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Zwischen Geisterschloss und Baustelle

Studt in Erstaufnahmen Zwischen Geisterschloss und Baustelle

Bestandsaufnahme bei den Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge: Innenminister Stefan Studt (SPD) startete am Montag zu einer dreitägigen Bereisung aller 14 Standorte in Schleswig-Holstein. Im Kreis Plön erwarteten ihn auf Schloss Salzau und in Lütjenburg zwei denkbar gegensätzliche Situationen.

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Der DRK-Ortsvorsitzende Bernd Bormann (links) begrüßt Innenminister Stefan Studt in der Flüchtlingsunterkunft in Lütjenburg. Kurz zuvor hatten Bürger Kleidung, Spielzeug und einen Teddybär für die neue Kleiderkammer gespendet.

Quelle: Hans-Jürgen Schekahn

Kiel/Lütjenburg. Während auf Schloss Salzau die Belegung gerade erst verringert wurde, werden in die ehemalige Schill-Kaserne in Lütjenburg bis Weihnachten 500 Asylbewerber einziehen.

 Das frühere Kulturzentrum Schloss Salzau gleicht derzeit einem Geisterdorf. Wo Ende September über 300 Flüchtlinge eintrafen, sind gerade noch 66 Personen untergebracht – zum überwiegenden Teil Syrer, aber auch Afghanen und Jemeniten. Die Delegation der Landesregierung und der Tross an Journalisten haben Mühe, in dem großen Hauptgebäude überhaupt Bewohner zu finden. Innenminister Studt steuert zunächst mal das Büro neben dem Eingang an. Dort lässt er sich von Antje Lange und Nicole Laugwitz ins Bild setzen: Ruhig sei es hier geworden, berichten die DRK-Mitarbeiterinnen. Nein, Probleme gebe es keine. Streitereien zwischen Flüchtlingen oder gar Übergriffe auf das Personal können die beiden Frauen ebenso wenig bestätigen wie der DRK-Kreisvorsitzende Christian Pagel: „Alles anonyme Gerüchte.“

 Im ersten Stock des Schlosses trifft Studt auf den Pensionär Peter Wiegner. Der frühere Bürgermeister der Nachbargemeinde Schlesen gibt Flüchtlingen Deutschunterricht. Er weiß, was im Grunde alle Sprachpaten immer wieder erfahren: „Integration funktioniert nur über die Sprache.“ Studt dankt ihm und steigt zwei Etagen tiefer in die Schlossküche. Dort bereitet Arne Sponnier-Kremsier mit seinem Team die Ausgabe des Mittagessens vor. Die Verpflegung kommt wie jeden Tag aus der Großküche in Seeth bei Friedrichstadt. An diesem Tag gibt es Nudeln mit Rindergulasch, 500 Gramm pro Person. „Am liebsten“, sagt Objektleiter Sponnier-Kremsier, essen die Flüchtlinge weißes Brot und Salate, „entweder extrem süß oder extrem sauer“. Er lässt deshalb ein Spezialdressing anmischen, das Rezept hat er von einer Bewohnerin. Auch Tomaten und Zitronen müssen seine Mitarbeiterinnen Julia und Carina Möller immer wieder aufschneiden und bereitlegen. „Die naschen die Zitronen weg, da würden unsereins die Augen tränen.“

 In Lütjenburg trifft Innenminister Studt eher auf eine Baustelle. Bagger heben Gräben aus, um aus der provisorischen Wärmeversorgung eine dauerhafte zu machen. Wasserleitungen verlaufen auf der Straße, nur abgedeckt mit Sand und Brettern, damit die Autos sie nicht kaputtfahren.

 Es ist der erste Tag der neuen Kleiderkammer, der noch Regale für das Zwischenlager fehlen. Doch die große Spendenbereitschaft der Bevölkerung tröstet den DRK-Vorsitzenden Bernd Bormann über die kleinen Startprobleme hinweg. Es ist Hilfe, die ankommt. Er berichtet dem Minister von leuchtenden Kinderaugen, wenn jeder Junge und jedes Mädchen sich beim Registrieren Stofftier oder Puppe aussuchen dürfen.

 Abstecher in die improvisierte „Schule“. Der iranisch-stämmige DRK-Dolmetscher Mehrzad Saadatmardi wollte mehr machen als nur übersetzen. 30 Kinder und Erwachsene sitzen vor ihm im Unterricht. Als der Minister mit den Kameraleuten im Schlepptau eintritt, erheben sie sich fast ehrfürchtig. Da kommt jemand, der ist offenbar wichtig, steht in ihren Gesichtern. Eine Frau kommt auf Studt zu und fragt in gebrochenem Englisch, wann ihre drei Kinder regelmäßig zur Schule gehen dürfen. Studt verspricht, dass bald auch reguläre Lehrer in Lütjenburg unterrichten werden, auch wenn die Menschen nur wenige Wochen in der Landesunterkunft bleiben, bevor sie auf die Kommunen verteilt werden. „Je früher sie Unterricht haben, desto besser.“ Mehrzad Saadatmardi nutzt die Gelegenheit, um einen Wunsch loszuwerden. Es gebe im Camp ein Team mit 16 Fußballspielern. Nur fehle ein Ball. Studt schaut in die Reihen der Verantwortlichen. Dort ein Nicken. Der erste Anstoß ist offenbar nur eine Frage der Zeit.

Von Hans-Jürgen Schekahn und Ralph Böttcher

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Hans-Jürgen Schekahn
Ostholsteiner Zeitung

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