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Weniger als 50 Prozent noch in der Nordkirche

Mitgliederschwund Weniger als 50 Prozent noch in der Nordkirche

In Schleswig-Holstein bekennt sich seit mehr als 400 Jahren erstmals weniger als die Hälfte der Bevölkerung zur evangelisch-lutherischen Kirche. Das geht aus einer Berechnung von KN-online hervor, die auf den Mitgliedsdaten der Nordkirche fußt.

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Andreas Tietze ist Präses der Nordkirche.

Quelle: Markus Scholz/dpa

Kiel. Die historische Zäsur ist eine Folge der Austrittswellen der vergangenen Jahre. Besser steht es um die katholische Kirche: Sie ist zwar kleiner, kann in Norddeutschland aber zulegen.

 „Die evangelisch-lutherische Kirche in Norddeutschland ist trotz der Mitgliederverluste auf einem guten Weg“, versichert Synoden-Präsident Andreas Tietze. „Mit der Quantität geht es zwar bergab, mit der Qualität aber bergauf.“ Belegen lässt sich insbesondere der anhaltende Abwärtstrend. Seit den 70er Jahren haben in Norddeutschland mehr als eine Million Menschen der evangelischen Kirche den Rücken gekehrt. Ende 2013 gab es in der Nordkirche (Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern) 2,194 Millionen Protestanten. In Schleswig-Holstein hielt damals noch gut die Hälfte der Einwohner (50,39 Prozent) der Kirche die Treue.

 Seitdem ist die Nordkirche weiter geschrumpft. Bis Ende 2014 verlor sie nochmals rund 48500 Mitglieder, davon konservativ gerechnet mindestens die Hälfte in Schleswig-Holstein. Durch diesen Aderlass dürfte der Marktanteil der Protestanten erstmals seit der Reformation im 16. Jahrhundert unter 50 Prozent liegen. Kirchensprecher Stefan Döbler bestätigte nur den Mitgliederschwund („Jeder Austritt schmerzt“) und verwies auf Ende 2015. Bis dahin will die Nordkirche die genauen Länderzahlen ermitteln.

 Tietze stellt schon jetzt klar, dass ein „Schielen auf Prozente“ wenig bringe. „Das hilft der Kirche nicht weiter.“ Wichtiger sei, auf die Inhalte zu schauen und Menschen mit attraktiven Angeboten von der Kirche zu begeistern. „Ich denke etwa an die Flüchtlingshilfe.“ Die Nordkirche sei hier sehr aktiv. In mehr als 150 Gemeinden werde Asylbewerbern geholfen. Tietze setzt zudem auf das nach wie vor einzigartige „Vertriebsnetz“ der Protestanten in Schleswig-Holstein. „Unsere Kirche ist fast in jedem Dorf präsent.“

 Die katholische Konkurrenz hat keinen Grund zur Klage. Das Erzbistum Hamburg, zu dem auch Schleswig-Holstein und der Landesteil Mecklenburg gehören, meldet seit fünf Jahren Zuwachsraten und zählt derzeit rund 400000 Mitglieder. Hauptgrund seien Zuzüge in die Metropolregion, berichtet die Leiterin des katholischen Büros in Kiel, Beate Bäumer. Fast 20 Prozent der Katholiken im Bistum sind „fremdsprachig“, 35000 stammen aus Polen. Danach folgen Italien, Portugal und Kroatien.

 In Schleswig-Holstein blieb die Mitgliederzahl in den vergangenen 20 Jahren mit rund 180000 (gut sechs Prozent der Bevölkerung) stabil. Hinzu kommt, dass die Katholiken im Norden besonders zusammenhalten. Bäumer: „Diaspora schweißt zusammen.“

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Ein Artikel von
Ulf B. Christen
Landeshaus-Korrespondent

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Fast 500 Jahre nach dem Beginn der Reformation hat sich der Wind gedreht. Die Nachfolger Martin Luthers haben im einst erzprotestantischen Schleswig-Holstein nur noch knapp die Hälfte der Bevölkerung hinter sich. Damit hat die evangelische Kirche bis auf Weiteres den Anspruch verwirkt, für die Mehrheit der Schleswig-Holsteiner zu sprechen. Das wird Wellen bis ins Landeshaus schlagen. Dort gibt es schon jetzt Stimmen, althergebrachte Privilegien der Nordkirche zu überprüfen.

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