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Der Norden hat Streik-Routine

Bahnchaos bleibt aus Der Norden hat Streik-Routine

Die Lokführergewerkschaft GDL lässt die Muskeln spielen. Wieder einmal. Bis Donnerstagabend, 21 Uhr, sind Lokführer und Zugbegleiter bundesweit im Ausstand. Im Pendlerland Schleswig-Holstein haben Bahnkunden allerdings längst so etwas wie Streik-Routine entwickelt.

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Gespenstische Leere auf dem Lübecker Hauptbahnhof: Nur wenige Züge liefen am Mittwoch ein. Viele Reisende und Pendler hatten sich rechtzeitig nach Alternativen umgesehen, waren auf Busse ausgewichen oder hatten private Fahrgemeinschaften organisiert.

Quelle: Olaf Malzahn

Kiel. „Gib mir auch mal eine der Westen aus der Tasche, man soll mich ja erkennen können.“ Jörg Kupffer ist guter Dinge. Obwohl der GDL-Lokführer und seine Mitstreiter noch immer nicht ihr gewerkschaftliches Ziel durchgesetzt haben. Obwohl sie sich landauf, landab bereits zum siebten Mal draußen vor den Bahnhöfen in sandfarbenen Plastikwesten und mit Gewerkschaftsflaggen in der Hand postieren müssen. Info-Flyer haben sie dabei – „für interessierte Bürger“, sagt der 44-Jährige.

 Viele sind es allerdings nicht an diesem Morgen. Weder in Kiel oder Rendsburg noch in Neumünster oder Lübeck. Weder vor den Bahnhöfen noch auf den Bahnsteigen. Kein Wunder: 70 Prozent der Verbindungen fallen aus. Während Linien- und Fernbusse proppenvoll sind, warten Taxi-Fahrer vergeblich auf Kundschaft. Dank der rechtzeitigen Streikankündigung hat die Deutsche Bahn einen Notfahrplan organisiert und ihn auf Aushängen und im Internet veröffentlicht. Wer eine Reise plante, der konnte kostenfrei umbuchen. Viele Pendler haben sich Alternativen per Bus oder Mitfahrgelegenheit gesucht. Die Folge: fast gespenstische Leere, wo sonst das Leben tobt.

 „Heute fahren nur die mit der Bahn, die zeitlich flexibel sind“, sagt eine Service-Mitarbeiterin am Kieler Hauptbahnhof und ergänzt fast anerkennend: „Man kann das Gefühl bekommen, langsam macht sich so etwas wie Streik-Routine im Land breit.“ Szenen wie bei den ersten, im Herbst noch überraschenden Streik-Aktionen der Lokführergewerkschaft, als verzweifelte, gestrandete Bahnkunden die Hallen bevölkerten, sucht man diesmal vergeblich. „Die wenigen Menschen, die überhaupt im Bahnhof sind, bleiben ruhig und gelassen“, resümieren auch Karin Sacré und Andreas Haine von der Kieler Bahnhofsmission.

 Aber es gibt natürlich auch Ausnahmen. Gelassen? Nein, das ist Hans-Joachim Baumgarten nicht, als er mit seiner Frau Silvia vor der Anzeigetafel im Lübecker Bahnhof steht. In seinem Blick mischen sich Unverständnis, Wut und Resignation. „Diese GDL-Fuzzis“, schnaubt der Berliner und schimpft auf die Gewerkschafter, auf ihren obersten Chef, auf die Politik, die dem Treiben kein Einhalt gebiete. „Wir haben Verwandte besucht, wollen nach Hause“, sagt er. Die Bahn, lobt er, sei außerordentlich kulant gewesen, habe die Tickets zurückgenommen und anstandslos ersetzt. „Was jetzt bleibt, ist einfach nur Ärger“, empört sich der 68-Jährige. Er müsse jetzt mit dem Bus heimfahren und sei nun über vier statt zwei Stunden unterwegs.

 Fahrzeiten, über die Mirjam Freihaut nur milde lächeln könnte – wenn ihr denn danach zumute wäre. Ist es aber nicht. Die Studentin aus Stuttgart sitzt im Regionalexpress von Kiel nach Hamburg. An der Förde hatte sie einen Termin für ihre Bachelorarbeit. „Ich durfte heute früher losfahren, um später am Ziel zu sein“, sagt die 22-Jährige und versucht hektisch, Anschlussverbindungen per Handy zu suchen. Nach Kaarsen in der Lüneburger Heide muss sie noch. An Streiktagen wie diesen ist das eine Herausforderung. „Allein zwei Stunden muss ich nachher noch mit Bussen durchs Land fahren“, sagt Mirjam. Ihre erwartete Reisezeit nun: sechs bis acht Stunden. Verständnis habe sie ja für die Forderung der GDL nach mehr Lohn, „ärgerlich ist es trotzdem.“

 Unmut, den der Gewerkschafter Kupffer und seine Kollegen draußen vor den Bahnhöfen sogar ein klein wenig nachvollziehen können. „Dennoch ändert es nichts an unseren Forderungen und für die werden wir hier weiter einstehen – so lange es eben dauert“, sagt der Lokführer. Und so unbefriedigend die Gesamtsituation zurzeit auch sei, etwas Positives sei dem siebten Streik bereits abzugewinnen: „Die Menschen scheinen sich etwas mehr mit unserer Situation zu beschäftigen. Zumindest sind wir heute nicht als arrogante, geldgierige Lokfahrer beschimpft worden“, sagt der 44-Jährige. „Das sind wir nämlich auch gar nicht.“

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