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209 Ja-Stimmen für Daniel Günther

Nord-CDU 209 Ja-Stimmen für Daniel Günther

Mit neuer Führung probt die Nord-CDU den Aufbruch. Fraktionschef Günther führt nun auch die Landespartei. Er will die im Umfragetief steckenden Christdemokraten auf die Erfolgsspur bringen und Ministerpräsident werden. Sein Ziel ist ein „Jamaika“-Bündnis.

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Die CDU in Schleswig-Holstein vollzog am Sonnabend ihren vor drei Wochen eingeleiteten Führungswechsel.

Quelle: Frank Peter

Neumünster. Auf den Tischen liegen Lebkuchenherzen, wie man sie seinen Liebsten auf dem Jahrmarkt um den Hals hängt. Ein orangefarbener Sticker klebt in der Mitte, und um die Aufschrift „CDU“ sind die Kfz-Kennzeichen aus Schleswig-Holstein gruppiert. Keiner der knapp 270 Delegierten auf dem Landesparteitag in den Holstenhallen Neumünster hat sich ein solches Herz umgebunden. Es ist das Logo des glücklosen Sylter Parteichefs Ingbert Liebing, der an diesem Sonnabend das Zepter an Daniel Günther weitergibt.

Um 13.45 Uhr ist für den neuen Mann an der Spitze die Stunde der Wahrheit angebrochen. „Wir alle wissen, dass es nicht das Leichteste ist, sechs Monate vor der Wahl den Spitzenkandidaten zu wechseln“, sagt Günther zu Beginn seiner etwa einstündigen Rede. Als Oppositionschef übernehme er Mitverantwortung dafür, dass sich im Land noch immer keine Wechselstimmung eingestellt hat. Aber allen müsse klar sein: Das sei ein Weckruf.

Der 43-Jährige will Diskussionskultur wieder zum Markenzeichen der CDU machen. „Und zwar offen und nicht in einer schummrigen Ecke beim Flurfunk oder in der Stammkneipe.“ Er lobt die Empathie und kommunikativen Fähigkeiten von Frauen. „Das Gender-Kleinklein interessiert mich nicht, das große Ganze muss stimmen.“ Frauen müssten gleichberechtigt in Verantwortung sein.

Hier finden Sie Fotos von der Wahl von Daniel Günther zum Vorsitzenden der Nord-CDU.

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SPD und Grüne würden bei den Themen Vollverschleierung und Kinderehen abtauchen. „Sie nennen das Toleranz. Ich nenne das Duldung von Grundrechtsverletzungen. Mädchen sind keine Bräute“

Der Landesregierung fehle der Wille zur konsequenten Abschiebung abgelehnter Asylbewerber. „Zur Akzeptanz gehört, dass wir einen glasklaren Unterschied machen zwischen Menschen, die aus Kriegen fliehen, und Menschen, die für sich eine bessere Perspektive suchen.“ Günther spricht von einer Leitkultur der Grundwerte mit Gleichberechtigung, Meinungs- und Pressefreiheit und sexueller Selbstbestimmung. In seiner Vision von Bildung geht es um die Anerkennung von Leistung, aber auch um Chancengleichheit. Sozialpolitisch sei es ihm ein „Herzensanliegen“, dass jedes Kind in Schleswig-Holstein ein vollwertiges warmes Mittagessen bekommt.

Und nicht zuletzt hält Günther eine wirtschaftsfreundliche Politik, die Investitionen vorantreibt, für unverzichtbar. Zum Schluss, als sein Redefluss schneller und schneller wird, sagt er druckvoll: „Ja, wir wollen wieder auf die Überholspur. Ich möchte bald mit Stolz und Freude sagen können: Der Norden ist der neue Süden.“ Es folgen Bravorufe, dann erhebt sich der Saal zum zweieinhalbminütigen Applaus.

209 Delegierte stimmen danach für Günther, 44 gegen ihn, vier enthalten sich. Mit 81,3 Prozent hat er damit sein Ergebnis vom Juni, als es um Listenplatz 2 ging, um 1,4 Punkte verbessert.

„Herr Albig ist zu freundlich“

Zuvor hatten Alt-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen und Bundesinnenminister Thomas de Maizière den Zusammenhalt beschworen. „Herr Albig ist zu freundlich“, sagte de Maizière, „Herr Stegner zu unfreundlich, Herrn Habeck ist es in Schleswig-Holstein zu klein, der will weg. Und Herr Kubicki weiß alles am besten, vor allem hinterher. Und jetzt haben Sie Daniel Günther, der die Partei wie seine Westentasche kennt.“ Dieser werde das Ding schon schaukeln – „wenn Sie alle mitmachen“.

Bei Fraktionvize Katja Rathje-Hoffmann geht das schief. Günthers Vertraute ist zur Neuwahl der stellvertretenden Vorsitzenden eine seiner vier Wunschkandidaten. Stattdessen zieht aber neben dem Abgeordneten Tobias Koch (72,5 Prozent), der Bundestagsabgeordneten Sabine Sütterlin-Waack (72,9) und Junge-Union-Chef Tobias Loose (60,2) knapp die Abgeordnete Astrid Damerow aus Nordfriesland (53,7) in den Vorstand ein. Rathje-Hoffmann unterliegt mit 50,1 Prozent.

Das Parteilogo mit dem Herzen und den Autokennzeichen wird das Erste sein, was der neue Chef vom Tisch fegt. Für solche Spielereien sei die Lage viel zu ernst.

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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Krankenbesuche tun gut. Und deshalb atmeten die Delegierten der Nord-CDU am Sonnabend spürbar auf, als Thomas de Maizière zu ihnen sprach. Nach Monaten, ach was, Jahren permanenter Selbstzerfleischung tat es der Parteiseele gut, dass da ein renommierter Bundespolitiker vorbeikam und ihre Widerstandskräfte stärkte.

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