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Die große Angst um Haus und Hof

Agrarkrise Die große Angst um Haus und Hof

Der Verfall der Milch- und Schweinepreise lässt immer mehr Landwirte in Schleswig-Holstein verzweifeln. „Viele Bauern haben Seelenschmerzen und wissen weder ein noch aus“, sagte Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Mittwoch bei der Vorstellung einer ungewöhnlichen Initiative in Kiel.

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Der Verfall der Milch- und Schweinepreise lässt immer mehr Landwirte in Schleswig-Holstein verzweifeln.

Quelle: Sebastian Gollnow/dpa

KIEL. Ein breites Bündnis aus Politik, Berufsverbänden, Nordkirche und Landwirtschaftskammer will Bauern helfen, die sich angesichts der Agrarkrise um Hof und Familie sorgen.

 „Die Situation hat sich verschärft“, berichtet Habecks Staatssekretärin Silke Schneider. Nach Einschätzung des Bauernverbandes kämpfen derzeit etwa zehn Prozent der gut 14.000 landwirtschaftlichen Betriebe in Schleswig-Holstein ums Überleben. Besonders düster ist die Zukunft der Milchbauern. Hier droht aus Sicht des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM) einem Viertel der Betriebe in den nächsten Monaten das Aus, falls der Milchpreis wie befürchtet landesweit unter 20 Cent je Liter fällt. „Mit jedem Liter, der gemolken wird, macht der Bauer derzeit Miese“, weiß Habeck. Die Betriebe lebten von der Substanz, befänden sich in einer „existenziellen Krise.“

 Die Not sei riesengroß, bestätigt Bauernverbands-Präsident Werner Schwarz. Ein Milchbauer habe ihm vorgerechnet, dass er mit dem Verkauf seiner 70 Milchkühe nicht einmal seine Kredite tilgen könnte. Grund: Wegen des Überangebots an Milchkühen zahlen Schlachthöfe nur noch 500 Euro je Tier. Ein anderer Landwirt habe ihn angerufen, so der Verbandspräsident, und schlicht gefordert „Mach was, wir gehen vor die Hunde.“ Schwarz beklagt zugleich ein „Bauern-Bashing“ durch einige Medien. „Die Landwirte halten sich an die Regeln und werden dennoch angefeindet.“ Das mache Landwirten das Leben schwer, belaste sie mental.

Bauern in Not

 „Viele Bauern können nicht mehr“, ergänzt der Vertrauensmann für Tierschutz in der Landwirtschaft, Professor Edgar Schallenberger. Er ist einer der Väter des Hilfsbündnisses für Bauern in Not. „Die Qualität der Anrufe hat sich geändert“, erzählt Schallenberger. Am Pfingstwochenende habe er einem Landwirt erfolgreich den Kontakt zu einer psychiatrischen Klinik vermittelt. Der Professor schlägt den Bogen vom Menschen- zum Tierwohl. Wenn es den Landwirten schlecht gehe, würden unter dieser Situation oftmals auch die Tiere leiden.

 Die Agrarkrise schlägt auch auf die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) durch. Für fast jede fünfte Frühverrentung eines Landwirts sei eine psychische Erkrankung ursächlich, berichtet SVLFG-Mann Erich Koch. „Die Zahlen werden steigen, weil wirtschaftliche Not dazu führt, dass Menschen in gesundheitliche Bedrängnis kommen.“ Bei Landwirten ist dieser Zusammenhang besonders eng, weil mit dem oft über Generationen vererbten Hof meist das Schicksal der ganzen Familie auf dem Spiel steht. Zugleich fiele es allerdings gerade Landwirten schwer, offen über ihre Probleme zu reden, weiß der Präsident der Landwirtschaftskammer, Claus Heller. „Bauern sind so gestrickt, dass sie ihre Seele nicht auf der Zunge tragen.“

 Das Bündnis setzt auf sein Premieren-Faltblatt, in dem erstmals alle Beratungsangebote für Landwirte und ihre Familien aufgelistet sind – vom Vertrauensmann Schallenberger (0431-8804531) über den Bauernverband (04846-387), den BDM (0412-150396) und das Sorgentelefon der Nordkirche (0431-55779450 bis hin zur sozio-ökonomischen Beratung der Landwirtschaftskammer (04331-9453220). Die Informationen sollen auch im Bauernblatt veröffentlicht werden. Ob die Nothilfe angenommen wird, dürfte sich im Herbst zeigen. Dann will das bundesweit einzigartige Bündnis gegen Bauernnot Bilanz ziehen.

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Die Preise für Milchprodukte stürzen weiter ab und bringen die Landwirte in Bedrängnis. Der Discount-Marktführer Aldi senkte seine Preise für den Liter Vollmilch in dieser Woche um fast 25 Prozent. Konkurrent Norma zog bereits nach, andere Lebensmittelhändler dürften folgen.

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