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„Der Johannes Rau des Nordens“

Serie Ehemaligentreffen: Claus Möller (SPD) „Der Johannes Rau des Nordens“

Es soll der Abschluss seiner politischen Karriere sein: Der scheidende Finanzminister bringt im Frühjahr 2003 den Gesetzentwurf für die Fusion der Landesbanken von Hamburg und Schleswig-Holstein zur HSH Nordbank in den Landtag ein.  Doch kurz nach seiner letzten Landtagsrede beginnt sein zweites politisches Leben. Claus Möller (73) wird buchstäblich über Nacht Chef des krisengeschüttelten SPD-Landesverbandes.

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Claus Möller (73) wurde in Bornhöved geboren und lebt in Kiel. Dort war er Ordnungs- und Personaldezernent sowie erster Umweltdezernent, bevor er 1988 Sozialstaatssekretär wurde. Möller übernahm 1993 das Amt des Finanzministers mit dem Bereich Energie, den er immer als seine „Kür“ betrachtete, und blieb zehn Jahre Ressortchef. Von 2003 bis 2007 war er SPD-Landesvorsitzender. Möller ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Den Genossen bläst nach Gerhard Schröders Agenda 2010 ein kräftiger Wind ins Gesicht. Die Kommunalwahl im März 2003 wird zum Desaster: Die Regierungspartei liegt landesweit mehr als zwölf Punkte hinter der CDU, SPD-Hochburgen wie Kiel sind verloren. „Nach dem gewaltigen Einbruch fiel die Partei in Schockstarre“, sagt Möller rückblickend.

 Die Enttäuschung und die Wut richten sich gegen den Landesvorsitzenden Franz Thönnes, der sich nicht genügend kümmere. Als er sich im April auf einem Parteitag im Amt bestätigen lassen will, stellen ihm die Delegierten ein Bein und lassen ihn ohne ein Wort der Kritik durchfallen.

 In der SPD-Führung herrscht Entsetzen über diese Art der Abrechnung, Ministerpräsidentin Heide Simonis klagt über „Unterwasserschüsse“ ihrer Genossen. In nächtlichen Krisensitzungen fällt die Entscheidung: Möller, Parteisoldat, Parteilinker und absolut loyal gegenüber Simonis, muss noch mal ran.

 Er ist besonnen, versöhnlich, kein großer Rhetoriker. Doch im Umgang mit den Genossen trifft der Synodale stets den richtigen Ton. Möller kämpft für eine stärkere „soziale Ausgewogenheit“ bei den Arbeitsmarktreformen, es gibt keine Rede von ihm ohne den Appell, der „rote Faden der sozialen Gerechtigkeit“ müsse wieder in der SPD-Politik erkennbar werden. In dem Landesverband, der sich seit Jochen Steffen als „links, dickschädelig und frei“ versteht, wird das zum Kult.

 In der Karriere des gelernten Eisenbahners ist es nach dem Machtwechsel von 1988 steil bergauf gegangen. Der Kieler Ordnungsdezernent wird zunächst Staatssekretär im Sozialministerium, folgt dort 1993 dem Minister Günther Jansen nach, der über die Schubladenaffäre gestolpert ist. Als auch Björn Engholm kurze Zeit später zurücktritt, übernimmt Möller von Simonis das Finanzressort und bleibt zehn Jahre in dem Amt. Landeschef ist er bis zur Übergabe an Ralf Stegner im Jahr 2007, von 2003 bis 2011 auch Vorsitzender des Parteirats der Bundes-SPD.

 Seine größte Herausforderung muss Möller 2005 bewältigen. Nach der Landtagswahl reicht es nicht mehr für Rot-Grün, die Genossen wollen das Experiment einer vom SSW geduldeten Minderheitsregierung wagen. Doch am 17. März scheitert Simonis’ Wiederwahl im Landtag. Parteichef Möller sucht den Ausweg in einer Großen Koalition. Die Situation ist hochkompliziert. Die ganze Partei fühlt sich durch den „Verrat“ eines Abweichlers an Simonis gedemütigt. Und jetzt eine Koalition mit der CDU, von der sie Welten trennen? Der frühere Vizechef der Kieler SPD-Ratsfraktion und heutige Geschäftsführer des Bundes-ADAC, Alexander Möller, sagt damals: „Nur ihm, dem Johannes Rau des Nordens, konnte es gelingen, eine Große Koalition zu schmieden. Allen anderen wäre Hochverrat vorgeworfen worden.“ Tatsächlich schafft es der erfahrene Taktiker, in den Koalitionsgesprächen eine Menge herauszuholen – etwa die Einführung der Gemeinschaftsschule. Die Partei zieht mit, der Landesvorsitzende bekommt ein einstimmiges Votum für Schwarz-Rot. Und er kann gut mit Regierungschef Peter Harry Carstensen: „Wir konnten selbst in kritischen Situationen kommunizieren, auf Hochdeutsch und auf Plattdeutsch.“ Das macht sich bezahlt. Solange Möller im Amt ist, funktioniert die Große Koalition.

 Nach 2007 zieht er sich Stück für Stück aus der Parteipolitik zurück, engagiert sich auf anderen Feldern. Er ist Vorsitzender des Stiftungsrates des Kieler Stadtklosters, des größten Altenhilfe-Trägers in der Landeshauptstadt. Und natürlich liegt ihm die Nordkirche am Herzen. Der Sozialdemokrat ist seit 30 Jahren Synodaler, Chef des Finanzausschusses und macht sich stark für das Projekt „CO2-freies Nordelbien“. Der Energiepolitik, zu seiner Zeit im Finanzministerium angesiedelt, gilt seine Leidenschaft. In Lübeck ist er fünf Jahre lang Aufsichtsratschef der Stadtwerke gewesen. Jetzt tritt Möller in seiner Heimatstadt Kiel vehement für den Bau eines Gasheizkraftwerkes und die Rekommunalisierung der Stadtwerke ein – diesmal hinter den Kulissen.

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Ein Artikel von
Uta Wilke
Redaktion Lokales Kiel/SH

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Ehemaligentreffen: Jürgen Koppelin
Foto: Jürgen Koppelin (69) wurde in Wesselburen in Dithmarschen geboren, lebt in Bad Bramstedt und St. Peter-Ording. Von 1990 bis 2013 gehörte er dem Bundestag an. Als Obmann im Haushaltsausschuss machte er Mittel für die dänischen Schulen locker, mit denen Kürzungen von Schwarz-Gelb im Land (2009 bis 2012) ausgeglichen werden konnten. 18 Jahre lang stand er an der Spitze der Nord-FDP, ist heute Ehrenvorsitzender. Koppelin ist verheiratet und hat zwei Töchter.

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