16 ° / 11 ° stark bewölkt

Navigation:
Hoch und runter in der Landespolitik

Paternoster Hoch und runter in der Landespolitik

Kameraschwenks, Blitzlichtgewitter, Journalisten rempeln, Politiker betteln um Interviews: Im Landeshaus herrscht an diesem Freitag hektische Betriebsamkeit. Grund: Der Paternoster.

Voriger Artikel
Kernkraftwerk Brokdorf zur Jahresrevision vom Netz
Nächster Artikel
Kampfkandidatur um Vorsitz der Hamburger Grünen

Die FDP wirft den Sozialdemokraten in Sachen Landeshaus-Paternoster „Bürokratiewahn“ vor, daher fuhr der liberale Landesvorsitzende Heiner Garg nun den halben Tag im Kreis.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. „Ist jemand zurückgetreten?“, fragt ein Besucher vor dem in ewiger technischer Gleichförmigkeit auf und ab rumpelnden Paternoster. Falsche Frage, richtiger Ort: Der Aufzug selbst ist Anlass des Aufruhrs, besser gesagt eine Verordnung von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD), die die Mitfahrt an schärfere Auflagen binden will.

Weshalb die FDP das Aus für das Gefährt befürchtet, den Sozialdemokraten „Bürokratiewahn“ vorwirft und der liberale Landesvorsitzende Heiner Garg nun den halben Tag in einer gelben Kabine im Kreis fährt, sich dabei filmen lässt und gelegentlich aussteigt, um Interviews zu geben. Darin wird vor allem Ralf Stegner, SPD-Fraktionschef und „sechster stellvertretender Bundesvorsitzender“ aufgefordert, diesen „Unsinn aus dem Hause Nahles“ zu stoppen.

Stegner selbst hält derweil drei Stockwerke höher wie üblich die „rote Runde“ mit Ministerpräsident Torsten Albig und den SPD-Ministern ab. Sie alle spült irgendwann der Paternoster vor die Füße der Journalisten. Also erzählt man sich, wie die Fahrt war, wie die Gemütslage sich beim Auf und Ab ändere („kontemplativ“, „sinnlich“, „aufregend“) und auch, dass die Räder sich doch wohl weiter drehen werden. Was stimmt, wenn man die geltenden Regelungen mit dem vergleicht, was aus Berlin droht.

Doch der Wahnsinn ist noch nicht zu Ende: Am Nachmittag kündigt die FDP an, das Thema in den Landtag bringen zu wollen. „Rettet den Paternoster“ lautet die Überschrift der Pressemitteilung. Unterschrieben von Wolfgang Kubicki, der auch stellvertretender Bundesvorsitzender ist. Die CDU findet das plötzlich ebenfalls wichtig, Stegner kontert: „In der Ruhe liegt die Kraft.“ Auf der Homepage des Landtags übt sich der Sprecher des selbigen am Verfassen einer paternostischen Glosse. Was auch nicht häufig vorkommt. Und der Piraten-Abgeordnete Uli König verlinkt im Internet seine eigenhändig abgedrehte Paternoster-Video-Reportage. Mehr Auf und Ab war nie.

 Nur den Aufzug selbst fragt niemand. Dabei könnte er viel erzählen. Nicht nur von dem Lieferanten, der einst die Eier-Paletten so platzierte, dass die fragile Fracht zwischen den Kanten verklemmte und für die Schweinerei des Jahres sorgte. Und auch nicht nur von dem Handwerker, der eine Leiter in die Kabine stopfte und dabei das halbe Fahrwerk zerstörte. Der altehrwürdige Paternoster kann vor allem Geschichten erzählen von jenen, denen er täglich die Füße küsst. Die in ihm nach oben streben und dabei so gern entschweben. „Politiker sind auch nur Menschen“, mag er sagen. „Und runter kommen sie alle.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Patrick Tiede
Redaktion Lokales Kiel/SH - Landeshaus-Korrespondent

Mehr zum Artikel
Landeshaus in Kiel
Foto: Der viel genutzte Paternoster-Fahrstuhl im Kieler Landeshaus ist vorerst stillgelegt worden.

Generationen von Abgeordneten haben den Paternoster-Fahrstuhl im Kieler Landeshaus geliebt. Jetzt wurde er stillgelegt — als Folge einer Verordnung von Bundesarbeitsministerin Nahles. Die FDP zeigt sich amüsiert, dass SPD-Fraktionschef Stegner nun Treppen steigen muss.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Politik 2/3