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Lebenshilfe in lyrischer Form

Max Nachttheater Lebenshilfe in lyrischer Form

Der Begriff „Konsens-Pop“ beschreibt eine Musik, auf die sich sehr viele einigen können. Nicht unbedingt schlechte Songs, aber gefällig. Im Fall von Julia Engelmann könnte man analog von „Konsens-Lyrik“ sprechen, insbesondere inhaltlich.

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Vor der selbstgemachten Bühnendeko aus Sternen und Planeten: Julia Engelmann.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. Denn im mit 550 Gästen ausverkauften, teilbestuhlten Max Nachttheater gab die Youtube-Klicks-Millionärin, Bestseller-Autorin (Eines Tages, Baby) und Stern.de-Kolumnistin (Diese Woche, Baby) gut 70 Minuten lang eine Art Lebenshilfe im strömenden Poetry-Slam-Duktus. Die sternige Bühnendeko im Hintergrund sei selbstgebastelt, erzählt die 23-jährige Psychologie-Studentin. „Vielleicht kann man sehen, dass ich Kunst-Leistungskurs hatte, vielleicht auch nicht. Aber die Note verrate ich nicht.“ Lacher perlen durch die Reihen. Die meisten im Publikum sind weiblich und jung, hier und da auch ältere Semester. Ein paar junge Männer, einige stehen mit verschränkten Armen da. Julia Engelmann wirkt sympathisch, offen, leicht nervös, gestikuliert ein wenig linkisch, ist schlagfertig, aber nicht frech oder altklug. Die Menge steht sofort zu ihr, hört genau hin, still und konzentriert. Lauter, fast frenetischer Beifall belohnt jeden Text, jedes Lied.

 Denn Julia Engelmann singt auch an diesem Abend. Auf einem Barhocker, auf dem Schoß die Gitarre, die sie seit acht Jahren spielt. Ganz am Schluss des regulären Programms singt sie One Day/Reckoning Song des israelischen Folkrock-Sängers Asaf Avidan. Er diente als Vorlage ihres bis dato mehr als acht Millionen Mal auf Youtube geklickten Poetry-Slam-Beitrags One Day, den sie gleich im Anschluss bringt. Ein Text, der mit seinem Carpe-Diem-Ansatz so etwas ist wie die Blaupause für ihre anderen Gedichte. Allesamt frei vorgetragen, mit warmer, weicher Stimme und in einem rhythmisierten Flow, der hin und wieder klingt wie ein sanfter Rap.

 Die Gedichte sind sprachlich gekonnt konstruiert, manche Wortspiele pfiffig, witzig („nüchtern so schüchtern, besoffen so offen“). Inhaltlich gleichen sich die intimen, introspektiven Texte, drehen sich meist um Lebensführung, um Befindlichkeiten, sind Nabelschau. Wir erfahren, dass „alle anders und doch wieder gleich sind“. Dass sie „kein Bauchgefühl“ habe, weil sie „es oft mit Hunger verwechsle“. Und dass sie ein Leben habe, dass „endlich, aber nicht selbstverständlich“ sei. Sogar „es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ kommt ihr einmal über die Lippen. Einfache Wahrheiten, konsenstauglich, eine Art kleinster gemeinsamer Nenner.

 Manchmal wirkt das Programm zusammengestoppelt, was die Akzeptanz seitens des Publikums noch zu verstärken scheint. Entwaffnend unperfekt. Wie das eher sinnfreie Lied, das sie mal im trunkenen Zustand mit einer Freundin geschrieben habe mit der Kernaussage, das Leben sei ein Taxistand. Eine etwa zehnminütige Fragerunde gibt es auch (das Mikro reicht ihre Mutter herum, die als Glückscoach arbeitet und wie Julias Vater, ihre Großeltern und ein Onkel im Publikum sitzt). Nur auf die erste Frage, die Annika stellt, gibt Julia Engelmann keine Antwort: ob sie einen Freund habe.

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