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Verdi: Mitarbeiter werden bei Xerox rausgeekelt

Callcenter in Kiel Verdi: Mitarbeiter werden bei Xerox rausgeekelt

Unzufriedene Mitarbeiter, schlechte Arbeitsbedingungen, Führungsdefizite: Das zur Invoco-Group gehörende Callcenter an der Fraunhoferstraße in Kiel ist nach Angaben von Verdi-Fachsekretärin Ingrid Zecha ein Negativbeispiel für die Callcenter-Branche in der Landeshauptstadt.

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Telefonieren im Minutentakt: Im zu Xerox gehörenden Callcenter der Invoco-Gruppe im Kieler Wissenschaftspark arbeiten mehr als 200 Mitarbeiter.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. „Wer hier als Mitarbeiter aufmuckt, wird gemaßregelt“, sagt die Gewerkschafterin und ergänzt: „Die Wertschätzung für die Kollegen ist am Boden.“ Das Unternehmen weist die Vorwürfe zurück: „ Unser Unternehmen und das Management sind sich darüber bewusst, dass der geschäftliche Erfolg maßgeblich von den Mitarbeitern des Contact Centers und deren Zufriedenheit abhängt“, teilt eine Sprecherin des Mutterkonzerns Xerox auf Anfrage mit.

 Das sieht Zecha anders: Bei „jeder Kleinigkeit“ gehe der Arbeitgeber hier bei Auseinandersetzungen – zum Beispiel bei Vergütungsdifferenzen – vors Arbeitsgericht. Im Vergleich zu anderen Callcentern, die Zecha betreut, sei die Klagequote „überproportional“. Zwar gebe es jetzt einen Betriebsrat, der jedoch auch nur gegen Widerstand („Das ist in der Branche insgesamt schwierig“) installiert werden konnte. Die hohe Fluktuation bei den mehr als 200 Mitarbeitern, die den Mindestlohn von 8,50 Euro sowie „nur sehr schwer erreichbare Provisionszahlungen“ erhielten, sei auch dadurch zu erklären, dass Führungskräfte „stark kontrollieren und reglementieren, sehr häufig werden Abmahnungen ausgesprochen“.

 Zecha vermutet, dass dahinter ein System steckt: „Man will manche Mitarbeiter durch Schikane so lange provozieren, bis sie selber gehen – die werden regelrecht rausgeekelt. Ich hoffe, dass die Arbeitsagentur deshalb die Bremse bei der Vermittlung zieht.“

Mitarbeitersuche ist schwierig

 Anders klingt dies in der Eigenwerbung des Unternehmens, das in Kiel Kunden der Branchen Energiewirtschaft, Verlagswesen und Kabelnetzbetreiber betreut: „Ein gutes Verhältnis unter unseren Mitarbeitern ist dabei ein wesentlicher Bestandteil, denn Wertschätzung motiviert und Motivation ist eine Prämisse für Erfolg. Kurz gesagt: Wir arbeiten mit Menschen für Menschen!“ Dabei scheint es am Kieler Standort im Wissenschaftspark, der wegen seiner Nähe zur Uni auch für Studenten interessant ist, schwierig zu sein, Mitarbeiter zu finden. Trotz einer Vermittlungsprovision von 500 Euro für einen neuen Callcenter-Agenten muss die Stammbesatzung nach Informationen aus Mitarbeiterkreisen Überstunden schieben, viele der Jobs sind befristet.

 Auch die Situation im Großraumbüro im ersten Stock des Gebäudes hält Zecha für „deutlich verbesserungswürdig“: So gebe es zu wenige Stühle, viele seien zudem defekt, Bildschirme ließen sich nicht individuell einstellen, es gebe durch die offene Bauweise keinen Lärmschutz. Nach Aussagen von Mitarbeitern seien immer wieder Flöhe im Raum ein Problem, die nach Schichtende durch selbst aufgestellte Ungeziefer-Sprühautomaten beseitigt würden.

 Xerox will von solchen Vorwürfen nichts wissen: Es sei selbstverständlich, dass den Mitarbeitern ein „sauberes und hygienisch einwandfreies“ Arbeitsumfeld geboten werde. Dazu habe sich Invoco verpflichtet. Der Standort Kiel weise auch hinsichtlich des Krankenstandes keine branchenunüblichen Auffälligkeiten auf. Eine generelle oder gar permanente Forderung an die Mitarbeiter, Überstunden zu leisten, existiere nicht. Zudem entspreche die Technik in jeder Hinsicht den Anforderungen und Erfordernissen. „Um ein Höchstmaß an Sicherheit im Arbeitsumfeld zu gewährleisten, finden regelmäßige Begehungen statt“, teilt die Xerox-Sprecherin mit.

 Auch Mobbing habe keinen Platz im Kieler Callcenter: „Wir haben Prozesse und Mechanismen etabliert, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Dazu gehören Management-Trainings ebenso wie eine Ethik-Hotline.“ Die Vergütung der Mitarbeiter in Kiel sei fair und beinhalte zusätzlich zum Stundengrundlohn leistungsabhängige Vergütungskomponenten. „Es gehört nicht zu den Praktiken des Unternehmens, in die Ausgestaltung der leistungsabhängigen Vergütung zuungunsten der Mitarbeiter einzugreifen und die Rahmenbedingungen einseitig zu verändern“, betont die Sprecherin. Der Standort Kiel sei sehr wichtig für Xerox und ein fester Bestandteil des Callcenter-Netzwerks in Deutschland. Dies zeige sich nicht zuletzt in der seit Jahren nahezu stabilen Mitarbeiterzahl. In puncto Konfliktlösung verfolge Invoco eine konsensorientierte Politik. „Dass Auseinandersetzungen vor das Arbeitsgericht führen, kommt selten vor und wird von niemandem im Unternehmen gewünscht oder forciert“, sagt die Sprecherin.

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Ein Artikel von
Jan von Schmidt-Phiseldeck
Wirtschaftsredaktion

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