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Mit Landidylle war es vorbei

Ärger über Windkraft Mit Landidylle war es vorbei

Es ist stürmisch - trotzdem stehen die Windräder in der Umgebung von Neuendorf-Sachsenbande (Kreis Steinburg) still. Jutta Reichardt ist froh darüber. Sie und ihr Mann Marco Bernardi wehren sich mit ihrer Initiative Windwahn gegen die Anlagen.

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Fühlen sich von Windrädern geschädigt: Jutta Reichardt und Marco Bernardi.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Es ist stürmisch. Auch weil sie glauben, dass Windräder sie krank gemacht haben.

 Drei Windkraftanlagen standen auf den umliegenden Feldern, als das Ehepaar 1994 nach Neuendorf-Sachsenbande zog. Nichts, was die beiden abschreckte. Der Kfz-Sachverständige und die Sonderpädagogin hatten den Resthof in der Wilstermarsch wegen der naturnahen Umgebung gekauft. Ein Teich liegt neben dem rotgeklinkerten Haus, ringsherum grüne Wiesen. Ein Huhn spaziert über den Rasen, rund 50 Tiere leben dort mit dem Paar. „Wir wollten hier unseren Traum vom Leben auf dem Land verwirklichen“, sagt Jutta Reichardt. Doch bald kamen weitere Windkraftanlagen in der Nähe dazu. 1995 ein Rad nur 320 Meter von ihrem Haus entfernt.

 Damals war es vor allem der hörbare Lärm, der das Ehepaar angriff. Trotz dreifach verglaster Fenster habe sie sich an manchen Tagen kaum mehr mit ihrem Mann unterhalten können, sagt Reichardt. Oft hätten sie nachts auch nicht mehr schlafen können. Das Windrad in direkter Nachbarschaft ist inzwischen weg. Ihre Initiative konnte das Repowering der Altanlage verhindern. Es blieben aber 150 weitere Windräder in Sichtweite. Das nächste ist 2,4 Kilometer vom Wohnhaus entfernt. Je nach Windrichtung belaste der Infraschall ihre Gesundheit stark, sagt Reichardt.

 Angefangen habe alles mit Ohrproblemen. „Das erste Symptom war ein schmerzhafter Druck mit Wattegefühl in den Ohren. Sie fühlten sich verstopft an“, beschreibt die Mittfünfzigerin. „Ich hörte ein ständiges Rauschen und später kamen verschiedene Tinnitus-Töne hinzu, zum Beispiel ein schlagendes Geräusch im linken Ohr: wusch, wusch, wusch – wie der Widerhall im Rhythmus der Rotoren.“ Ihre Ärzte fanden keine Erklärung für die plötzlichen Probleme, auch bei ihrem Mann entwickelte sich ein Tinnitus. „Immer, wenn wir länger weg waren, wurden die Beschwerden weniger“, sagt er.

 Als ab dem Jahr 2000 immer mehr Windräder in ihrer Umgebung aufgestellt wurden, kamen weitere Symptome dazu: Atemnot, Herzrasen und hohe Blutdruckwerte. „Bis wir realisiert haben, dass es die Windkraftanlagen sind, die uns krank machen, haben wir lange gebraucht“, sagt Jutta Reichardt. In Deutschland gebe es noch wenige Studien zu den Auswirkungen von Infraschall durch Windkraftanlagen. „Es herrscht kein Interesse, in diese Richtung zu forschen.“ Vorhandene Studien seien oft durch die Industrie finanziert. „Wir möchten daher die Organisation AEFIS (Ärzte für Immissionsschutz) beim Versuch unterstützen, Gelder für eigene Forschungen zu generieren.“ Wegziehen sei nicht so einfach, sagt das Ehepaar. Wenn sie heute verkaufen würden, müssten sie einen hohen Wertverlust in Kauf nehmen, glaubt Reichardt. Keiner, der sich ein solches Grundstück leisten könne, wolle inmitten von Windkraftwerken leben. Trotzdem: „Sobald wir können, sind wir hier weg“.

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Ein Artikel von
Anne Holbach
Wirtschaftsredaktion

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