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„Es gibt uns noch“

Betriebsratsvorsitzender in Kiel „Es gibt uns noch“

Lieber ein Optimist, der sich mal irrt, als ein Pessimist, der immer Recht hat. Das ist das Lebensmotto von Hans-Detlef Scharbeutz. Eine Zuversicht, die den Betriebsratsvorsitzenden am Kieler Standort des Druckmaschinenherstellers Heidelberg durch schwere Zeiten getragen hat.

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„Wir treiben die Digitalisierung voran“: Bernhard Wagensommer, Entwicklungsleiter bei Heidelberg.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Als der heute 57-Jährige 1983 als junger Elektrotechniker bei der Dr.-Ing. Rudolf Hell GmbH anfing, da war der Heidelberg-Vorläufer mit 3000 Beschäftigten für Kieler Verhältnisse ein Industrie-Riese. Heute arbeiten unter dem Dach der Heidelberger Druckmaschinen AG im Gewerbegebiet Suchsdorf knapp 230 Menschen. Was für ein Niedergang, könnte man jammern. Doch Scharbeutz sieht es so: „Es gibt uns noch.“ Und nach bewegten Zeiten, einschließlich eines Streiks gegen Massenentlassungen, der 2003 bundesweit Schlagzeilen machte, geht es für Heidelberg in Kiel wieder bergauf – langsam, aber stetig.

 Nein, Maschinen, Druckvorstufen oder Scanner werden in Kiel nicht mehr gebaut. Es gibt keine Produktionshallen, keine Fertigungsstraßen, keine Lötroboter. Stattdessen: jede Menge Computerarbeitsplätze. Was hier produziert wird, kann man weder sehen noch anfassen. Denn Kiel ist innerhalb des Heidelberg-Konzerns mit seinen knapp 2,4 Milliarden Euro Umsatz und weltweit fast 12000 Beschäftigten zu einem hochspezialisierten Software- und Service-Zentrum geworden. Erst dessen Kernprodukt, die Workflow-Software „Prinect“, macht die Heidelberg-Maschinen für Druckereien intelligent nutzbar: „Prinect optimiert das Druckgeschäft: Von der Auftragsannahme über die Bildbearbeitung bis zum Erstellen der Rechnung für den Kunden“, sagt Entwicklungsleiter Bernhard Wagensommer (50) .

 Seit Jahren durchlebt die Branche einen radikalen Wandel, der nicht nur das eigentliche Drucken revolutioniert hat, sondern das gesamte Druckereigeschäft. Mit Hochdruck bereitet sich Heidelberg derzeit auf die größte Leistungsschau der Branche vor, die Fachmesse drupa, die Ende Mai in Düsseldorf beginnt. „Dort werden wir die Digitalisierung weiter vorantreiben“, sagt Wagensommer. Denn der Druckmarkt entwickelt sich zunehmend in Richtung individualisierter und kleinerer Auflagen, der extrem flexible Digitaldruck wächst daher jährlich zweistellig. „Für die meisten Druckereien wird die digitalisierte Wertschöpfungskette unverzichtbar – schlicht um zukunftsfähig zu bleiben“, sagt Wagensommer. Die Software-Plattform made in Kiel ermöglicht einen durchgehenden Datenfluss – und schafft so in Verbindung mit modernen Maschinensteuerungen die Voraussetzungen für vollautomatisierte Drucksäle. Wartung? Farb-, Tinten-, Toner- oder Papiernachschub? Auch darum kümmern sich die Maschinen weitgehend selbst: „Ein Großteil der Service-Arbeiten läuft heute bereits weltweit ferngesteuert“, sagt Wagensommer.

 Die Kieler Software beseelt sowohl Offset- als auch Digitaldruckmaschinen. Offset (Flachdruck) macht den Löwenanteil des Heidelberg-Umsatzes aus, doch auf der drupa will Heidelberg mit drei nagelneuen Maschinen den Digitaldruck mächtig anfeuern. Der kommt ohne feste Druckvorlage aus und ist damit besonders flexibel. Die Software Prinect soll zum Standard-Werkzeug für das Abarbeiten aller wichtigen Schritte werden – bis dahin, dass sich ein Druckauftrag praktisch von allein den besten Produktionsweg sucht.

 „Uns geht hier also nicht die Arbeit aus“, sagt Hans-Detlef Scharbeutz. Im Gegenteil. Personell wird Heidelberg in Kiel deshalb weiter aufstocken. Langsam, aber stetig.

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Ein Artikel von
Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

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