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Betriebskitas im Norden tabu

Kaum Betreuungsangebote von Unternehmen Betriebskitas im Norden tabu

Die Zeit drängt. Noch 13 Monate, dann haben Eltern einen Anspruch auf eine Kinderbetreuung für ihren ein- bis dreijährigen Nachwuchs. Wenn überhaupt, ist das nur in einem gemeinsamen Kraftakt zu stemmen. Während im Süden und Westen der Republik die Unternehmen längst aktiv geworden sind, ist Schleswig-Holstein in Sachen Betriebskindergärten noch Entwicklungsland.

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„Wir haben das höchste Kindergeld in Europa, aber einen gravierenden Mangel an Kinderbetreuung“, kritisiert Ilse Wehrmann. Sie fordert einen Bildungssoli für den Ausbau.

Quelle: WEC

Kiel. Ilse Wehrmann ist gefragt. Die Fachfrau für frühkindliche Pädagogik gehört zum Expertenkreis von Angela Merkel, berät in Oman ebenso wie in China und wird bundesweit von Unternehmen gerufen, die für ihre Mitarbeiter eine verlässliche, passgenaue Kinderbetreuung bieten wollen. Von Daimler ebenso wie von Adidas, RWE und Garry Weber, aber auch von kleineren Unternehmen. „Ich nehme Aufträge nur an, wenn der Eigentümer oder Vorstandsvorsitzende das Thema zur Chefsache macht.“ Auch nach Schleswig-Holstein ist Ilse Wehrmann jetzt gekommen. Allerdings nur, um sich in Kiel mit einer schwedischen Delegation zu treffen. Die schleswig-holsteinischen Unternehmen zögern offenbar, selbst Krippenbetreuung anzubieten. Warum?

 Weil eine Betriebskita eine langfristige Investition erfordert. Weil Unternehmen die Erfahrung gemacht haben, dass die Eltern ihre Kinder lieber am Wohnort als an der Arbeitsstätte betreuen lassen. „Deshalb zahlen Unternehmen lieber die Kitagebühr für die Mitarbeiterkinder, statt das Risiko eines Betriebskindergartens einzugehen“, nennt Sebastian Schulze, Pressesprecher des Unternehmensverbands Nord, die Hauptgründe. Bestätigt fühlen sich Unternehmen durch das Kreiskrankenhaus Rendsburg, die heutige Imland Klinik. Dort gab es tatsächlich einen Betriebskindergarten. Vor fünf Jahren wurde er abgewickelt – mangels Nachfrage. „Die meisten Eltern wählten lieber eine Kita am Wohnort, weil sie dort Netzwerke hatten. Für die anderen haben wir eine Kooperationsvereinbarung mit einer städtischen Kita geschlossen, die ihre Öffnungszeiten für unsere Mitarbeiter ausgeweitet hat“, erklärt der Personalleiter der Imland-Klinik, Bernd Kölling. Allerdings spüre man zunehmenden Handlungsdruck: „Für Bewerber ist die gesicherte Kinderbetreuung immer häufiger ein wichtiges Argument.“

 Ilse Wehrmann geht noch weiter. „Mehr als 40 Prozent der Mütter kehren nach der Elternzeit nicht an den Arbeitsplatz zurück, weil sie Beruf und Familie für unvereinbar halten. Wer Mitarbeiter binden, einen schnellen Wiedereinstieg und ein gutes Image will, muss künftig eine qualitätsvolle, verlässliche Betreuung bieten, vor allem für die Kleinsten. Denn diese Kinder wollen Eltern anders als bei den Älteren lieber beim Arbeitsplatz betreut wissen als am Wohnort.“ Auch die Gefahr mangelnder Auslastung sieht sie nicht: Erstens werde der Rechtsanspruch die Nachfrage weiter ankurbeln. Zweitens fördere ein gutes Angebot „Liebe und Partnerschaft“. „Wer beim ersten Kind merkt, dass es verlässlich betreut wird, bekommt häufiger ein zweites und drittes Kind.“ Drittens stehen Unternehmenskitas zunehmend anderen Kindern offen, weil man dann auch die öffentlichen Zuschüsse bekommt. So ist es auch bei der jüngsten Kita des schleswig-holsteinischen Studentenwerks in Kiel: Von einem privaten Investor gebaut, vom Studentenwerk betrieben und von Kindern besucht, deren Eltern Studenten, Unimitarbeiter oder Bewohner des Stadtteils sind. Und: Es gibt bereits Wartelisten. Bei Draeger in Lübeck hat man einen anderen Weg gewählt. Dort haben Mitarbeiterinnen einen Verein gegründet, der eine Kita betreibt, die auch Kindern aus dem Stadtteil offen steht. Auch Ilse Wehrmann betont, dass viele Modelle möglich sind. „Allerdings ist meine Erfahrung, obwohl ich aus den kirchlichen Kitas komme, dass Kinderbetreuung schneller realisiert wird, innovativer ist und stärker den Bedürfnissen der Familien entspricht, wenn Unternehmen beteiligt sind.“ Unerlässlich aber sei ein bundeseinheitlicher Bildungsplan für alle Kitas, um die Qualität zu sichern. Und ein Abspecken der Regelungswut: Einrichtungen dürften nicht scheitern, weil das Außengelände zu klein ist oder die Wände zwischen den Toiletten zu niedrig sind.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH