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Sechste Stunde: Benehmen

Umgangsformen als Pflichtfach? Sechste Stunde: Benehmen

Früher war sowieso alles besser. Die Unterrichtsinhalte: lebensnäher. Der Respekt der Schüler vor den Lehrern: größer. Jetzt ist die Mehrheit der Bürger laut einer repräsentativen Umfrage des Institutes YouGov unter 1330 Deutschen sogar der Meinung, dass „Benehmen“ ein Unterrichtsfach werden sollte – am besten verpflichtend.

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Drei von vier Befragten wünschen sich, dass deutsche Schüler in Umgangsformen unterwiesen werden.

Quelle: dpa

Kiel. Drei von vier Befragten wünschen sich, dass deutsche Schüler in Umgangsformen unterwiesen werden. 51 Prozent meinen, dass Benimm-Kurse an Schulen Pflicht sein müssten, für 24 Prozent immerhin Wahlfach. Ein obligatorisches Unterrichtsfach „Benehmen“ läge den Befragten damit mehr am Herzen als „Wirtschaft“ (48 Prozent), „Gesundheitskunde“ (42), „Suchtprävention“ (39) oder „Computerprogrammierung“ (35). Besonders ältere Menschen sehen im Vergleich zu früher nicht nur erhebliche Defizite im Verhalten von Schülern, sondern äußern auch ein Unbehagen mit den Lerninhalten an deutschen Schulen anno 2015: Zwei von drei Befragten (68 Prozent) stimmen „voll und ganz“ oder „eher“ der Ansicht zu, dass Schüler „zu viel unnützes Zeug“ lernen.

 Ebenso plakativ hatte Anfang des Jahres die Kölner Schülerin Naina (17) eine Bildungsdebatte via Twitter entfacht. „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern und Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ‘ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen“, twitterte sie und fand auch Gehör in der Politik. Längst empfiehlt die Kultusministerkonferenz (KMK) der 16 Bundesländer „fächerübergreifende Inhalte“ für den Unterricht. Das betreffe „vor allem Fragen der politischen und wirtschaftlichen Bildung im weitesten Sinne“ und sei „in der Regel Gegenstand mehrerer Unterrichtsfächer“. „Wirtschaftliche Bildung“ oder „Verbraucherbildung“ etwa soll laut KMK stärker in den Lehrplänen der Schulen verankert werden. Länder wie Schleswig-Holstein oder Bayern sind bereits vorangegangen. Aber Unterricht im Benehmen? Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Britta Ernst erteilt dieser Idee eine Absage: „Teamfähigkeit, das Einhalten von Regeln, verantwortliches und respektvolles Verhalten, das sind Dinge, die in den Schulprogrammen fächerübergreifend verankert sind. Dafür bedarf es aber nicht der Einführung eines gesonderten Schulfaches.“

 Ähnlich sieht es Bernd Schauer, Geschäftsführer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Schleswig-Holstein. Für „Unsinn“ hält er den Gedanken eines eigenen Benimm-Unterrichtes. Zwar sei das Problem einer immer größeren Zahl an Schülern mit auffälligem Verhalten und einer zum Teil immer schwierigeren Kommunikation mit den Eltern unstrittig. „Aber immer mehr neue Fächer für jeden Bereich von Gesundheit bis Benehmen sind kein Allheilmittel. Es ist anspruchsvoll genug, soziales Verhalten und Unterrichtsinhalte zu vermitteln. Gegenseitiger Respekt aller Beteiligten ist wichtig – aber das funktioniert nicht in einem eigenen Fach.“ Stattdessen fordert der GEW-Geschäftsführer die „Stärkung der Schulsozialarbeit“.

 Einerseits wird von Eltern immer wieder der Ruf nach einem „Entrümpeln der Lehrpläne“ laut. Andererseits fordern sie zusehends Nischenfächer, um einzelne Kompetenzen der Kinder zu stärken. „Die Schulen können doch nicht der Ausputzer für eine verfehlte Erziehung sein“, sagt Bernd Schauer. Und auch Schleswig-Holsteins Schulministerin Britta Ernst hat dazu eine klare Meinung: „An dieser Stelle sind auch die Elternhäuser gefragt.“

 Unterstützung bekommt Ernst von ihrer nordrhein-westfälischen Kollegin Sylvia Löhrmann (Grüne): „Für bestimmte Alltagsfähigkeiten bleiben die Eltern verantwortlich. Außerdem dürfen wir die Lehrpläne nicht überdehnen und immer weiter oben draufsatteln.“ Nach Ansicht des hochkarätig besetzten „Aktionsrats Bildung“ sollten die Schulen in Deutschland mehr Wert auf Persönlichkeitsentwicklung legen. Lehr- und Lernprozesse dürften sich nicht nur auf Wissensvermittlung beschränken, heißt es in einem neuen Gutachten des Gremiums um die Bildungsforscher Dieter Lenzen und Wilfried Bos. Wichtig sei insgesamt eine „mehrdimensionale Bildung“.

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Ein Artikel von
Tamo Schwarz
Sportredaktion