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Acht-Stunden-Tag noch zeitgemäß?

Schleswig-Holstein Acht-Stunden-Tag noch zeitgemäß?

Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen und acht Stunden Freizeit und Erholung: Eine der ältesten Forderungen und Errungenschaften der Arbeiterbewegung steht in Deutschland auf dem Prüfstand – der Acht-Stunden-Tag.

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 Klammern wir uns an den Acht-Stunden-Tag wie der US-Stummfilmstar Harold Lloyd an den Uhrzeiger in der berühmten Filmszene aus „Safety Last“? In vielen Bereichen sind flexible Regelungen schon an der Tagesordnung.

Quelle: Db Upi/picture alliance/dpa

Kiel. Wirtschaftsvertreter wollen ihn kippen. Die klassischen Arbeitszeiten von neun bis fünf Uhr seien nicht mehr zeitgemäß, so der Tenor der Arbeitgeber. Zu starr, zu unflexibel.

 „Um mehr Spielräume zu schaffen und betriebliche Notwendigkeiten abzubilden, sollte das Arbeitszeitgesetz von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit umgestellt werden“, heißt es in einem Positionspapier der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Durch die Digitalisierung von Wirtschaft und Arbeitswelt ergäben sich „neue Möglichkeiten der Arbeitszeitgestaltung“. Zudem erschwere die derzeitige Acht-Stunden-Regelung die internationale Kommunikation über Zeitzonen hinweg.

 Auch die EU schreibe nur ein wöchentliches Zeitlimit vor, sagt Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer. Die Bundesregierung würde so die Normen aus Brüssel nur eins zu eins umsetzen.

 Zustimmung gibt es von den Arbeitgebern im Norden. „Dies schafft Flexibilität, den Abbau von Bürokratie und hilft Arbeitgebern und Arbeitnehmern Lösungsansätze zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf – und genauso wichtig: zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf – umzusetzen“, sagt UVNord-Hauptgeschäftsführer Michael Thomas Fröhlich.

 „Flexible Arbeitszeitgestaltung spielt bei der Auswahl von Stellen für Bewerber heutzutage eine wichtige Rolle“, hebt Jörg Orlemann, Hauptgeschäftsführer der IHK zu Kiel, hervor. Er unterstützt die bundesweite Linie der Industrie- und Handelskammern. Eric Schweitzer, Präsident der Dachorganisation DIHK, hatte gegenüber der „Rheinischen Post“ gesagt, die starren Arbeitszeitrahmen minderten die Flexibilität der Betriebe. Die gesetzlichen Regelungen müssten „ein Stück weit der jetzigen Realität“ angepasst werden, so Schweitzer.

 „Ich halte das für dummes Zeug“, sagt Peter Seeger, IG-Metallchef von Kiel/Neumünster. „In der Metallindustrie wird schon jetzt sehr flexibel gearbeitet.“ Beispielsweise bei Vossloh, ThyssenKrupp Marine Systems oder Caterpillar gebe es Arbeitszeitkonten, über die auch Mehrarbeit geregelt werde. „Wenn im Betrieb viel zu tun ist, wird mehr gearbeitet. Die Stunden werden später über Freizeit wieder ausgeglichen.“ Diese Flexibilisierung sei vollkommen normal und funktioniere auch ohne neue gesetzliche Richtlinien.

 Die Argumentation, die Acht-Stunden-Regelung behindere die Kommunikation mit Businesspartnern im Ausland, ist aus seiner Sicht purer „Quatsch“. Unternehmen wie ThyssenKrupp oder Caterpillar unterhielten schließlich alle weltweite Geschäftsverbindungen. „Und ich habe noch nie gehört, dass es wegen der festgelegten Arbeitszeiten ein Problem mit der Kommunikation gegeben hätte“, sagt Seeger. Es sei üblich, dass manche Mitarbeiter früher und manche später ihren Arbeitstag beginnen. Die BDA ziele mit ihrem Vorstoß lediglich darauf ab, eine generelle Erhöhung der Arbeitszeiten zu erreichen. „Das wollen wir nicht“, sagt Seeger.

 „Das ist eine absurde Diskussion“, kommentiert ein Sprecher der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi das Positionspapier. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisiert die Vorstöße scharf: Das BDA-Papier sei „ein politischer Versuch, die Digitalisierung zur weiteren Liberalisierung des Arbeitsmarktes zu nutzen“, so eine DGB-Sprecherin. „Es gibt Belastungsgrenzen, und eine liegt definitiv bei acht Stunden Arbeitszeit. Das ist wissenschaftlich längst erwiesen.“

 Anna Brandstätter von der Kieler Zeitarbeitsfirma Nazareth hält die Debatte ebenfalls für überflüssig. Die Erfahrung zeige, dass es bei einem Großteil der Beschäftigten bei regelmäßigen Kernzeiten am Tag bleibe. „Acht Stunden sind ein guter Tagesrhythmus. Wenn mal mehr anfällt, ist das für die Mitarbeiter auch okay“, sagt die Personaldisponentin. „Solange es im Rahmen bleibt.“ Die gängige Praxis, über zeitlich begrenzte Mehrarbeit zunächst im Betriebsrat abzustimmen, sei ausreichend.

 Das Bundesarbeitsministerium betonte gestern, eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes sei derzeit nicht geplant. Ressortchefin Andrea Nahles (SPD) wolle am Acht-Stunden-Tag in Deutschland festhalten – trotz Appellen aus der Wirtschaft. Ende des kommenden Jahres will das Ministerium aber ein „Weißbuch“ vorstellen. Dieses solle dann die Grundlage für Prüfungen sein, ob und wo mögliche Anpassungen im Arbeitszeitgesetz nötig sind. Für die Beschäftigten bleibt also alles wie gehabt – vorerst.

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Ein Artikel von
Anne Holbach
Wirtschaftsredaktion

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Leitartikel

Über Jahrzehnte kämpften im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert die Vertreter der Arbeiterbewegung für den Acht-Stunden-Tag. Der Durchbruch kam erst Ende November 1918, kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs mit dem sogenannten Stinnes-Legien-Abkommen. Seither ist er gesetzlich festgeschrieben in Deutschland, allerdings sind immer wieder Ausnahmen zugelassen worden.

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