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Im Norden noch Gelassenheit

Grenzkontrollen in Schweden Im Norden noch Gelassenheit

Grenzkontrollen in Schweden, Ungewissheit in Schleswig-Holstein. Ob die Maßnahmen zu einem Rückstau von Transitflüchtlingen führen, ist offen. Am Tag 1 bleibt es ruhig. Das Land sieht sich für alle Szenarien gerüstet.

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Schweden führt für vorerst zehn Tage wieder Grenzkontrollen ein. Die Transitflüchtlinge auf der Stena Line müssen deswegen Pässe mit sich führen.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel/Flensburg/Lübeck. Fest vertäut liegt die „Stena Germanica“ am Schwedenkai in Kiel. Im Terminalgebäude sitzen einige Flüchtlingsfamilien. Viele Stunden vor der abendlichen Abfahrt der Fähre nach Göteborg spielen am Donnerstag ein paar Kinder auf dem Boden. Gelassenheit auch nach Beginn der Passkontrollen an schwedischen Grenzen. „Es ist alles wie immer“, sagt Claudia Friedinger von der Flüchtlingshilfe. Sie verteilt Wasser, Tee, Suppe und Kekse. „Auch bei der Ticketvergabe war es ganz ruhig.“ Aber im Land ist die Sorge vor einem Rückstau von Transitflüchtlingen da.

Die schwedische Stena Line nimmt derzeit täglich 50 Flüchtlinge ab Kiel mit. Es waren schon mehr, aber weil die Fähren momentan nur zur Hälfte ausgebucht sind, hat die Reederei das Personal verringert. Da ein bestimmtes Verhältnis zwischen Passagieren und Crewmitgliedern vorgeschrieben ist, müssen viele zurückbleiben. Mehr als 300 hätten an diesem Tag gern in Kiel den Törn in ihr Traumland angetreten. An fehlenden Papieren wäre das bei den wenigsten gescheitert, laut Stena haben die meisten einen Pass. Das kontrolliert nun auch die Reederei.

Ein Flüchtlingsrückstau zeichnete sich bis in den Nachmittag hinein nicht ab. Rund 1000 Flüchtlinge täglich passierten im Oktober das nördlichste Bundesland auf dem Weg nach Schweden — über die Fährhäfen Kiel, Lübeck und Puttgarden sowie auf dem Landweg via Flensburg.

Notquartiere im Norden

Wer an Passkontrollen scheitert, droht in Schleswig-Holstein steckenzubleiben. Je nach Ausmaß könnte dies die Belastung von Behörden und Helfern steigern. Immerhin kamen seit Jahresbeginn schon rund 38 000 Flüchtlinge an, 4800 allein im November. 60 000 könnten es bis Jahresende sein. Kämen noch viele Transitflüchtlinge dazu, gäbe es zusätzliche Unterbringungsprobleme. Notquartiere wurden in Kiel, Lübeck und Flensburg schon eingerichtet oder vorbereitet.

Zur Erstversorgung stehen 5000 Schlafsäcke und 5000 Hygiene-Sets bereit. Strandende Transitflüchtlinge sollen später in Erstaufnahmen weitergeleitet werden und hier Asyl beantragen können. „Egal welches Szenario kommt, wir sind vorbereitet“, sagte Innenminister Stefan Studt (SPD). Wie viele insgesamt ohne Pass unterwegs sind, weiß wohl niemand genau. Zumindest am Donnerstag war richtig große Aufregung im Land noch nicht zu spüren.

Vor dem Bahnhof in Flensburg stehen am Vormittag zwei Busse, bereit zur Abfahrt nach Dänemark. Zögernd steigen Flüchtlinge ein. Sollen sie weiter gen Schweden oder abwarten? Später drängen andere in einen Zug nach Dänemark. „Da war schon fast ein bisschen Torschlusspanik“, sagt Nicolas Jähring von der Flüchtlingshilfe. „Viele haben entschieden zu fahren“, sagt Arabisch-Dolmetscherin Inas El-Hachache. Nur wenige wollten in Deutschland bleiben und sich hier registrieren lassen. Die Stimmung im Bahnhof wirkt ruhig. „Es ist alles friedlich“, sagt ein Sprecher der Bundespolizei.

Aber viele sind verunsichert. Sie habe das Gefühl, die Stimmung sei zuletzt etwas aggressiver geworden, sagt El-Hachache. Manche glaubten an eine Art Verschwörung. Sie verstehen nicht, dass die Wiederaufnahme der Grenzkontrollen in Schweden ab 12.00 Uhr schlicht ein Fakt ist. Junge Frauen umringen El-Hachache, erzählen, sie müssten unbedingt nach Schweden, hätten dort Familie. Dies sagen fast alle. Ob es immer stimmt, weiß keiner.

Vor dem Solidaritätszentrum für Geflüchtete in Lübeck sitzen Männer, Frauen und Kinder in der Sonne und warten auf die Abfahrt des Busses, der sie zur Fähre nach Schweden bringen soll. Zwei Mädchen spielen vergnügt auf dem Bürgersteig, junge Männer diskutieren eifrig. „We go to Sweden“ („Wir fahren nach Schweden“), sagt einer und streckt beide Daumen hoch. Auf die Tatsache, dass Schweden nur noch Flüchtlinge mit gültigen Papieren ins Land lässt, reagieren die Menschen gelassen.

„Die Flüchtlinge haben es auf gefährlichen und beschwerlichen Wegen hierher geschafft. Ich glaube nicht, dass sie sich durch schwedische Drohungen abschrecken lassen“, sagt Lena Rehfeld vom Flüchtlingsforum. Es kommt aber eine gewisse Anspannung auf. „Heute Morgen konnten noch 120 Flüchtlinge ohne Ausweiskontrolle auf die Fähre nach Schweden gehen“, sagt Rehfeld. „Ob das bei der Fähre am Nachmittag auch noch klappt und ob Flüchtlinge von heute früh zurück nach Deutschland geschickt werden, wissen wir nicht.“ Für den Fall der Fälle hat die Stadt zunächst 250 Betten in Notquartieren vorbereitet. Dort könnten Menschen unterkommen, die Schweden zurückschickt oder in Travemünde gar nicht erst an Bord dürfen.

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