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Gesundheitscheck ohne langes Warten

Erstaufnahme Neumünster Gesundheitscheck ohne langes Warten

In der Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster finden bis zu 5000 Flüchtlinge Platz. Die medizinische Versorgung wurde aus diesem Grund ausgebaut und das Team verstärkt. Am Dienstag besuchte Gesundheitsministerin Kristin Alheit die Einrichtung.

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Mustafa aus Syrien wird von Professor Werner Nikishin in Neumünster untersucht. 

Quelle: Sonja Paar

Neumünster. Sedra und Mohammad sitzen in der „Untersuchungstraße“ der Erstaufnahmeeinrichtung Neumünster: ernst, unbeweglich, schweigend. Warten ohne aufzumucken, das haben die Kinder in den letzten Monaten lernen müssen. In Neumünster geht es nur um eine Erstuntersuchung, und dank zusätzlicher, optimierter Untersuchungs- und Behandlungsmöglichkeiten sind die Kinder auch bald an der Reihe. Dennoch ist die Verstörung durch Krieg und Flucht bei beiden spürbar.

Asylsuchende müssen umgehend medizinisch untersucht werden. Das ist gesetzlich vorgeschrieben. Doch als in der Erstaufnahmeeinrichtung die Zahl der Flüchtlinge auf bis zu 5000 anwuchs, kam es zu langen Warteschlangen. Das Team der DRK-Praxis auf dem Gelände bekam Verstärkung: Mit Personal vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) und Freiwilligen wurden zwei „Untersuchungsstraßen“ eingerichtet, außerdem wurde ein Röntgencontainer installiert. Ein zweiter soll in zwei Wochen dazukommen. Eine solche Ausstattung ist Neuland für Erstaufnahme-Einrichtungen und gilt anderen Bundesländern als Vorbild.

Allein in den beiden „Untersuchungsstraßen“ können jetzt pro Tag bis zu 350 Flüchtlinge untersucht werden: zunächst mit Hilfe von Übersetzern eine Befragung zum Gesundheitszustand, dann Blutabnahme, Blutdruckmessung, die körperliche Untersuchung durch einen Arzt und – ab 15 Jahren – noch eine Röntgenuntersuchung. „Vorher mussten die Flüchtlinge dafür in eine Röntgenpraxis, ein hoher logistischer und zeitlicher Aufwand“, erklärt Dr. Jan-Thorsten Gräsner, Direktor im Institut für Rettungs- und Notfallmedizin am UKSH. Nun können die Flüchtlinge vor Ort geröntgt und die Daten direkt ins UKSH übertragen und ausgewertet werden.

Entgegen allen Vorurteilen seien die Flüchtlinge nicht mehr krank als die deutsche Bevölkerung: nur bei fünf Prozent ein Verdacht auf Erkrankungen, Krätze und Läuse nicht häufiger als in Kindergärten. Bei 5000 Flüchtlingen fand Gräsers Team nur dreimal einen Verdacht auf Tuberkulose. Auch Dr. Hilmar Keppler, der für das DRK die Hausarztpraxis auf dem Gelände leitet, findet: „Es wird eine inadäquate Angst vor einer Infektiosität von Flüchtlingen verbreitet. Das ist eine unverantwortliche Panikmache. Bei den Menschen, die zu uns kommen, sind schwere Erkrankungen und banale Auffälligkeiten genauso häufig verbreitet wie bei den Patienten in einer großen Allgemeinarztpraxis.“ Eine Besonderheit gibt es allerdings bei den Asylsuchenden: „Jeder dieser Flüchtlinge bringt eine seelische Verletzung mit. Der Unterschied liegt nur in der Tiefe der Verletzung.“

Am Wochenende, wenn die DRK-Praxis nicht geöffnet hat, steht im Friedrich-Ebert-Krankenhaus um die Ecke für Flüchtlinge eine Spezialeinheit bereit – mit Übersetzern und zwei syrischen Ärzten. Ein dritter kommt in Kürze hinzu. „Wir suchen noch muttersprachliches Pflegepersonal. Aber das ist sehr schwierig“, erklärt Pflegedirektor Christian de la Chaux. Doch auch jetzt schon sei die Einheit ein Segen. „Unser syrischer Kollege Dr. Munzer Shekho kann ganz anders auf die Patienten eingehen, weil er ihre Sprache spricht und selbst Bürgerkriegserfahrung hat“, betont der Chefarzt der Frauenklinik, Dr. Ivo Heer.

Für Gesundheitsministerin Kristin Alheit (SPD) ergeben die drei Versorgungsstränge ein gutes Behandlungsangebot. „Es ist uns gelungen, in kürzester Zeit die medizinische Versorgung für Flüchtlinge deutlich auszuweiten“, sagte sie bei einem Besuch in Neumünster und lobte alle Beteiligten ausdrücklich für ihr Engagement, das weit über den Dienst hinausgeht: „Was hier geleistet wird, ist großartig.“

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