25 ° / 17 ° Gewitter

Navigation:
In der Kantine köchelt der Widerstand

Schweinefleisch-Debatte In der Kantine köchelt der Widerstand

12 Uhr mittags. Vor der Essensausgabe in der Kantine im Kieler Landeshaus bilden sich lange Schlangen. Auf dem Speiseplan: Hähnchenbrust, Kabeljau, Kichererbsengemüse, Steckrübenmus mit Kochwurst – vom Schwein.

Voriger Artikel
Empörung im Netz: Volker Beck legt Ämter nieder
Nächster Artikel
Grünen-Politiker Beck legt Ämter nieder

Der CDU-Abgeordnete Hauke Göttsch griff am Mittwoch gezielt zur Kochwurst – wollte dies aber nicht als politisches Statement verstanden wissen.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Auch am Tag nachdem der CDU-Vorstoß für eine Schweinefleischpflicht in Kantinen bekannt geworden ist, ist er hier immer noch das Gesprächsthema schlechthin. „Ich bin als Norddeutsche ja dafür, dass auch eine Fischpflicht in Kantinen eingeführt wird“, sagt Eka von Kalben und lacht. Die Fraktionschefin der Grünen hat sich für das Kabeljaufilet entschieden. „Ich hatte ja überlegt, ob ich das Rübenmus mit Kochwurst nehme. Aus Protest gegen den CDU-Antrag habe ich mich aber dagegen entschieden“, sagt am Tisch ihre Fraktionskollegin Ines Strehlau.

In ihrem Antrag für die Landtagsdebatte in der kommenden Woche fordert die CDU, dass Schweinefleisch weiterhin in öffentlichen Kantinen sowie in Kitas und Schulen serviert werden soll. Zum Verzicht auf Schweinefleisch aus religiösen Gründen heißt es in dem Antrag, dass aus Rücksichtnahme auf eine Minderheit nicht eine Mehrheit auf den Verzehr von Schweinefleisch verzichten dürfe. „Es geht um die Frage, ob Integration funktioniert, indem sich die Mehrheit der Minderheit anpasst“, erläutert der CDU-Fraktionsvorsitzende Daniel Günther. „Niemandem soll vorgeschrieben werden, was er isst. Aber genauso soll niemandem vorgeschrieben werden, was er nicht zu essen hat.“

Steckrübenmus mit Kochwurst

Bei den Grünen ist man sich in der Kantine einig: „Der Antrag ist ja einerseits ja witzig, andererseits aber auch sehr ärgerlich. Denn er schürt Ängste vor Fremden, obwohl wir jetzt eigentlich über Integration reden sollten“, sagt von Eka Kalben. Ines von Strehlau hofft, dass der Antrag eine neue Diskussion über gesunde Ernährung und artgerechte Tierhaltung anstößt. „Aber ich rechne eigentlich nicht damit.“

Auch am Tisch der SPD-Fraktion wird die von der CDU angestrebte Schweinefleischpflicht für Kantinen diskutiert. „Ich finde es vor allem ärgerlich, dass die CDU jetzt auch die Vegetarier als Grund nennt, dass in einigen Kantinen kein Schweinefleisch gegessen wird“, sagt der SPD-Abgeordnete Kai Dolgner, der selbst seit 30 Jahren vegetarisch isst. „Die CDU soll uns da raushalten.“ Sein Parteikollege Wolfgang Baasch hat Steckrübenmus mit Kochwurst auf dem Teller. „Ich entscheide mich immer für das Essen, was mir schmeckt und nicht für das, was politisch opportun ist“, sagt er. „Ich habe ja nicht mal gewusst, dass die Wurst aus Schweinefleisch ist.“ Die SPD-Abgeordnete Serpil Midyatli gibt zu bedenken: „Es ist ja schon bemerkenswert, dass die CDU diese Debatte ausgerechnet während der christlichen Fastenzeit anstrengt.“

"Kulinarische Selbstbestimmung"

Auch Patrick Breyer, Mitglied der Piraten-Fraktion im Landtag, ist in die Kantine gekommen. Er hat Salat, Röstkartoffeln und Gemüse gegessen, seit Jahren ist er Vegetarier. „Ich bin für die kulinarische Selbstbestimmung“, sagt er schmunzelnd zum CDU-Antrag. „Außerdem finde ich, dass nicht jede Sau durchs Parlament getrieben werden muss.“

Vergleichsweise wenige Mitglieder der CDU-Fraktion sind an diesem Tag in der Kantine zu sehen. Nur Hauke Göttsch kommt und steht Rede und Antwort. Auch Göttsch hat Steckrübenmus und Kochwurst vor sich auf dem Teller: „Unser Antrag will dafür sorgen, dass Schweinefleisch nicht ganz aus Kantinen verschwindet.“ Als politisches Statement will er seine Essensentscheidung aber dann doch nicht verstanden wissen: „Das ist einfach eines meiner Lieblingsgerichte.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Anne-Kathrin Steinmetz
Lokalredaktion Kiel/SH

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr zum Artikel
Landwirtschaft
Foto: Des Deutschen liebstes Fleisch: Die konventionellen Mastbetriebe für Schwein sehen sich dennoch enormer ethischer Kritik ausgesetzt.

Der Vorstoß der schleswig-holsteinischen CDU, die Landesregierung möge sich für den Erhalt von Schweinefleisch in Kantinen einsetzen, sorgte bundesweit für Spott. Doch fernab der religionspolitischen Stoßrichtung weist er auf ein ernsthaftes Problem hin: Das sagt ein Mäster zur Absatzkrise von Schweinefleisch.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Politik 2/3