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Die Briten sind raus

Stimmen aus dem Norden Die Briten sind raus

Donnerhall in der Europäischen Union: In einem historischen Referendum haben die Briten für den Austritt aus der EU gestimmt und Politik wie Wirtschaft in Aufruhr versetzt. 51,9 Prozent votierten für den Brexit.

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Mit sich und dem Resultat mehr als zufrieden: Rechtspopulist und Brexit-Kämpfer Nigel Farage in London.

Quelle: AFP

London/Kiel. Premierminister und EU-Befürworter David Cameron kündigte am Freitag seinen Rücktritt bis Oktober an, erst sein Nachfolger solle formell bei der EU den Austritt erklären. Die EU-Führung forderte hingegen eine möglichst schnelle Umsetzung des Votums.

Mit der Austrittserklärung würde eine zweijährige Frist beginnen, in der beide Seiten die Entflechtung ihrer Beziehungen verhandeln. Insgesamt sprachen sich 17,4 Millionen Briten für den Brexit aus, 16,1 Millionen und damit 48,1 Prozent stimmten für den Verbleib. Großbritannien ist damit das erste Land, das die EU verlässt.

Jubel herrschte bei den Brexit-Anhängern. Rechtspopulist Nigel Farage sprach von einem „Sieg für die einfachen Leute“. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte: „Es gibt nichts drumherum zu reden, der heutige Tag ist ein Einschnitt für den europäischen Einigungsprozess.“ Merkel kündigte für Montag ein Krisentreffen in Berlin mit Ratspräsident Donald Tusk, Italiens Regierungschef Matteo Renzi und Frankreichs Präsident François Hollande an. Am Dienstag und Mittwoch findet ein EU-Gipfel in Brüssel statt.

Nach dem Brexit-Votum ist die Sorge vor einem Erstarken von Nationalisten in vielen EU-Hauptstädten groß. In den Niederlanden forderte der Rechtspopulist Geert Wilders sofort ein „Nexit“-Referendum für sein Land — dies wies Regierungschef Mark Rutte umgehend zurück. Auch die Chefin der rechtsextremen französischen Partei Front National (FN), Marine Le Pen, verlangte ein EU-Referendum für ihr Land.

Die Finanzmärkte reagierten extrem nervös. Das Pfund verlor gegenüber dem Dollar deutlich. Der Deutsche Aktienindex brach um fast zehn Prozent ein. Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower, warnte vor einer möglichen „langen und gefährlichen Phase der Unsicherheit“. Ein Assoziierungsabkommen nach dem Modell der Schweizer oder Norwegens sei für Großbritannien utopisch: „Die Briten hätten dann ihren Einfluss in der EU verloren, müssten aber weiter fast alle Regeln befolgen.“ Die EU werde wahrscheinlich ein Exempel statuieren, um andere vom Verlassen der Union abzuschrecken.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) sagte, der Kontinent dürfe sich jetzt nicht „beleidigt abwenden“: „71 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs haben viele vergessen, worum es bei diesem historischen Friedensprojekt geht. Es ist unser aller Aufgabe in Europa, eine neue Erzählung zu entwickeln, die nicht nur von Verordnungen und Handelsbilanzen handelt, sondern auch das Herz der jüngeren Generationen erreicht.“ Europaministerin Anke Spoorendonk (SSW) sprach von einer Zäsur. „Unser bisheriges Verständnis von der Unumkehrbarkeit des europäischen Projekts wird damit offen in Frage gestellt.“ Die Wirtschaft im Norden mahnte, sich für die Ausstiegsverhandlungen Zeit zu nehmen. Klaus-Hinrich Vater, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Kiel, ist überzeugt, dass die mittelständisch geprägte Wirtschaft in Schleswig-Holstein sich der neuen Situation anpasst und alternative Absatzmärkte sucht. Die EU, „ein hohes Gut“, fordert er zu einer „ehrlichen Debatte“ über ihre Kernaufgaben auf. Ulrich Jacobi, Vorsitzender des Unternehmerverbandes Kiel und Geschäftsführer einer Spedition mit langjährigen Geschäftsverbindungen nach England, fürchtet herbe Rückschläge für die Export-Wirtschaft.

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Ein Artikel von
KN-online (Kieler Nachrichten)

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Schönbergerin zum Brexit
Foto: Heike Platt aus Schönberg ist mit einem Engländer verheiratet. Sie fürchtet, dass die Briten am Brexit noch lange zu knabbern haben.

„Ich bin immer noch schockiert“, sagt Heike Platt am Freitagmorgen am Telefon. Die gebürtige Schönbergerin lebt seit acht Jahren in England. „Als ich heute Morgen aufwachte und den Fernseher einschaltete, war ich tieftraurig.“ Der Brexit hat sie fassungslos gemacht.

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