18 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Ein bewusst andersartiger Ort

Raum der Stille Ein bewusst andersartiger Ort

Neben dem alltäglichen Politkarussell gibt es einem Ort im Kieler Landtag, der bewusst anders ist: Der "Raum der Stille", der 2009 eingerichtet wurde.

Voriger Artikel
Flüchtlingsunterkünfte: Leonhard will durch alle Instanzen
Nächster Artikel
Stegner würde lieber mit FDP statt Linker koalieren

Einmal im Monat halten die Ordensschwester Maria Magdalena (li.) und die Pastorin Claudia Bruweleit hier eine Andacht. Landtagspräsident Klaus Schlie ist meistens mit dabei.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Draußen wird gleich das Politkarussell voll aufdrehen: Der Landtag entscheidet über den Haushalt, über die HSH Nordbank mit ihren Abgründen, über einen Polizeibeauftragten, über Windenergie, über Verbraucherberatung – und das alles birgt jede Menge Stoff für Kontroversen.

Hier drinnen aber ist davon um kurz nach 8 Uhr nichts zu spüren. An diesem Morgen wird im „Raum der Stille“, nur wenige Meter vom gläsernen Plenarsaal entfernt, ein neues Holzkreuz geweiht – das Werk des Kieler Bildhauers Volker Tiemann ist eine Dauerleihgabe der Nordkirche und des Erzbistums Hamburg.

 Etwa 20 Verwaltungsmitarbeiter und Abgeordnete verschiedener Couleur sind gekommen. Klaus Schlie (CDU) hat in der ersten Reihe Platz genommen, neben ihm sitzt sein Stellvertreter Bernd Heinemann (SPD). Der Landtagspräsident nutzt das etwa 60 Quadratmeter große Refugium mindestens einmal im Monat und sagt nach der halbstündigen ökumenischen Andacht, dass ihm etwas fehlen würde, wenn es diesen Ort nicht gäbe. „Hier kann ich mich darauf besinnen, was diese Gesellschaft trägt: das Christentum. Für mich ist das so.“

 Franziskaner-Ordensschwester Maria Magdalena (48) vom Haus Damiano nickt. Der „Raum der Stille“ sei ein bewusst andersartiger Ort. „Im Landtag geht es um Intellekt, um Sprechen, Ringen und Kompromisse“, sagt sie. Das Haus müsse auf die ständig neuen Vorkommnisse in der Welt reagieren. „Hier dagegen darf auch gesungen und gebetet werden – das ist eine ganz andere Ebene. Wer bin ich in meiner Verantwortung?“

 Das Herausgehobene aus dem Alltäglichen unterstreicht auch Claudia Bruweleit (50), evangelische Pastorin für Regierung und Landtag. Sie spricht von einer „Wirklichkeit, die höher ist als mein augenblickliches Erkennen“, und von Momenten, in denen der Mensch nach Innerlichkeit sucht. Das brauche nicht zwangsläufig im Rahmen von Andachten stattzufinden. „Ich habe hier schon Abgeordnete im vertieften Zwiegespräch angetroffen, und das war jedes Mal anders als in der Cafeteria.“ Stille sei hilfreich, schnell auf das Eigentliche zu kommen.

 2009 war der Raum auf maßgebliches Betreiben des damaligen Landtagspräsidenten Martin Kayenburg (CDU) hergerichtet worden, und entgegen seiner Bestimmung gab es zunächst richtig Krach: 50000 Euro für schlichte Ästhetik erschienen der Parlamentarischen Grünen-Geschäftsführerin Monika Heinold eine absolute Verschwendung zu sein – ein Fünftel davon hätte ihr ausgereicht. Längst ist Heinold Finanzministerin und hat ganz andere Sorgen. Die Verwaltung mit ihren 125 Mitarbeitern, etwa genauso viele Mitarbeiter der Fraktionen und Abgeordnete nutzen den Raum auch für Seminare, Vorstellungsgespräche – und gelegentlich für professionelle Rückenmassagen. Der balsamische Duft hält sich noch tagelang. „Ein Haus der Hektik kann diesen Ruhepol gut vertragen“, sagt Landtagssprecher Tobias Rischer.

 Das 1,80 Meter hohe Holzkreuz, das der Künstler Tiemann eigens mit einem Podest kombiniert hat, wird nach den Andachten woanders aufbewahrt. Streng genommen ist der „Raum der Stille“ für Gläubige aller Religionen und Konfessionslose konzipiert. Damit stünde er auch einem jüdischen oder islamischen Gebetskreis zur Verfügung. Bislang habe es dafür aber keine Anfragen gegeben.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Politik 2/3