27 ° / 11 ° heiter

Navigation:
Verdrängt statt aufgearbeitet

NS-Studie zum Landtag Verdrängt statt aufgearbeitet

Noch brauner als ohnehin vermutet: In Schleswig-Holstein hatten mehr Nachkriegspolitiker eine NS-Vergangenheit als in anderen Ländern. Das fanden Historiker im Auftrag des Landtags nun heraus. Und für die Regierungen fiel ihr Fazit noch drastischer aus.

Voriger Artikel
Landtag verabschiedet Überarbeitung des Landesnaturschutzgesetzes
Nächster Artikel
Hamburg hält an Planungen für Hafenquerspange fest

Selbst von den Ausmaßen seiner Studie überrascht: Historiker Prof. Uwe Danker.

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Kiel. Die Landespolitik in Schleswig-Holstein wurde nach dem Zweiten Weltkrieg außergewöhnlich stark und lange von ehemaligen Nationalsozialisten dominiert. Das gilt besonders für die Regierungen. Verglichen mit anderen Bundesländern ist der Norden damit ein Extremfall. Zu diesem Ergebnis kommt der Historiker Prof. Uwe Danker von der Universität Flensburg. Mit einem Wissenschaftler-Team hat er im Auftrag des Landtages fast 400 Landtagsabgeordnete, Minister und Staatssekretäre auf eine mögliche NS-Vergangenheit untersucht.

Erforscht wurden die Lebensläufe von 342 Landtagsabgeordneten, die spätestens 1928 geboren wurden. Jeder Dritte davon war Mitglied der NSDAP gewesen – doppelt so viele wie bei der erwachsenen männlichen Bevölkerung. Von 1958 bis 1962 fanden sich die meisten Abgeordneten mit brauner Vergangenheit: 74 Prozent der CDU-Abgeordneten, 75 Prozent bei der FDP, 83 Prozent beim Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) und 20 Prozent bei der SPD. Noch verbreiteter war das NSDAP-Parteibuch in der Exekutive – von 1950 bis 1971 galt das für 67 bis 75 Prozent der Regierungsmitglieder. Bei den Staatssekretären sogar für 75 bis 85 Prozent. „Die Kabinette von Bartram ab 1950 bis Stoltenberg 1982 sind als erheblich vorbelastet einzustufen“, sagte Danker, als er am Mittwoch im Kieler Landtag die Ergebnisse vorstellte.

Zahl der Verfolgten sackte ab

Dabei hatte es nach dem Krieg zunächst ganz anders ausgesehen: Die Briten sorgten dafür, dass 1946 unter der Regierung Steltzer ehemalige Nazis nur eine kleine Minderheit blieben und eine große Gruppe NS-Verfolgter vertreten war. „Aber auch bei der freien Wahl 1947 herrschte noch der Geist des Neubeginns“, betonte Danker. Die Verfolgten des NS-Regime hätten in jenen Jahren über 40 Prozent, kurzfristig sogar die knappe Mehrheit gestellt. Doch 1950 kehrt sich dieses Verhältnis um: Die Zahl der Verfolgten unter den Landtagsabgeordneten sackte ab – bis auf Null im Jahr 1971. Die Zahl ehemaliger NS-Parteigänger aber schnellte auf 40 Prozent hoch, dann weiter auf über 50 Prozent. 1951 kam das „Gesetz zur Beendigung der Entnazifizierung“ – es galt als das radikalste bundesweit. Motto: Verdrängen statt aufarbeiten. Den Landesbeauftragten für die Entnazifizierung, Oskar-Hubert Dennhardt (CDU), stufen die Wissenschaftler als „in der NS-Zeit systemtragend und karrieristisch“ ein.

Noch 1987 ein Achtel als NSDAP-Mitglieder

Noch 1987 war mehr als jeder achte Landtagsabgeordnete ein ehemaliges NSDAP-Mitglied. Danker sieht drei Hauptgründe für die hohe Zahl vom Ex-Parteimitgliedern in der Landespolitik: die sehr hohen Wahlerfolge der Nazis in den 1930er-Jahren, die große Zahl von Zugewanderten, Vertriebenen und Flüchtlingen und die über Jahrzehnte durchgängig bürgerlich-konservativen Landesregierungen. Den Wissenschaftlern ging es aber nicht nur um alte NSDAP-Mitgliedschaften, sondern auch um das Agieren in der NS-Zeit. Danach waren zehn Prozent der ehemaligen Parteimitglieder systemtragend. Weitere 23 Prozent haben an exponierter Stelle nationalsozialistisch agiert und waren teilweise auch an Verfolgung und problematischen Besatzungsmaßnahmen beteiligt.

Ergebnisse

Hier ist der Link zu den Ergebnissen der NS-Untersuchung zur Landespolitik.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr zum Artikel
Kommentar

Der Ruf wurde leiser in den vergangenen Jahren, aber los wurde ihn Schleswig-Holstein nie: der Ruf, dass hier halbherzig bis gar nicht entnazifiziert wurde, dass hier eine aktive NS-Vergangenheit kein Hindernis darstellt für die weitere politische Karriere.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Politik 2/3