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Weitere Misshandlungen in Schleswig-Holstein?

Nach dem Fall Friesenhof Weitere Misshandlungen in Schleswig-Holstein?

Der Friesenhof-Skandal ist noch nicht aufgearbeitet, da deuten sich weitere Misshandlungsfälle in schleswig-holsteinischen Jugendheimen an. Die Piraten-Partei und die Linke erheben schwere Vorwürfe.

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Ministerin Kristin Alheit.

Quelle: Ulf Dahl (Archiv)

Kiel. Neue Vorwürfe gegen die Landesheimaufsicht von Sozialministerin Kristin Alheit (SPD): Nach Recherchen der Piraten im Kieler Landtag und der Fraktion Die Linke im Hamburger Rathaus wurden Kinder und Jugendliche nicht nur in der inzwischen geschlossenen Mädchenheimeinrichtung Friesenhof in Dithmarschen systematisch gedemütigt und drangsaliert, sondern auch in zwei weiteren Einrichtungen in Schleswig-Holstein. Konkret soll es sich dabei um die Heilpädagogische Kinder- und Jugendhilfe Dithmarschen in Dörpling und das Therapiezentrum Rimmelsberg im Kreis Schleswig-Flensburg handeln. Dort arbeiten auch ehemalige Friesenhof-Mitarbeiter.

Isolation und Strafsport

Gewaltsame Fixierung, Demütigung, Isolation und Strafsport:  Kinder und Jugendliche hatten zuvor Mitarbeitern der Straßenkindereinrichtung Kids am Hamburger Hauptbahnhof von ähnlichen Bootcamp-Maßnahmen berichtet, wie es zuvor betroffene Mädchen aus dem Friesenhof getan hatten. Die Vorfälle ereigneten sich demnach in den Jahren 2014 und 2015. „Die Aufsichtsbehörde, das Landesjugendamt, ist zu keiner Zeit rechtlich und von der personellen Ausstattung her in der Lage gewesen, eine echte Fachaufsicht auszuüben“, sagte der Piraten-Abgeordnete Wolfgang Dudda am Dienstag. Er sitzt als Obmann im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der sich seit September vergangenen Jahres mit dem Friesenhof befasst. „Hier gehen privates Profitstreben um jeden Preis mit vermeintlichen Sparzwängen des Staates Hand in Hand.“

Mit Auflagen reagiert

Ministerin Alheit wies darauf hin, dass beide Einrichtungen seit vergangenem Sommer intensiv beaufsichtigt würden, zumal es in der Vergangenheit unterschiedliche Beschwerden zu beiden Einrichtungen gegeben habe. Zu den Vorwürfen gehörten demnach zum Beispiel Tätlichkeiten gegen Betreute, zu Boden drücken, Kontaktverbote sowie Strafsport und Freiheitsentzug.  „Die Heimaufsicht hat mir berichtet, dass die Vorwürfe überprüft wurden. Es hat in beiden Einrichtungen mehrere Prüfungen gegeben“, sagte Alheit. „Auf festgestellte Mängel hat die Heimaufsicht zum Beispiel durch Auflagen und eine Tätigkeitsuntersagung reagiert. Durch das Einschreiten der Heimaufsicht konnten Mängel abgestellt werden.“ Sie sei auch informiert worden, dass diverse Vorwürfe sich nicht bestätigt hätten, betonte die Ministerin. Viele der oben genannten Vorwürfe zu einer Einrichtung waren auch bereits Gegenstand eines Ermittlungsverfahrens. „Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren eingestellt, weil der Verdacht nicht erhärtet werden konnte.“ Nach der Presseerklärung der Piraten und der Hamburger Linken bleibe unklar, ob dort Informationen vorliegen, die der Heimaufsicht bisher nicht mitgeteilt wurden. „Falls es solche Informationen geben sollte, wären sie bei den Behörden besser aufgehoben als bei der Presse. Selbstverständlich wird die Heimaufsicht jede Information sorgfältig prüfen und alle erforderlichen Konsequenzen ziehen, falls weitergehende Vorwürfe sich bestätigen sollten.“

"Faktisch folgenlos"

Vertreter der Opposition im Kieler Landtag sprachen von unglaublichen Vorgängen. „Sollten die aktuellen Berichte über Rechtsverletzungen in weiteren Jugendeinrichtungen in Schleswig-Holstein zutreffen, dann wären die vielzähligen Erklärungen von Sozialministerin Alheit, dass sich Vorgänge wie im Friesenhof nicht wiederholen sollen, faktisch folgenlos geblieben“, sagte Anita Klahn (FDP). Später legte Fraktionschef Wolfgang Kubicki nach: „Die Tatsache, dass zum Teil die gleichen Personen beteiligt sind, die auch schon im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Friesenhof eine Rolle gespielt haben, führt zu der Frage, wie ernst es Ministerin Alheit mit der Aufsicht genommen hat. Die psychische und physische Beeinträchtigung der Kinder geht zu ihren Lasten.“

Nach Angaben von Katja Rathje-Hoffmann  (CDU) war es lange bekannt, dass Friesenhof-Mitarbeiter in andere Heime gewechselt sind. „Das weiß auch die Heimaufsicht. Ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass unter den Augen der Aufsichtsbehörden die unmenschlichen Friesenhof-Methoden in anderen Heimen weiter angewendet wurden. Das wäre schon vorsätzliches Versagen.“ Alheit müsse jetzt beweisen, dass sie aus dem Fall Friesenhof die richtigen Lehren gezogen habe.

Intensiv mit den Kindern gesprochen

Unterdessen hat der Geschäftsführer der Heilpädagogischen Einrichtung Dörpling, Frank Hunting, die Vorwürfe als vollkommen haltlos zurückgewiesen. „Weder ein Kind, noch die Heimaufsicht noch Eltern haben bei mir entsprechende Anschuldigungen vorgebracht“, sagte er. „Ja, ich bin tatsächlich aus allen Wolken gefallen.“ Menschenunwürdige Maßnahmen, gewschweige denn Zwang passe nicht zum Anspruch seines Heims. Dort werden nach seinen Angaben 24 Jungen und Mädchen im Alter von acht bis 18 Jahren betreut. „Unsere Kinder gehen außerhalb zur Schule, sie fahren hin und wieder nach Hause, gehen reiten und spielen Fußball im Verein. Es gibt bei uns keine verschlossenen Türen und Fenster.“ 20 der insgesamt 22 Mitarbeiter seien pädagogisch qualifiziert. Hunting und seine Frau waren im Friesenhof beschäftigt, bevor sie 2014 ihre eigene Einrichtung eröffneten. Wie viele der Mitarbeiter ebenfalls im Friesenhof arbeiteten, wollte er nicht sagen. „Das waren schon einige.“ Die Heimaufsicht sei bisher zweimal zu Besuch gewesen: 2015 kurz nach der Eröffnung und 2015, nachdem die Vorwürfe zum Friesenhof immer massiver geworden waren.  Die Kieler Heimaufsicht habe damals auch mit den Kindern intensiv gesprochen.

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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