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Reiner Pfeiffer gestorben

Schubladenaffäre Reiner Pfeiffer gestorben

So etwas hatte die Bundesrepublik noch nicht erlebt. 1987 erschütterte die Barschel/Pfeiffer-Affäre um Lügen, Intrigen und fiese Tricks gegen die SPD das Land. Mit Reiner Pfeiffer ist nun eine Schlüsselfigur jener Tage gestorben.

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Nach einer Knie-Operation war Reiner Pfeiffer (73), hier im Wohnzimmer seines Hauses nahe Bremen, in seiner Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt.

Quelle: Hans-Henning Hasselberg

Kiel. Ein echtes Wort der Entschuldigung hat Reiner Pfeiffer bis zum Ende nicht gefunden. Ausgerechnet der „Mann fürs Grobe“, der mit Uwe Barschel und Björn Engholm gleich zwei schleswig-holsteinische Ministerpräsidenten gestürzt hat, sieht sich selbst als Opfer, als der verkannte Held der beiden Kieler Affären. Seine große Hoffnung, mit einer weiteren Enthüllung noch einmal ins Rampenlicht zu kommen, erfüllt sich nicht. Der schwer erkrankte Ex-Journalist stirbt am 12. August mit 76 Jahren verarmt und einsam in Hambergen nahe Bremen als Pflegefall.

Nach Schleswig-Holstein kommt der gebürtige Westfale Ende 1986 eher zufällig, aber mit einem klaren Kampfauftrag. Der Springer-Verlag schickt den Bremer Provinzreporter in die Kieler Staatskanzlei, um Barschel bis zur Landtagswahl 1987 den Rücken zu stärken. Die CDU regiert Schleswig-Holstein damals seit mehr als 30 Jahren und fürchtet um die Macht. Der SPD-Spitzenkandidat Engholm ist populär, ein Kopf-an-Kopf-Rennen mehr als wahrscheinlich.

Pfeiffer fackelt nicht lang. Im Januar 1987, einen Monat nach seinem Dienstantritt in Kiel, beginnt der Lebenskünstler, der sich auch mal mit Grabreden über Wasser hielt, mit seinen „dirty tricks“ gegen Engholm. (siehe Kasten) Die Versuche, den SPD-Mann etwa mit einer anonymen Steueranzeige oder sogar mit einem angeblichen Aids-Verdacht persönlich zu treffen, sind in der Bundesrepublik beispiellos. Kurz vor der Wahl im September packt Pfeiffer aus, zum einen bei SPD-Landeschef Günther Jansen, der Engholm informieren lässt. Zum anderen beim Nachrichten-Magazin „Spiegel“, der am Wahl-Sonntag über „Barschels schmutzige Tricks“ berichtet – über „Waterkantgate“. Pfeiffer taucht ab, erhält vom „Spiegel“ als Verdienstausfall über die Monate gut 80000 Euro. In Kiel geht es nach dem Patt bei der Wahl drunter und drüber. Barschel beteuert seine Unschuld und tritt zurück, als sein Ehrenwort nicht mehr zu halten ist. Kurz vor seinem Auftritt im flugs eingesetzten Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) wird Barschel tot in der Badewanne eines Genfer Nobelhotels entdeckt. Pfeiffer sieht sich als Retter der Demokratie, weil er Barschel das Handwerk legte. Der PUA hält sich weitgehend an Pfeiffers Aussagen. Barschel soll der Drahtzieher gewesen sein.

Nach der ersten Kieler Affäre wird es ruhig um Pfeiffer. Engholm landet bei der Neuwahl 1988 einen Erdrutschsieg und wird Ministerpräsident. Hinter den Kulisse bahnt sich derweil die zweite Kieler Affäre an. SPD-Chef Jansen lässt Pfeiffer angeblich aus seiner Schreibtischschublade unter konspirativen Umständen insgesamt mehr als 20000 Euro zukommen. Das wird im März 1993 bekannt, kurz danach auch, dass Engholm dank Pfeiffer schon vor der Wahl 1987 von den Machenschaften wusste, den Landtag darüber belogen hatte. Engholm, seinerzeit SPD-Bundesvorsitzender und designierter Kanzlerkandidat, bleibt nur der Rücktritt. Mitleid mit Engholm hat Pfeiffer nicht. Er hätte ja gleich die Wahrheit sagen können, so Pfeiffer vor knapp drei Jahre in einem Gespräch mit unserer Zeitung.

In Kiel wird Pfeiffer zur Unperson. Der Schubladen-PUA zur zweiten Kieler Affäre findet keine Belege dafür, dass Barschel die schmutzigen Tricks in Auftrag gab. Seitdem gilt Pfeiffer als Einzeltäter und Märchenerzähler, was ihn wurmt. „Ich hätte damals in der Staatskanzlei mehr und bessere Beweise sammeln müssen“, meint er 2012. Pfeiffer ist da schon schwer gezeichnet. Nach einer misslungenen OP kann er kaum gehen, nur schleppend sprechen. Für seine Heldengeschichten gibt es nur noch eine Zuhörerin, seine Lebensgefährtin. Die frühere Lehrerin pflegt ihren Reiner, der sich immer noch als Paradiesvogel, Lebemann und Frauenschwarm fühlt. Pfeiffer wäre nicht Pfeiffer, wenn er nicht an einer ganzen großen Story arbeiten würde. Damals ist es seine „Biografie“ mit neuen Enthüllungen, diesmal über einen ranghohen Kieler Politiker, der in kriminelle Geschäfte verwickelt ist. Mit dem Skandalbuch will er zurück ins Rampenlicht, aber vor allem den Menschen die Augen dafür öffnen, dass er ein ehrenwerter Mann ist. Es ist Pfeiffers letzter Traum. Das Buch ist nie erschienen.

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Ein Artikel von
Ulf B. Christen
Landeshaus-Korrespondent

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Serie Ehemaligentreffen: Björn Engholm
Foto: „Es gab einen enormen Erwartungsdruck, und wir konnten ihn erfüllen“: Ex-Ministerpräsident Björn Engholm über seine Regierungszeit, die 1988 mit einem fulminanten Sieg bei der Landtagswahl begann und 1993 mit seinem Rücktritt endete.

In der Diele der Lübecker Altbau-Villa spielt klassische Musik. Im hellen Wohnzimmer, umgeben von abstrakter Kunst, sitzt Björn Engholm. Er spricht über das Leben und die Politik jenseits des Tagesgeschäftes. Ab und zu zieht er nachdenklich an seinem Zigarillo, neigt den Kopf leicht zur Seite, scheint ganz auf seine Besucher konzentriert. Der frühere Ministerpräsident, SPD-Parteichef und designierte Kanzlerkandidat gibt sich genau so, wie man ihn in Erinnerung hat.

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