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4000 Pflegekräfte fehlen in Schleswig-Holstein

Verdi 4000 Pflegekräfte fehlen in Schleswig-Holstein

Protest auf der Straße, Kongress im Landeshaus – am Internationalen Tag der Pflege ging es in der Landeshauptstadt am Donnerstag gleich doppelt um Personalmangel, Arbeitsbedingungen, Scheinselbstständigkeit.

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Verdi hat für Donnerstag, dem Internationalen Tag der Pflege, einen Aktionstag mit Protestkundgebungen in Lübeck, Kiel, Schwerin und Rostock angekündigt.

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Kiel/Lübeck. Einigkeit herrschte in der Analyse: „So geht es in der Pflege nicht weiter.“ Doch bei konkreten Lösungen kam man nicht zusammen.

Für die gut 400 Demonstranten ist der Lösungsweg klar. Ein einheitliches Personalbemessungssystem muss für mehr Stellen in Krankenhäusern, Pflegeheimen und ambulanten Diensten sorgen. Nach einer Schätzung von Verdi fehlen allein in Schleswig-Holstein 5200 Stellen oder sind nicht besetzt. „Die Bundesregierung verspricht Abhilfe durch das Pflegeförderprogramm, aber das bringt für uns gerade einmal 200 Stellen. Lächerlich!“, sagt Christian Godau von Verdi.

„Es kann nicht sein, dass wir so wenige auf der Station im Krankenhaus sind, dass ein einziger Krankheitsfall nur dadurch aufgefangen werden kann, dass ein Kollege aus dem freien Tag geholt wird“, kritisiert ein Pfleger des Universitätsklinikums. Auch in der Altenpflege herrsche eine unerträgliche Arbeitsdichte, klagt Steffen Kühhirt von Verdi. Grund hierfür sei die Renditeorientierung privater Pflegeeinrichtungen: „Diese prekäre Situation gefährdet das Patientenwohl.“ Außerdem seien in der Alten- und Krankenpflege im Land inzwischen mehr als eine Million Überstunden aufgelaufen.

Die Personalsituation führt auch dazu, dass immer mehr Beschäftigte die Pflege verlassen, in die rechtlich unsichere Freiberuflichkeit abwandern oder gar nicht erst die Ausbildung beenden. „In unserer Klasse hat fast die Hälfte die Ausbildung abgebrochen, vor allem wegen der Personalsituation. Sie haben das Gefühl, dass sie mit solchen Stellenschlüsseln gar keine Zeit haben, so zu pflegen, wie wir es lernen und wie es auch angemessen und menschenwürdig ist“, sagt Michaela Matzke, die ihre dreijährige Ausbildung zur Altenpflegerin bald abschließt.

Unter solchen Arbeitsbedingungen, sagt auch die künftige Pflegekraft Heike Evers, dürfe man sich über Nachwuchsmangel nicht wundern. Die Arbeitsbedingungen würden positive Entwicklungen zunichte machen oder zumindest überdecken – etwa, dass die Landesregierung inzwischen mehr als sieben Millionen Euro für die Ausbildung von Altenpflegekräften ausgibt – 70 Prozent mehr als 2012. Und dass man für die Ausbildung in Schleswig-Holstein seit 2015 nichts mehr zahlen muss.

Tarifvertrag für die Altenpflege

Für Steffen Kühhirt von Verdi muss noch an einer anderer Stellschraube gedreht werden: „Wir brauchen einen Tarifvertrag für die Altenpflege, der für alle Arbeitgeber gilt, und die Ausgliederung in Servicegesellschaften unterbindet. Die Altenpflege ist zum großen Teil ohne Tarifbindung, das führt zu einer Abwärtsspirale bei den Verdiensten.“ So würde eine Pflegekraft in einem Heim ohne Tarifbindung bis zu 500 Euro im Monat weniger verdienen als Kollegen mit einem guten Tarifvertrag.

Doch Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) zeigte sich skeptisch. Ihrer Meinung nach fehlen die gesetzlichen Voraussetzungen dafür, dass Schleswig-Holstein solch einen bindenden Mindest-Tarifvertrag für die Altenpflege einführt. Christian Godau widerspricht: „Das ist über eine Landesverordnung sehr wohl machbar. Niedersachsen hat das gerade vorgemacht.“

Während die Demonstranten auf ihrem Weg durch die Innenstadt „Pflege ist keine Fließbandarbeit“ skandieren, geht es auch im Landeshaus beim Landespflegekongress um das „ÜberLeben in der Pflege – Zwischen wirtschaftlichem Druck und fachlichem Anspruch“. Die Pflegesituation in Schleswig-Holstein wird sich weiter zuspitzen, ist sich Initiatorin Jutta Schümann vom Verein Landesgesundheitsprojekte sicher. Auch Patricia Drube vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe sieht eine Abwärtsspirale.

„Pflegekräfte brauchen angemessene Arbeitsbedingungen. Das beginnt in der Ausbildung, betrifft die Honorierung als auch den zeitlichen Rahmen“, fordert Kristin Alheit. Wie sie das erreichen will? Alheit verweist auf die Pflegekammer, die ab 2018 den Pflegekräften eine stärkere Stimme geben soll. Und sonst? „Ich sehe kein Patentrezept. Es reicht nicht, an einer Schraube zu drehen.“

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Die Pflege rast auf einen Abgrund zu, und plötzlich schreien alle: Halt! Dabei hat die Fahrt schon im vergangenen Jahrhundert begonnen. Schon damals war klar, dass die Personalschlüssel nicht ausreichen, und Sozialministerin Heide Moser ließ untersuchen, wie viel Personal für eine individuelle Pflege notwendig wäre.

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