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Chancen für den Wohnungsmarkt durch Abriss

Kieler Bauforscher Chancen für den Wohnungsmarkt durch Abriss

Abreißen darf angesichts des Wohnungsmangels in deutschen Ballungsräumen und Universitätsstädten kein Tabu mehr sein: Ein sogenannter „Bestandsersatz“ könne günstiger als eine Modernisierung sein, heißt es in einer aktuellen Studie.

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In vielen Fällen lohnt es sich laut Studie, den Abrissbagger anrollen zu lassen und in einem Neubau bessere Wohnungen zu bauen.

Quelle: Patrick Pleul/dpa

Kiel/Berlin. Die Kieler Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen (Arge) und das Pestel-Institut empfehlen mit Hinweis auf eine aktuelle Studie, bei heruntergekommenen Immobilien zu prüfen, ob es nicht besser ist, das Geld in einen anschließenden Neubau zu stecken, statt Alt-Bauten auf den neuesten Stand herzurichten. Ein sogenannter „Bestandsersatz“ könne günstiger als eine Modernisierung sein, spare mehr Energie und helfe, den wachsenden Bedarf nach altersgerechten Wohnungen zu erfüllen.

 Aus der Studie im Auftrag von mehreren Verbänden der Bauwirtschaft geht hervor, dass es sich in 1,8 Millionen Häusern mit 3,5 Millionen Wohnungen (zehn Prozent aller 18,5 Millionen Wohngebäuden in Deutschland) nicht mehr lohnen könnte, die Anlagetechnik auszutauschen, Wärmedämmmaßnahmen vorzunehmen oder die Bäder umzubauen. Betroffen sind vor allem die Häuser der 50er bis 70er Baujahre, als Energieeffizienz noch keine Rolle spielte.

 Für etwa 8500 betagte Mehrfamilienhäuser sowie 83.000 Ein- und Zweifamilienhäuser in Schleswig-Holstein könnte ein solcher Bestandsersatz an gleicher Stelle eine Alternative sein, erläuterte Arge-Geschäftsführer Dietmar Walberg gestern in Berlin: „Wenn sich nach einer Bewertung der jeweiligen Gebäude eine Modernisierung nicht mehr lohnt, sind der Abriss und der anschließende Neubau an gleicher Stelle die beste Lösung und zugleich eine effektive Antwort auf den Wohnungsmangel.“

Gerade die Wohnungen in den Jahren des Wiederaufbaus wiesen oft eine marode Substanz oder schlechte Materialien auf, entsprächen mit ihrer geringen Geschosshöhe nicht mehr den modernen Standards, erläutert der Kieler Architekt Timo Gniechwitz, Mitautor der Studie. Der Bundespolitik empfehlen die Studienleiter daher, den Bestandsersatz bei den Förderkriterien mit der Vollmodernisierung gleich zu stellen. Mit jeder Vollmodernisierung, gibt Gniechwitz zu bedenken, konserviere man die Baufehler für viele weitere Jahre. Der Architekt ist daher überzeugt, dass konsequenter Bestandsersatz viele Probleme auf dem Wohnungsmarkt lösen könne, etwa die Versorgungslücke bei Senioren-Wohnungen. Momentan, listet die Studie auf, sind gerade mal sechs Prozent der Wohnungen, in denen 65-Jährige und älter leben, als weitgehend barrierefrei einzustufen.

 Allerdings würden die neu errichteten Wohnungen wohl kaum das Segment der preiswerten und sozialgebundenen Mietwohnungen entlasten, wo die Nachfrage besonders groß ist, auch weil künftig immer mehr Flüchtlinge untergebracht werden müssen, meinen Experten. Im Norden sind nach Angaben des Kieler Innenministeriums derzeit 46.000 Wohnungen mit einer Belegungsbindung versehen. Walberg schätzt, dass in den nächsten Jahren in Schleswig-Holstein rund 20.000 neue Sozialwohnungen gebaut werden müssten. Statt rund 1000, wie derzeit pro Jahr errichtet, müsste sich ihre Zahl vervierfachen. Die Landesregierung gibt pro Jahr rund 800 Millionen Euro für das landeseigene Wohnungsbauprogramm aus.

 Von Martina Drexler und Reinhard Zweigler

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Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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