruch in meinem Leben, würde nach der Zeit in Frankfurt, Berlin und Kiel noch eine Tätigkeit in London, Chicago oder Buenos Aires stehen. Das wäre sogar sehr spannend.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Patrick Tiede
Redaktion Lokales Kiel/SH - Landeshaus-Korrespondent

Mehr zum Artikel
Kommentar

Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht. Und Torsten Albig hat ja recht: Die Bundestagswahl 2017 scheint für die SPD schon gelaufen. Die Genossen dümpeln bei 25 Prozent herum. Gegen Angela Merkel ist kein Kraut gewachsen.

  • Kommentare
Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Politik 2/3