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Jeder siebte Schüler bekommt Nachhilfe

Zusatzunterricht Jeder siebte Schüler bekommt Nachhilfe

In Deutschland erhalten 1,2 Millionen Schüler Nachhilfe. Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung ist das jeder Siebte. Eltern lassen sich die Förderung ihrer Kinder demnach jedes Jahr rund 900 Millionen Euro kosten. Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Kiel bewertet man diesen Trend kritisch.

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Büffeln bis der Kopf raucht: Viele Schüler lernen oft bis spät in die Nacht. Um die Noten zu verbessern, bekommen viele neben dem regulären Unterricht auch Nachhilfe.

Quelle: Karina Dreyer

Kiel. Längst nicht jeder privat geförderte Schüler habe allerdings zwangsläufig schlechte Noten. Rund ein Drittel setze auf zusätzlichen Unterricht, um befriedigende bis gute Leistungen noch weiter zu verbessern.

Nach der Studie, die auf einer repräsentativen Elternbefragung basiert, geben Familien durchschnittlich 87 Euro für Nachhilfe aus. Deutschlandweit werden 14 Prozent der Schüler zwischen sechs und 16 Jahren außerhalb des Regelunterrichts gefördert. Schleswig-Holstein liegt bei 15,5 Prozent, wobei die Angaben aufgrund geringer Fallzahlen mit Vorsicht zu interpretieren seien. Schüler aus Haushalten ab einem Nettoeinkommen von 3000 Euro nutzen Nachhilfeangebote etwas häufiger als Schüler aus Haushalten mit geringerem Einkommen (15 zu zwölf Prozent).

Der Bedarf schnellt mit dem Verlassen der Grundschule nach oben. Während nur knapp fünf Prozent der Erst- bis Viertklässler Nachhilfe nehmen, sind es in der Sekundarstufe 1 bereits 18 Prozent. Am häufigsten ist die Lernunterstützung mit rund 20 Prozent an den Gymnasien verbreitet. Teuer? Die Bertelsmann-Stiftung verweist darauf, dass nur zwei Drittel der Eltern die Nachhilfe selbst finanzieren. An gebundenen Ganztagsschulen profitiere mehr als ein Drittel der Schüler von kostenlosen Angeboten. „Bildungschancen dürfen nicht von privat finanzierter Nachhilfe abhängen“, sagte Jörg Dräger vom Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.

Ausbau von Ganztagsschulen hilft

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) betonte, dass das Land „gute Schulen und gute Lehrkräfte“ habe und man die Qualität von Unterricht und Bildung stetig verbessere. „Wer sich engagiert und mitmacht, soll den nach seinen Fähigkeiten bestmöglichen Schulabschluss ohne Nachhilfe erreichen können.“ Dabei helfe auch der Ausbau von Ganztagsschulen, von denen es im Land aktuell 519 gibt - das sind mehr als 60 Prozent. „Auf der anderen Seite ist Eltern nicht vorzuwerfen, wenn sie sich für die Bildung ihrer Kinder engagieren – im Gegenteil.“

GEW-Landesgeschäftsführer Bernd Schauer fragte dagegen, ob manches außerschulische Engagement nicht des Guten zu viel sei. Einen leistungsstarken Schüler auch noch außerschulisch zu fördern, sei gerade so, als würde man sich noch eine vierte Kugel Eis gönnen. „Neben guten Noten geht es doch viel mehr um Motivation, um Selbstständigkeit, Standvermögen im Leben und darum, Freizeit sinnvoll gestalten zu können.“ Schauer betonte, dass Schleswig-Holsteins Schulen auch ohne Nachhilfe in der Lage seien, gute Bildung zu gewährleisten. Zeitmangel und große Klassen verhinderten allerdings, dass Pädagogen wirklich allen Kindern differenzierte Förderung angedeihen lassen könnten. Helmut Siegmon vom Philologenverband kritisierte dagegen, dass der Unterrichtsausfall „unglaublich hoch“ sei. Insofern finde er es nachvollziehbar, wenn leistungsstarke Schüler Ehrgeiz zeigen und mehr lernen wollen, als ihnen der angebotene Unterricht vermittelt. „Aus Gleichheitsgründen darauf zu verzichten, wäre realitätsfremd und demokratiefeindlich.“ Ganztagsschulen seien nur dann sinnvoll, wenn sie qualifizierte Angebote machen.

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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Kommentar

Die jüngste Bertelsmann-Studie hat ein weiteres großes Defizit des deutschen Bildungssystems offengelegt. Wenn in den alten Bundesländern 13 Prozent aller Schüler meist privat finanzierte Nachhilfe erhalten, lässt sich das nicht nur mit individuellen Leistungsschwächen pubertierender Pennäler erklären. Die Schulen und hier insbesondere die Gymnasien sind schlichtweg nicht in der Lage, allen Schülern den geforderten Lernstoff verständlich zu vermitteln.

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