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Den Politikbetrieb besser verstehen

Migranten in SH Den Politikbetrieb besser verstehen

Kadir Özdas ist Kieler. Hier ist er geboren und aufgewachsen, hier studiert er. Trotzdem fühlte er sich manchmal fremd. Zum Beispiel in der Politik. Das hat sich jetzt geändert. Denn der 26-Jährige hat im CDU-Politiker Daniel Günter einen Mentor gefunden.

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Rasmus Andresen, grüner Landtagsabgeordneter aus Flensburg, und sein Mentee Zenab Alsultani aus dem Irak engagieren sich jetzt gemeinsam gegen Plastikmüll – im Wasser und an Land.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Beide haben sich über das Awo-Mentoring-Programm kennengelernt.

 Die Eltern von Kadir Özdas sind aus der Türkei eingewandert. „Ich glaube, so wie mir ergeht es vielen Kindern von Migranten. Die Eltern interessieren sich weiter für die Politik in der alten Heimat. Die Politik hier ist kein Thema in den Familien, das politische System bleibt uns fremd und undurchsichtig. Die Berührungsängste sind groß“, sagt der Informatikstudent. Als er an der Fachhochschule Kiel von dem Mentoringprojekt hört, ergreift er sofort die Chance. „Ich wollte wissen, wie der Politikbetrieb von innen aussieht und man als Bürger mit ausländischen Wurzeln politischen Einfluss nehmen kann.“

 Auch Daniel Günther meldet sich sofort, als die Awo Ende 2015 das neue Programm vorstellt. Aus Neugierde und weil er es notwendig findet, Politik auch für Migranten transparent zu machen und die Scheu vor politischer Betätigung zu nehmen. „Die freie demokratische Grundordnung Deutschlands zu verstehen, sie zu nutzen und sich in ihr zurecht zu finden, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für gelungene Integration“, sagt Awo-Landesvorsitzender Wolfgang Baasch. Das Programm könne dabei helfen.

 Landes- oder Kommunalpolitiker ermöglichen einem Migranten oder Flüchtling drei Monate lang direkten Einblick in die politische Arbeit. Dabei suchen sie sich nicht selbst einen Mentee aus, sondern bekommen jemand zugeteilt. „Das macht die Sache spannend und den Austausch für beide Seiten ergiebiger“, findet Günther. Der Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion und der Student sind sich politisch keineswegs immer einig. „Wir haben Argumente ausgetauscht und auch Verständnis für die andere Positionen entwickelt“, sagt Özdas. „Aber über das Burkaverbot müssen wir noch einmal ausführlich reden.“ Besonders positiv ist ihm das lockere Klima, im Landtag aufgefallen. „Ehrlich gesagt war ich richtig schockiert, dass im Landtag so verständlich geredet wird. Ich hatte Politikersprech erwartet.“

Politik auf der Tagesordnung

 Diese Erfahrung bestätigen auch Anik und Vahag Petrosyan. Die 19-Jährige und ihr 17-jähriger Bruder sind mit ihren Eltern Anfang 2014 aus Armenien geflüchtet. „Wir diskutieren die Unterschiede von Diktatur und Demokratie viel mit unserem Vater. Politik steht bei uns auf der Tagesordnung“, sagt Anik Petrosyan. Deshalb hätten sie unbedingt bei dem Projekt mitmachen wollen. „Auch wenn das schwierig ist, weil wir noch in die Schule gehen“. Ihre Mentorin, die SPD-Landtagsabgeordnete Serpil Midyatli, hat die beiden trotzdem zu möglichst vielen Terminen mitgenommen, ihnen den komplizierten Landeshaushalt und das Gesetzgebungsverfahren erklärt . „Ich möchte vermitteln, dass sich jeder Bürger einmischen kann und die Demokratie vom Mitmachen lebt“, sagt die 41-Jährige, die sichtlich einen freundschaftlichen Draht zu ihren Mentees entwickelt hat.

 Das gilt auch für den Landtagsabgeordnete Rasmus Andresen. Dem 30-jährigen Grünen aus Flensburg wurde die 50-jährige Zenab Alsultani zugeteilt. Beide haben nicht nur viele Termine miteinander erlebt, sondern zusammen ein Projekt entwickelt. Die Irakerin arbeitet in Flensburg für das Jobcenter und die Awo als Übersetzerin und erlebt dabei oft, dass Flüchtlinge sehr hohe Stromrechnungen haben. „Deshalb möchten wir in einem mehrsprachigen Flyer über Umweltschutz im Alltag informieren, also etwa Strom sparen, Müll trennen, klimafreundlich einkaufen.“ Der Flyer soll landesweit an Flüchtlinge verteilt werden. Zuerst organisiert sie mit grüner Unterstützung aber einen Informationstag inklusive Müllsammeln am Strand in Flensburg.

 Langfristig will die Bauingenieurin nicht nur hier das Umweltbewusstsein verbessern, sondern auch erneuerbare Energietechnologien in den Irak bringen. Deshalb will sie ihre neuen politischen Kontakte unbedingt vertiefen.

 Und die anderen Mentees? Die armenischen Geschwister wollen noch mehr über Finanz- und Bildungspolitik lernen. Und Kadir Özdas will sich tatsächlich politisch in der Kieler Kommunalpolitik engagieren.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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