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Was ist nach dem Tod erlaubt?

Streit um Bestattungsgesetz Was ist nach dem Tod erlaubt?

Im Landeshaus ist ein heftiger Streit über den Versuch einer radikalen Reform des Bestattungsrechts entbrannt. Kirchen, Verbände und Friedhofsgärtner lehnen den Gesetzentwurf der Piraten strikt ab. Wie es mit dem Vorstoß weitergeht, will der Innen- und Rechtsausschuss nach der Sommerpause diskutieren.

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Jeder trauert anders um Verstorbene, aber es gibt auch Grenzen. Doch wo sollen diese verlaufen? Darüber gehen die Meinungen auseinander.

Quelle: Patrick Pleul/dpa

Kiel. Im Mittelpunkt des Piratenentwurfs stehen drei wesentliche Änderungen: Die Urnen sollen künftig – nach vorheriger schriftlicher Einwilligung des Verstorbenen – für eine Trauerzeit bis zu zwei Jahre mit nach Hause genommen werden können. Anschließend sollen die Hinterbliebenen die Asche auf Privatgrundstücken verstreuen dürfen – so wie es bereits in Bremen möglich ist. Außerdem wollen die Piraten die Frist von 48 Stunden bis zur Bestattung lockern und damit Beerdigungen am Todestag ermöglichen. Damit käme man dem Islam entgegen.

 Vorbehalte äußerten insbesondere die christlichen Kirchen und die Kommunen. Auch die Landesinnung der Steinmetze- und Steinbildhauer warnt. Es könne nicht sichergestellt werden, dass „die Totenasche derart behandelt wird, wie es dem sittsamen Empfinden der Bevölkerung entspricht. Durch die Verwahrung der Urne zu Hause und die Verstreuung der Asche auf Privatgrund sehen sie das „postmortale Persönlichkeitsrecht“ gefährdet. Die Nordkirche sieht zudem ein Problem für „anonyme Hinterbliebene“. Durch die Aufbewahrung daheim werde der Verstorbene „sozusagen privatisiert“, Außenstehende hätten keinen öffentlich „zugänglichen Ort der Begegnung“ mehr.

 Die Befürworter der Reform wie der Verein Aeternitas (Verbraucherinitiative Bestattungskultur) argumentieren hingegen, dass der Wunsch des Verstorbenen ausschlaggebend sein müsse. Schließlich sei man auch zu Lebzeiten nicht gezwungen, Besuch zu empfangen. Auch ein möglicher Missbrauch der Asche durch Einzelne sollte den Wunsch nach privater Aufbewahrung nicht grundsätzlich verhindern, so Aeternitas. Ein Verweis auf Pietät und Totenwürde sei zudem unzulässig, da bisher keine allgemeingültige Definition der Begriffe gefunden worden sei. Bedenken gegen die Verstreuung von Asche gibt es auch aus Umweltschutzgründen. Die Gesellschaft deutscher Friedhofsgärtner warnt vor möglichen Belastungen durch Schwermetalle wie Quecksilber. Außerdem würden auch Rückstände wie Implantate und Herzschrittmacher zur Asche gezählt, die anschließend auf den Flächen liegen blieben. Der Städteverband Schleswig-Holstein sieht zudem berufsgenossenschaftliche Probleme. Er ist der Ansicht, dass Friedhofsmitarbeiter die Ausstreuung der Asche vornehmen müssten. Dann sei zu befürchten, dass „Mitarbeiter Ganzkörperschutzkleidung einschließlich Atemschutz tragen“ müssen. Das sei unvereinbar mit einer würdevollen Ausstreuung.

 Für eine Entschärfung der Wartefrist sprechen sich vor allem der Zentralrat der Muslime und die Schura aus. In Sonderfällen, etwa einer unbekannten Todesursache, könne die Beerdigung hinausgezögert werden, so der Zentralrat. Einwand erhebt auch der Städteverband: Die Erfahrung habe gezeigt, dass Haus- und Notärzte einen Scheintod nicht zweifelsfrei ausschließen können.

 Uli König (Piraten) sieht die Initiative jedoch auf einem guten Weg: Die Entscheidung des Innen- und Rechtsausschusses, den Entwurf nach der Sommerpause mündlich zu beraten, wertet er als Erfolg. Der Gesetzesnovelle werde „überwiegend zugestimmt“. Daher will König in der kommenden mündlichen Verhandlungen einen „Konsens finden und Missverständnisse ausräumen“. Er zeigte sich zuversichtlich, dass die Initiative nicht sang- und klanglos beerdigt wird.

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Kommentar

Die Liberalisierung des Bestattungsrechts ist eine ernsthafte Diskussion wert. Dass vor allem Kirchen, Friedhofsgärtner und Bestatter gegen die Initiative der Piraten Front machen, ist verständlich. Für letztere geht es bei landesweit rund 30000 Todesfällen um einen gewaltigen Umsatz – grob geschätzt um mehr als 100 Millionen Euro im Jahr.

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