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"Aktien alternativlos"

Börsenexperte Wiechmann "Aktien alternativlos"

Auch wenn der Dax in den vergangenen vier Jahren einen rasanten Höhenflug hingelegt hat: Von einer Blasenbildung an der Börse kann überhaupt nicht die Rede sein, sagt Jörg Wiechmann, Geschäftsführer des Itzehoer Aktienclubs.

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Jörg Wiechmann ist Geschäftsführer des Itzehoer Aktienclubs. Mit 4000 Mitgliedern und rund 50 Millionen Euro im Gemeinschaftsdepot ist der IAC nach eigenen Angaben größter Aktienclub Deutschlands.

Quelle: IAC

Wann haben Sie Ihre erste Aktie gekauft?

 Das ist schon über 20 Jahre her. Da bin ich mit meinem ersten zusammengesparten Geld nach dem Abitur zu meiner Bank gegangen. Die hat mir den Bremer Vulkan empfohlen. Weil sich beim Kurs nichts Großartiges tat, habe ich das Papier nach wenigen Wochen wieder verkauft – zum Glück, denn kurz danach war der Vulkan pleite.

 Also ist die Aktie für vorsichtigere Naturen doch nicht so eine tolle Langfristanlage?

 Da müssen wir erst klären, was „langfristig“ heißt. Wenn ein Kunde zur Bank geht und sein Geld „langfristig für drei Jahre“ anlegen will, dann ist die Aktie eine gefährliche Anlage, vor allem wenn man in einen Crash hineinrutscht. Doch so eine schlechte Börsenphase, wie wir sie von 2000 bis 2010 erlebt haben, gibt es ja auch nicht jedes Jahrzehnt. Da ist dann schlicht auch Pech im Spiel. Aber genauso viel Pech haben auch die, die ihr Geld auf dem Sparbuch anlegen und dafür seit acht Jahren keine Zinsen bekommen. Oder die, die ihre Lebensversicherung ausgezahlt bekommen, und nach 20 oder 30 Jahren feststellen, dass sie gerade mal ihre Einzahlungen wieder herausbekommen, weil die Verzinsung vor Kosten nur drei bis vier Prozent betrug. Das ist alles auch eine Frage der Perspektive und des Zeitraumes, den man erwischt.

 Ist die Aktie in einer Nullzinsphase alternativlos?

 Im Prinzip ist sie das für alle die, die langfristig Altersvorsorge betreiben wollen. Denn alle anderen Vorsorgesysteme, die zinsbasiert sind – von der Lebensversicherung über den Bausparvertrag bis zum klassischen Zinssparplan – leiden unter dem Nullzinskurs, den die Europäische Zentralbank aufgrund der Euro-Rettung fährt, und den sie laut EZB-Chef Mario Draghi auch mindestens bis 2020 fortsetzen wird. Ein verlorenes Jahrzehnt also, nur diesmal für Zinsanleger und nicht für Aktionäre.

 Von Ende 2011 bis heute hat sich der Dax mehr als verdoppelt. Ist das noch eine gesunde Entwicklung?

 Vielen Anlegern kommt der dramatische Anstieg in den letzten fünf Jahren komisch vor. Sie wollen nicht den gleichen Fehler wie Ende der 90er-Jahre machen, also zu Höchstkursen einsteigen, um dann eine schmerzhafte Bauchlandung zu erleben. Man muss aber auch sehen: Ende der 90er Jahre hatte sich der Dax innerhalb von zehn Jahren fast verfünffacht. Da war die Euphorie groß und jeder hat beim Friseur die neuesten Aktientipps gehört. Heute ist die Situation komplett anders. Wir haben aus Sicht der letzten zehn Jahre keine so tolle Entwicklung. Wenn man aus dem Dax die Dividenden herausrechnet, sich also nur den Preis der Aktien anschaut, dann liegen wir aktuell sogar noch unter dem Preisniveau des Jahres 2000. Aktien sind Sachwerte wie Immobilien auch. Aber da liegen wir mit Sicherheit nicht unter dem Preisniveau von 2000. Die Unternehmensgewinne werden in diesem Jahr voraussichtlich deutlich steigen. Von den Fundamentaldaten her haben wir bei den Kursen sicher noch zehn bis 15 Prozent Luft nach oben. Aber es kann eben genauso gut so stark nach unten gehen, zum Beispiel, weil die Ukraine-Krise eskaliert.

 Sind die Deutschen im Umgang mit Aktien zu ängstlich?

 Wir fremdeln mit Aktien – oder taten es zumindest bis Ende der 90er-Jahre. Damals stürzten wir uns vom Sparbuch in die riskantesten Anlagen überhaupt. Man wurde vom konservativen Anleger mit einem Riesensprung zum Zocker und hat alles falsch gemacht, was man bei der Kapitalanlage nur falsch machen kann. Nun sind wir wieder stockkonservativ, weil sich dieser Ausflug nicht gelohnt hat. Da zeigen sich doch viele andere Investoren, vor allem im angelsächsischen Raum, deutlich aufgeklärter. Unser Ziel ist es, diese Aktienkultur in Deutschland zu entwickeln. Die hat es bei uns noch nie gegeben: Aus der Sparerkultur wurde eine Zockerkultur, nun haben wir wieder eine Sparerkultur. Um eine Aktienkultur zu schaffen, müsste man bei der Schulbildung ansetzen. Aber ich fürchte, das wäre politisch gar nicht gewollt. Denn wenn man den jungen Menschen erzählen würde, dass eine zehnjährige Bundesanleihe mit null Prozent Zinsen eine schlechte Anlage ist, dann stellt sich die Frage: Wer leiht dem Staat dann noch Geld?

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Ein Artikel von
Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

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