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„Aus dem Alltag bin ich ganz schön raus“

Robert Habeck und Andrea Paluch „Aus dem Alltag bin ich ganz schön raus“

Robert Habeck (46), stv. Ministerpräsident und grüner Umwelt- und Landwirtschaftsminister von Schleswig-Holstein, ist seit 20 Jahren mit der Schriftstellerin Andrea Paluch (45) verheiratet. Das Paar hat vier Söhne. Zum Vatertag haben sie mit den Kieler Nachrichten über das Elternsein, Erziehungsfragen und die gemeinsame Beziehung gesprochen. Und ein bisschen auch über Politik.

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Robert Habeck und seine Frau Andrea Paluch sind seit zwanzig Jahren verheiratet.

Quelle: Imke Schröder

Wie fühlen sie sich beide mit der bestätigten Entscheidung, dass es ohne Rückfahrtschein nach Berlin geht? Es kann Scheitern, aber auch gutgehen. Wie ist das Gefühl?

Habeck: Sie fängt an.

Paluch: Warum?

H: Ich bin ein Mann, ich habe keine Gefühle.

P.: Du bist supersensibel.

H.: Falsche Antwort.

P.: Jetzt bist du berührt. Bravo. Der erste Schritt ist gemacht.

H.: Ich glaube, ich kann das Gefühl gar nicht nur auf mich beziehen, ich muss es politisch beantworten: Für die Grünen heißt es, dass es jetzt nur noch nach vorne geht: Ich gewinne die Urwahl. Und mit dem Rückenwind der gewonnenen Urwahl holen Konstantin von Notz und ich so viele Stimmen, dass es locker für vier Mandate in Schleswig-Holstein reicht. Schluss mit grünem Kleinmut. Heute habe ich ein bisschen länger ausgeschlafen, ab morgen werden die Ärmel hochgekrempelt um dann Berlin aus den Angeln zu heben.

Gemeinsames Leben

Robert Habeck (46) ist seit vier Jahren Vizeministerpräsident in Kiel und Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt. 2004 wurde er grüner Landeschef in Schleswig-Holstein, 2009 Fraktionschef der Grünen im Landtag. Neben Kinderbüchern und Übersetzungen englischer Lyrik veröffentlichte Robert Habeck mit seiner Frau Andrea Paluch (45) die Romane „Hauke Haiens Tod“ (2001), „Der Schrei der Hyänen“ (2004), „Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf“ (2005), „Zwei Wege in den Sommer“ (2006), „Unter dem Gully liegt das Meer (2007) und „SommerGIG“ (2009)“. Das Paar ist seit zwanzig Jahren verheiratet, hat vier Söhne im Alter von 13 bis 19 und wohnt in der Nähe von Flensburg.

Gibt es auch Ängste vor dem möglichen Scheitern?

P.: Nein, weder Robert noch ich haben Angst. Wenn etwas endet, beginnt etwas Neues. Das ist für uns nichts Bedrohliches.

H.: Wir haben uns entschieden, früh Kinder zu bekommen. Gerade als wir beruflich hätten einsteigen können. Dann haben wir Berufsangebote ausgeschlagen, um Schriftsteller zu werden. Da haben auch nicht alle in unserem Umfeld „Hurra“ geschrien. Später, gerade als es richtig gut lief, habe ich meinen Traumberuf Schriftsteller aufgegeben, um Politiker zu werden. Angst loszulassen und etwas Neues zu wagen, haben wir nie gehabt.

P.: Es gibt halt mehrere Sachen, die interessant sind. Es gibt nicht nur Politik.

Aber dann wäre er auf einmal schon viel mehr zu Hause, das wäre doch schon eine Umstellung?

H.: Davor hat sie dann doch Angst. Dass ich wieder mehr zu Hause bin, die Wäsche mache, den Einkauf, den Abwasch. Dann muss sie wieder ihre Socken in meinem Fach suchen und die Müslischalen stehen wieder bei den Sektgläsern.

P.: Wir haben ja zehn Jahre alles von zu Hause gemacht, zu Hause gearbeitet, den Alltag von der ersten bis zur letzten Stunde geteilt. Wir müssten das bestimmt erst wieder üben. Aber unter vielen Möglichkeiten wäre es eine.

H.: Andrea ist da immer glasklar. Sie hat auch bei der Sache mit der Spitzenkandidatur immer gesagt: Mache das! Sie will das Lauwarme nicht, immer ein Ja oder ein Nein. Das ist übrigens eine Liebeserklärung.

P.: Das ist eine schöne Liebeserklärung.

Wenn wir jetzt schon bei Liebe sind: Wie haben Sie sich denn eigentlich kennengelernt?

H.: Darf ich die Geschichte erzählen?

P.: Ich weiß jetzt nicht, wie weit Du ausholen willst. Ich würde sagen, beim Theaterspielen während des Studiums.

H.: Das ist die zweite Geschichte.

P.: Wusste ich doch, dass er weiter ausholen will.

H.: Als die Theatergruppe gegründet wurde, trafen wir uns in einer Kneipe in Freiburg. Und mir gegenüber saß ein Mädchen aus Hannover, die hatte sich kurz vorher die Haare selber geschnitten und hatte sich dabei den halben Pony abrasiert. Sie kam aus Hannover und ich aus Kiel. Zwei Norddeutsche in Süddeutschland und Pfingsten stand vor der Tür. Da haben wir abgemacht, wenn der eine oder die andere nach Italien fährt, muss man dem anderen Bescheid sagen, und der andere muss dann auch mitkommen. Am Abend vor Pfingsten – ich hatte gerade noch Besuch aus Kiel – hat Andrea mich aus Luzern angerufen und gesagt, sie fährt am nächsten Tag nach Pisa und jetzt sei es an mir, mein Wort einzulösen. Ich stand am nächste Morgen um vier Uhr an der Autobahn, um nach Luzern zu trampen. Und kein Auto hielt. Drei Stunden totale Flaute. Und dabei ging es echt um die Ehre oder vielmehr auch um das Lebensglück. Ich wollte grad verzweifelt abbrechen, da hielt ein Cabrio mit zwei geschminkten, blonden Frauen wie in einem billigen Hollywoodfilm an und die haben mich pünktlich zu Andrea gefahren und dann sind wir gemeinsam weiter nach Pisa per Mitfahrgelegenheit in einem alten R4.

P.: Wenn man etwas verspricht, dann muss man es auch halten. Meine Geschichte wäre aber kürzer und besser gewesen: Wir haben uns beim Theaterspielen kennengelernt, ich habe den Henker gespielt und Robert den Verurteilten. In der „Panne“ von Fridrich Dürrenmatt.   

H.: Ich hätte gewarnt sein können (lacht).

Wann war der Moment, an dem Sie wussten, dass Sie sich verliebt hatten?

H.: Als Andrea Querflöte vor dem Pisaer Dom gespielt hat, um das Geld für den Wein am Abend zu verdienen.

P.: Ich habe Robert beim Tanzen auf der Erstsemesterparty gesehen. Da hast du die Welt angelacht.

H.: Ah, jetzt kommt’s raus. Pisa und so - das war alles eingefädelt und von langer Hand geplant…

Sie haben vier Söhne. Was ist die besondere Herausforderung am Elternsein?

P.: Die Herausforderungen, wie sie andere Paare haben, die kennen wir so ja gar nicht, weil wir uns immer das Arbeiten und das Kinderbetreuen geteilt haben. Da war Disziplin die Herausforderung. Wir hatten ein bestimmtes Zeitfenster zum Arbeiten, und in der Zeit musste man fertig sein, weil der andere dran kam. Erstmal einen Kaffee trinken, die Mails checken, so rumtrödeln, das ging nicht. Und auf der anderen Seite konnte man die Kinder abgeben, wenn sie gerade nervig wurden. Das Leben war für uns beide optimal. Die größte Herausforderung ist die Umstellung beim ersten Kind gewesen, würde ich sagen.

Dabei sagen ja viele, dass der Sprung von einem auf zwei Kinder die große Herausforderung ist, bei Ihnen kamen ja gleich Zwillinge und der Sprung auf drei Kinder.

H.: Andrea musste zwei Kinder stillen, man musste doppelt so viele Windeln anschleppen, mit zwei Löffeln füttern. Aber die Lebensumstellung selbst war nicht mehr nötig. Das Studentenleben, Partys, Theaternächte, das hatten wir alles schon vorher aufgegeben. Für mich war die Herausforderung des Vaterseins vor allem eine psychische. Ich habe mich ganz konservativ in die Verantwortung genommen gefühlt. Auf einmal habe ich mir Sorgen um das Einkommen und ums Geld gemacht. Die Kinder waren null und drei und ich konnte nachts nicht schlafen, weil ich darüber nachdachte, wovon ich die Ausbildung bezahle. Aber das Größte war schlicht das Wunder, dass da ein Mensch aus dem Nichts entsteht, der einem in die Verantwortung gegeben wurde. Das war krass. Aber krass super.

Und bei vier Jungs - hätten Sie sich da nicht lieber mal ein Mädchen gewünscht?

P.: Ich wollte ursprünglich nur Mädchen, die wurden mir auch zugesichert.

H.: Es heißt doch Jungs machen Jungs, und Männer machen Mädchen. Ich habe das als Kompliment verstanden.

P.: Ich glaube, so ist es nicht gemeint. Beim vierten Kind habe ich aber auch gedacht, das wäre jetzt Sünde, wenn das nun ein Mädchen würde. Wir waren ja völlig jungsausgerüstet. Und ja, ich glaube, es prägt einen, ob man Jungs- oder Mädchen-Mutter ist. Wenn ich jetzt Freundinnen sehe mit Mädchen, die pubertieren, da möchte ich nicht tauschen. Ich bin ganz zufrieden so wie es ist. Aber wir hätten auch richtig coole Mädels gehabt. Solche Frauen, wie wir jetzt Jungs haben, kann das Land auch gut gebrauchen.

Was haben die Jungs zu Berlin gesagt?

P.: Die unterstützen das total. Das schöne ist, sie verstehen auch, worum es geht.

H.: Die sind natürlich parteiisch. Aber durch Parteilichkeit wird man politisch. Und das wiederum beflügelt mich: Es ist super, wenn junge Leute sich mit Leidenschaft für Politik interessieren. Wir haben so politische Zeiten und mein ganzes Ziel ist, dass sich Menschen einmischen. Dass die Grünen einen Funken schlagen, so wie bei uns im familiären Umfeld.

Waren Sie sich in Erziehungsfragen immer einig?

H: Immer.

P: Nie. Ich geh da nicht theoretisch ran. Ich weiß einfach, was richtig und was falsch ist.

H.: Ja oder Nein. Hab ich es nicht gesagt? Ich weiß das eben nicht. Ich bin inkonsequent. Vielleicht bin ich es aber auch mit Absicht, um auszuprobieren, wie weit ich dich ärgern kann.

P.: Das ist für die Jungs auch super, dass Du mich ärgern willst. Und dass Du dich mit ihnen streitest. Das ist manchmal wie Armdrücken. So können sie sich an dir abarbeiten. Bei mir ist alles so harmonisch.

H.: Ich wollte eigentlich sagen, dass es bei mir harmonisch ist. Weil ich ihnen mehr erlaube.

Dieses Jahr sind Sie 20 Jahre verheiratet, wie haben Sie es geschafft, sich als Paar nicht im Elternsein zu verlieren?

P.: Das liegt daran, dass wir unsere Leben so geteilt haben. Ich beobachte manchmal, dass sich das Leben durch Kinder auseinanderdividiert, weil die Frau zu Hause hockt und ein Kinderleben führt und der Mann zur Arbeit geht und ein Arbeiterleben führt. Und man teilt seinen Alltag nicht mehr. Und dann hat man sich nichts zu sagen.

H.: Und dann fehlt der gemeinsame Bezugspunkt. Der eine ist total gestresst und will abends nur abhängen und die andere hat den ganzen Tag nichts anderes gesehen als Karottenpürieren und Windeln gewechselt. Der eine ist müde und die andere will reden. Dann werden die vielen kleine Rangeleien, die wir natürlich auch kennen, plötzlich übergroß. Und am Ende zerbricht eine Beziehung an der Frage, wer Schuld ist, dass die Milch immer in den Kühlschrank schwappt, weil man sie mit der Öffnung nicht an die Türinnenseite stellt. Für uns war die Übergangsphase um 2007 oder 2008 die schwierigste. Da war ich faktisch schon Berufspolitiker und es war mächtig zeitintensiv, aber ich habe noch von zu Hause gearbeitet. Ich war irgendwie da, aber irgendwie auch nicht. Formal blieb die Verabredung, dass Andrea ihre Arbeitszeit hat, und ich meinen Teil im Haushalt, was weiß ich, den Garten machen oder Weihnachtskekse backen. Aber faktisch habe ich nichts davon erledigt. Dafür hatte ich aber die Plakate für den Wahlkampf bestellt. Das war eine blöde Zeit.  

P.: Ich fand es deshalb schwierig, als dass es eigentlich nur ein Ehrenamt war und du mehr als Vollzeit gearbeitet hast.

H.: Zuhause zu arbeiten ist eben Segen und Fluch. Diese Entgrenzung des Privaten durch E-Mails und Handy macht es noch schwieriger.  Naja, das war auch nur eine Phase. Jetzt leben wir wie in einer großen WG. Sehr schön, fast erwachsene Jungs zu haben.

P.:  Wir sind wie eine Gruppe im Formationsflug. Die Jungs sind selbstständig und brauchen einen ganz anders als früher.

H.: Durch diese Selbstständigkeit fühlt es sich für uns so ähnlich an wie die Lebensphase vor dem Kinderkriegen. Deswegen passt das mit meinen politischen Plänen gerade. Das hätte ich vor fünf Jahren niemals gemacht.  Andrea schreibt jetzt auch wieder mehr und tummelt sich auf Lesungen. Ich habe zumindest im Moment nicht mehr das Gefühl, dass ich mich auf Kosten der Familie politisch engagiere.

Was ist denn das Schönste am Elternsein?

P.: Dass man plötzlich so viele ist. Man ist nicht mehr nur „Ich“. Man ist vielfach da. Dass man selber zurücktritt und andere Leben ermöglicht. Glückliche Leben hoffentlich.

H.: So soll es sein.

Wie wäre es denn nach 20 Jahren eine richtige Fernbeziehung zwischen Flensburg und Berlin zu führen?

P.: Robert ist ja jetzt auch nicht jeden Abend zu Hause.

H.: Und wenn, dann komme ich viel zu oft erst um 23 Uhr nach Hause und fahre morgens um sieben wieder los. Aus diesem Alltag bin ich ganz schön raus, was für mich auch ein echtes, seelisches Problem ist. Für die Jungs und Andrea ist das so in Ordnung. Familiär bin ich da momentan das schwache Glied. Ich hasse es, vier Tage hintereinander in einem anderen Hotel zu sein, manchmal weiß ich gar nicht mehr, wo ich bin. Wenn ich dann zu Hause anrufe und höre, dass die Jungs gerade Basketball spielen und nachher noch Freunde zu Besuch kommen, und ich in diesen Konferenzen rumhänge, dann könnte ich heulen.

Könnten Sie sich denn für die Zukunft auch vorstellen, wieder gemeinesam zu schreiben?

P.: Die Bedingung fürs gemeinsame Schreiben war, dass wir eine Einheit waren. Wir haben uns die gemeinsame literarische Stimme hart erarbeitet. Die haben wir jetzt nicht mehr. Ich weiß nicht, ob das nochmal gelingen könnte.

H.: Ich glaube, dass es nicht mehr geht. Wenn ich die letzten drei Bücher von Andrea lese, dann sehe ich, wie sie Wirklichkeit auf den Punkt bringt. Sie würden durch mich schlechter werden.

Berlin würde aber einen Abschied von diesem geteilten Lebensmodell bedeuten…

P.: Das haben die Jungs durch ihr Älterwerden schon eingeläutet. Wenn Robert sagt, er vermisst das Familienleben, dann liegt das nicht daran, dass er viel weg ist, sondern dass die Jungs viel weg sind. Die werden groß und es ist ein Loslassen, das man üben muss. Die sind aber so gefestigt und voll mit Liebe, die können einfach weggehen. Und wir werden wieder freier und haben wieder mehr Zeit. Wir werden gerade wieder jünger.

H.: Andrea hat sogar wieder angefangen Querflöte zu spielen, so wie damals in Pisa vor dem Dom.

Was lieben Sie denn besonders am anderen?

H.: Die Geradlinigkeit von Andrea, so sehr sie auch manchmal schmerzt. Das ist schon mein Nordstern.

P.: Ich liebe an Dir das Unerwartbare. Dass Du nicht auf den vorgedachten Pfaden gehst, sondern davon abschweifst. In Momenten, in denen man überhaupt nicht darauf kommt schaffst du neue Perspektiven. Ich bin nämlich so geradlinig, mir würde das nicht passieren.

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