14 ° / 2 ° heiter

Navigation:
Lassen sich Google und Co bei uns nieder?

Torsten Albig im Interview Lassen sich Google und Co bei uns nieder?

Mit der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) wird die Förderung von Ökostrom umgestellt und der Bau neuer Windparks im Norden gedrosselt. Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) sorgt sich trotzdem nicht um sein Windland.

Voriger Artikel
Landtag debattiert CDU-Entwurf für ein Integrationsgesetz
Nächster Artikel
Bis zu 10 000 Polizisten sollen Gipfeltreffen schützen

Ministerpräsident Torsten Albig

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Herr Albig, bald fallen die ersten schleswig-holsteinischen Windräder altersbedingt aus der EEG-Förderung. Fürchten Sie um die Einnahmen?

Na, erst mal freue ich mich sehr über den großen Erfolg der Energiewende. Wir haben uns aufgemacht, Atomstrom durch Strom aus Wind, Sonne und Wasserkraft zu ersetzen – und es ist beachtlich, wie weit wir damit gekommen sind. Aber klar, für Schleswig-Holstein ist es eine Herausforderung, die Vermarktung von Windstrom sicherzustellen, der nicht mehr durch das EEG gefördert wird. Hier darf es zu keinem Einbruch kommen.

Wie wollen Sie das schaffen?

Beispielsweise indem wir den dann extrem günstig produzierten Strom für intelligente Lösungen hier im Land nutzen. Schon heute arbeiten viele unserer Unternehmen an entsprechenden Ideen. Nehmen Sie zum Beispiel GP Joule, die setzen auf die Umwandlung von überschüssigen Strom in Wasserstoff. Solche Antworten brauchen wir. Schleswig-Holstein hat heute eine Chance, wie man sie vielleicht alle 100 Jahre bekommt.

Ist das nicht ein bisschen übertrieben?

Überhaupt nicht! Wir waren früher ein ländlich strukturiertes Bundesland, das mit drei großen Atomkraftwerken Strom für die industriell geprägten Länder produziert hat. Die dezentral produzierte Windenergie wollen wir dagegen einsetzen, um die Wertschöpfung im eigenen Land zu steigern.

Aber Sie haben doch kaum Industrie…

Das stimmt so nicht ganz: Wir haben kaum Industrie im klassischen Sinn. Aber genau das beginnt ja gerade, sich zu ändern. Für grün denkende Unternehmen sind wir extrem reizvoll. Wir können diesen Firmen schon heute sagen: Bei uns bekommt Ihr 100 Prozent Ökostrom, 24 Stunden die Woche und das so günstig wie nirgendwo sonst auf der Welt. Welcher Standort kann das schon von sich behaupten? Ich sehe da einen riesigen Wettbewerbsvorteil.

An welche Unternehmen denken Sie?

 Nehmen Sie Apple. Die haben gerade ein riesiges Serverzentrum im dänischen Jütland aufgebaut. Die hätten genauso gut zu uns kommen können. Am Ende fiel die Entscheidung für Dänemark nur wegen einer Besonderheit bei der Netzinfrastruktur, die denen entgegenkam. Der Chef meiner Staatskanzlei war gerade im Silicon Valley und hat dort mit Google und vielen anderen Firmen gesprochen. Die waren erstaunt, welche Vorteile der Standort Schleswig-Holstein bietet. Google etwa will künftig nur noch erneuerbare Energien nutzen. Für diese Unternehmen sind wir ein sehr, sehr interessanter Anbieter.

Gibt es schon konkrete Projekte?

Nein, aber die werden kommen. Keine Sorge.

Unternehmen der erneuerbaren Branche klagen über schlechte Rahmenbedingungen.

Da müssen wir in der Tat besser werden. Wer heute Strom in andere Energieträger wie etwa Wasserstoff umwandelt, muss trotzdem die Abgaben für Letztverbraucher zahlen. Die müssen weg. Außerdem brauchen wir Förderinstrumentarien für Speicher. Und: Es fehlen immer noch Lehrstühle an den Universitäten, die sich mit den Themen beschäftigen. Ich erwarte, dass der Bund bei diesen Themen mehr Mut aufbringt und entsprechende Mittel zur Verfügung stellt. Sonst machen das einen Tages die Chinesen.

Ziehen die Bürger mit? Selbst im Windland Schleswig-Holstein nahm zuletzt der Widerstand gegen die „Verspargelung“ der Landschaft zu.

Die Gegner werden stärker wahrnehmbar. Früher waren Abende zu Erneuerbaren Energien für mich sehr dankbare Veranstaltungen. Heute ist deutlich spürbar, dass die Akzeptanz sinkt. Ich kann das zum Teil auch gut nachvollziehen. Manche Regionen an der Westküste sind, vor dem Hintergrund eines früher ungezügelten Ausbaus von Windenergie, für viele Menschen zu einer Belastung geworden.

Was sagen Sie denen?

 Erstens, dass wir mit unserer Regionalplanung den Wildwuchs der frühen 90er-Jahre, den es unbestritten gegeben hat, zurückdrängen werden. Wir streben über unser neues Repoweringkonzept eine Flurbereinigung an, die die Belastung an vielen Orten reduzieren wird. Und zweitens: dass der Strom irgendwo herkommen muss. Einen besseren Weg als die Erzeugung von Strom durch Wind und Sonne habe ich noch nicht entdeckt. Manchmal sage ich den Gegnern, wir können die Atomkraftwerke auch wieder anstellen. Totschlagargument, sagen die dann. Ist es aber gar nicht. Bei jeder Form der Stromerzeugung werden einige mit Beeinträchtigungen leben müssen, damit alle mit Energie versorgt werden können.

Sehen das die Menschen ein?

 Es gibt verschiedene Beurteilungsebenen. Wer einen Resthof weit draußen kauft und seine Ruhe haben will, wird immer gegen den Windkraftausbau vor seiner Tür sein. Fragen Sie ganz Schleswig-Holstein, bekommen Sie ein Votum dafür. Meine Aufgabe als Ministerpräsident ist es, das Wohl aller im Blick zu haben. Wenn wir die Energiewende wirklich wollen, können wir es nicht jedem einzelnen Recht machen.

Hilft es, auf mehr Bürgerbeteiligung zu setzen?

 Ja und nein. Natürlich ist die Beteiligung betroffener Bürger eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg eines Projektes. Aber es ist ein großes Missverständnis, dass man mit Bürgerbeteiligung alle Widerstände aus dem Weg räumen kann. Im Gegenteil: Manche nutzen die Beteiligung auch nur, um ein Projekt irgendwie zu verhindern. Diesen Menschen müssen wir irgendwann ehrlich sagen, dass die Interessen der Gemeinschaft mehr zählen, als die jedes einzelnen.

Damit machen Sie sich bei den Betroffenen nicht beliebt….

 Nein, und das Schlimme ist, dass solche Themen geradezu danach schreien, von Populisten gekapert zu werden. Die stellen sich dann hin und sagen: Wir verhindern all das, was ihr nicht wollt. Bei betroffenen Bürgern bekommen sie dafür Applaus. Aber mit dieser Haltung kann man kein Land regieren.

Wie lösen Sie dieses Dilemma?

Meine Antwort lautet Klarheit. Die Welt verändert sich, und die Menschen werden mit Veränderungen leben müssen. Meine Aufgabe ist es, das zu erklären und ehrlich zu bleiben.

Interview: Andreas Niesmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
KN-online (Kieler Nachrichten)

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr zum Artikel
Suchanfragen
Foto: (Fast) alle suchen bei Google: Das Unternehmen dominiert den Suchmaschinen-Markt weltweit: Der Anteil liegt bei etwa 95 Prozent.

Welche Begriffe suchten Google-Nutzer im Jahr 2016 in Verbindung mit Kiel am häufigsten – und welche waren besonders aufstrebend? Die Auswertung der Daten des Suchmaschinen-Giganten Google hält so manche Überraschung bereit.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Politik 2/3