20 ° / 13 ° wolkig

Navigation:
Heirat gegen den eigenen Willen

Zahl der Kinderehen steigt Heirat gegen den eigenen Willen

Bundesweit werden immer mehr Fälle von Kinderehen bekannt: Unter den Flüchtlingen in Deutschland sind offenkundig hunderte minderjährige Mädchen, die in ihren Heimatländern verheiratet worden sind. Auch in Hilfseinrichtungen in Schleswig-Holstein werden sogenannte Kindsbräute betreut.

Voriger Artikel
„Faktisch eine freie Schulwahl“
Nächster Artikel
Regierung lenkt bei Strafvollzug ein

In einigen Ländern werden viele Minderjährige gegen ihren Willen verheiratet. Nun kommen sie oft als Flüchtlinge nach Deutschland. Im Unterschied zu anderen Bundesländer hat Schleswig-Holstein aber keinen genauen Überblick.

Quelle: Boris Roessler/dpa

Kiel. Nach Ansicht der CDU im Norden unternimmt die Landesregierung zu wenig im Kampf gegen Kinderehen und für den Schutz der Opfer.

Auf Bundesebene diskutieren die Justizminister, wie rechtlich mit dem Problem der Kinderehen umzugehen ist. Auslöser sind steigende Zahlen bekanntgewordener Fälle: Im Unterschied zu Schleswig-Holstein führen einige Bundesländer bereits Statistiken. So zählten die bayerischen Sozialbehörden im April mehr als 160 Fälle von Ehen bei Zuwanderern, in denen die Mädchen jünger als 16 Jahre alt waren. In Baden-Württemberg wurden 120 Kinderehen aktenkundig, in Nordrhein-Westfalen fast 200. „Schockiert“ reagiert Katja Rathje-Hoffmann, Sozialexpertin der CDU-Landtagsfraktion, jetzt auf die Beantwortung einer parlamentarischen Kleinen Anfrage an das Innenministerium. „Es werden nicht nur keine statistischen Daten erfasst, es gibt offenbar auch niemanden, der sich für die Schicksale dieser Mädchen zuständig fühlt“, kritisiert die Unionspolitikerin.

Land hat keine verlässlichen Zahlen

Wie aus der Beantwortung des Ministeriums hervorgeht, liegen dem Land tatsächlich keine „statistischen Auswertungen“ vor, wie viele Fälle von Kinderehen im Land bislang bekannt geworden sind – weder aktuell, noch in den vergangenen fünf Jahren. Auf die Frage, wie die Landesregierung die Situation minderjähriger verheirateter Mädchen im Hinblick auf den Kinder- und Jugendschutz bewertet, beruft sich das Innenministerium ebenso wie bei der Frage, welche Maßnahmen das Land zur Verhinderung von Kinderehen ergreifen will, allein auf geltendes Bundesrecht.

CDU-Frau Rathje-Hoffmann reicht das nicht aus: „Innenminister Stefan Studt muss sagen, was er als verantwortlicher Landesminister tut, um solche Mädchenschicksale in Schleswig-Holstein zu verhindern oder zumindest zu lindern.“ Dazu müsste sich der Minister „allerdings zunächst für die Schicksale der Mädchen interessieren“, so Rathe-Hoffmann. „Studts technokratische Antwort, dass ihm Angaben im Sinne statistischer Auswertungen nicht vorliegen, beweist das Gegenteil.“

Frauenhäuser stehen allen offen

Hendrik Peters vom Innenministerium verweist unterdessen auf die Beratungsangebote, die landesweit Betroffenen Hilfe anbieten würden. „Die Frauenberatungsstellen und Frauenhäuser stehen grundsätzlich auch jüngeren Frauen, also auch minderjährigen Ehefrauen, zur Verfügung“, betont der Ministeriumssprecher und weist die CDU-Kritik zurück. „Das Phänomen Kinderehen ist nach den vorhandenen Erkenntnissen in Schleswig-Holstein bisher strukturell nicht als Problemfall in Erscheinung getreten“, so Peters. Überdies seien Ehen unter Umständen auch mit Minderjährigen rechtlich zulässig.

Statistiken über die Verbreitung von Kinderehen kann auch Michaela Peschel, Leiterin des Mädchenhauses in Kiel, nicht vorweisen. Dass es hierzulande weniger Fälle als in Bayern oder Nordrhein-Westfalen gibt, glaubt sie nicht: „Schleswig-Holstein ist ein Bundesland wie alle anderen auch“, betont Peschel und warnt, „die Augen vor dieser hochdramatischen Problematik zu verschließen“. Zumal die Sozialpädagogin selbst Fälle kennt: „Erst vor kurzem haben wir von einer 15-Jährigen aus einer Kieler Unterkunft erfahren, die einer Betreuerin berichtete, dass sie nicht freiwillig mit einem älteren Mann verheiratet worden war.“ Wie auch Irene Johns, Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes Schleswig-Holstein, drängt Peschel im Kampf gegen Kinderehen auf eine Gesetzesverschärfung und darauf, die Ehe-Mündigkeit auf 18 Jahre festzulegen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Film
Sonita hält dicht.

Sonita will einfach nur frei sein - selbst über ihr Leben bestimmen und als Rapperin Karriere machen. Ihre Familie zuhause in Afghanistan hat andere Pläne.

Die 18-Jährige soll aus dem Exil im Iran zurückkehren und einen Mann heiraten, der für sie ausgesucht wurde, so gebietet es die Tradition.

  • Kommentare
Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Politik 2/3