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Abgas-Skandal VW sucht Wege aus der Krise

Die Suche nach Schuldigen an der Abgas-Affäre beim Autokonzern Volkswagen ist in vollem Gange. Das Ausmaß des Skandals ist noch immer nicht abzusehen.

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Volkswagen sucht weiter nach Wegen aus der Abgas-Krise.

Quelle: Patrik Stollarz/ AFP

Wolfsburg. Volkswagen sucht weiter nach Wegen aus der Abgas-Krise. Das Präsidium des Aufsichtsrats, der innerste VW-Machtzirkel, beriet am Mittwochabend stundenlang. Ergebnisse wurden zunächst nicht bekannt. Eine Erklärung des Präsidiums gab es nicht. Dem Gremium sollte nach dpa-Informationen nach internen Ermittlungen ein erster Zwischenbericht vorgelegt werden.

Demnach fiel die Entscheidung zum Einbau der manipulierten Software bereits in den Jahren 2005 und 2006, und zwar in der Motorenentwicklung in der VW-Zentrale. Unklar ist weiterhin, wer genau die Verantwortung für den Einbau der Software trägt.

Zum Präsidium des Kontrollgremiums zählen Interims-Aufsichtsratschef Berthold Huber, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), Aufsichtsrat Wolfgang Porsche, Betriebsratschef Bernd Osterloh und dessen Stellvertreter Stephan Wolf. Vor zehn Tagen war in den USA herausgekommen, dass VW mit einem Computerprogramm die Abgaswerte bei Dieselwagen manipuliert hat. Weltweit sind nach Konzernangaben rund elf Millionen Fahrzeuge betroffen, davon rund 2,8 Millionen in Deutschland.

Winterkorns Rücktritt

Vor einer Woche war infolge des Skandals der VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn zurückgetreten. Sein Nachfolger wurde der bisherige Porsche-Chef Matthias Müller. Neuer Porsche-Chef wiederum wird der bisherige Produktionsvorstand Oliver Blume.

Bereits am 3. September soll Volkswagen gegenüber der amerikanischen Umweltbehörde EPA die Manipulation eingeräumt haben. Nach dpa-Informationen spielt genau dieses Datum eine gewichtige Rolle. Denn gegenüber der Öffentlichkeit schwieg der Zwölf-Marken-Konzern sich noch Wochen aus. In Konzernkreisen wird befürchtet, VW habe damit gegen das Aktienrecht verstoßen. Denn alle börsenrelevanten Informationen müssen öffentlich gemacht werden.

Darüber hinaus ging es bei den Präsidiumsberatungen auch um die Zukunft des bisherigen VW-Finanzchefs Hans Dieter Pötsch. Anfang September hatte das Präsidium Pötsch noch einstimmig als Nachfolger von Ferdinand Piëch an der Spitze des Aufsichtsrates vorgeschlagen. Der langjährige VW-Patriarch Piëch hatte im Frühjahr einen internen Machtkampf mit dem ehemaligen Konzernchef Winterkorn verloren und war zurückgetreten.

In Konzernkreisen war nach einem Bericht des „Handelsblatts“ Kritik laut geworden, weil Pötsch in seiner neuen Rolle die Aufklärung des Dieselskandals beaufsichtigen soll — für den er in seiner Zeit als VW-Vorstand aber möglicherweise eine Mitschuld tragen könnte, wie es in den Kreisen hieß. Nach dpa-Informationen gibt es hier etwa seitens des Landes Niedersachsen Klärungsbedarf.

Die Familien Porsche und Piëch dagegen stehen unverändert hinter Pötsch als künftigen Chef des Volkswagen-Kontrollgremiums, wie ein Sprecher der Dachgesellschaft Porsche SE der dpa in Stuttgart sagte. Die Holding hält die Mehrheit an VW, die Familien Piëch und Porsche wiederum spielen eine maßgebliche Rolle in der Porsche SE.

VW drohen Milliardenkosten aus Schadensersatzansprüchen und Sammelklagen. Daneben erwägen die Regierungen in Frankreich und Spanien, Subventionen zurückzufordern. Juristischer Ärger droht bislang auch in den USA, Deutschland und Südkorea.

Kein formelles Ermittlungsverfahren 

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig führt entgegen früheren Angaben der Behörde derzeit kein formelles Ermittlungsverfahren gegen Ex-VW-Chef Martin Winterkorn. Zugleich bedauerte die Staatsanwaltschaft in einer Mitteilung am Donnerstag die Irritationen über ihre Angaben zu dem Verfahren. Es sei auf Grundlage mehrerer Anzeigen zwar ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden. Gegen Winterkorn werde aber derzeit erst ein Anfangsverdacht geprüft. „Ein formelles Ermittlungsverfahren wird gegen Prof. Dr. Winterkorn gegenwärtig nicht geführt“, heißt es in der Erklärung.

„Sofern dieser Eindruck entstanden ist, bedauert die Staatsanwaltschaft Braunschweig dies sowie die Irritationen, welche die Pressemitteilungen in diesem Zusammenhang hervorgerufen haben“. Am Montag hatte die für Wirtschaftsstrafsachen zuständige Behörde in einer Erklärung betont, nach mehreren Strafanzeigen sei ein entsprechendes Verfahren gegen den Manager eingeleitet worden.

Rückzug aus den USA?

Ein Autoexperte brint mittlerweile einen Rückzug der Marke Volkswagen aus dem US-Markt ins Gespräch. „Ein Komplettausstieg der Marke Volkswagen-Pkw in den USA sollte in Erwägung gezogen werden“, schrieb Nord-LB-Analyst Frank Schwope am Donnerstag.

Da der Konzern nach Jahren mit Verlusten seit 2007 keine Gewinnkennzahlen mehr für Nordamerika veröffentliche, könne man annehmen, dass in den vergangenen 15 Jahren insgesamt „eher (deutliche) Verluste als Gewinne in den USA angefallen sind.“ Die Marken Audi und Porsche dürften laut Schwope hingegen deutliche Gewinne auch in den USA einfahren. Ein VW-Sprecher in Wolfsburg sagte, der Konzern veröffentliche grundsätzlich keine Gewinnkennziffern zu einzelnen Ländermärkten.

Die Schwäche auf dem US-Markt war dem Vernehmen nach ein Grund, warum VW-Patriarch Ferdinand Piëch Anfang des Jahres „auf Distanz“ zu Ex-VW-Chef Martin Winterkorn gegangen war und damit einen Machtkampf bei Europas größtem Autobauer angezettelt hatte. Betriebsratschef Bernd Osterloh hatte das US-Geschäft im vergangenen Jahr als „Katastrophenveranstaltung“ bezeichnet.

Millionenstrafe aus Australien droht

Auch in Australien drohen Volkswagen möglicherweise Millionenstrafen. Zum einen könnten Verbraucher mit falschen Angaben über die Umweltfreundlichkeit der Wagen getäuscht worden sein, teilte die Verbraucherschutzbehörde Australian Competition and Consumer Commission (ACCC) am Donnerstag mit. Zum anderen verstoße der Einbau manipulierter Software gegen australische Gesetze. Die Behörde warte noch auf Angaben von VW, ob Autos mit dieser Software nach Australien geliefert wurden. Audi hatte dies bereits eingeräumt, allerdings sei die Software in den Audi-Fahrzeugen nicht aktiv gewesen.

„Wir sind sehr besorgt über die potenziellen Verbraucher- und Wettbewerbsnachteile“, teilte der Vorsitzende der Behörde, Rod Sims, mit. Jeder Verstoß gegen die Gesetze könne eine Strafe von bis zu 1,1 Millionen australischen Dollar (692 000 Euro) nach sich ziehen, sagte ein Sprecher der Behörde der Nachrichtenagentur dpa. Diese Strafe werde pro verkauftes Auto berechnet, in dem aktive manipulierte Sorftware eingebaut war. Seit 2009 sind in Australien nach Schätzungen rund 50 000 VWs mit Dieselantrieb verkauft worden.

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In Deutschland sind 2,8 Millionen Autos mit der manipulierten Abgas-Software von VW ausgestattet. Doch welche genau? „Anhand der Fahrgestellnummer können wir von nun an ermitteln, ob ein Fahrzeug betroffen ist“, kündigte am Donnerstag Michael Ihle am Tag des Kfz-Unternehmers in Neumünster an.

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