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Geld aus dem Netz für Agrarwirtschaft

Crowdfunding Geld aus dem Netz für Agrarwirtschaft

Als Alternative zum Bankkredit wird das sogenannte Crowdfunding attraktiv für Innovatoren in der Agrarwirtschaft. Unternehmer müssen dabei umdenken: Es geht statt um nackte Zahlen vor allem um das Team, die Vision und das Produkt.

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Videodreh für die Crowdfunding-Plattform: Biologe Clemens Elle (links) und Firmenchef Heinz Schelwat (Mitte) erklären den Investoren aus dem Netz die Anzucht der Algen im Labor.

Quelle: Michael Kaniecki

Trappenkamp/Schönwalde. Leise blubbert in Trappenkamp grüne Flüssigkeit im Labor. Helle Lampen bestrahlen Reagenzgläser. Noch wachsen hier Mikroalgen in kleinen Erlenmeyerkolben, doch bald will Heinz Schelwat von der Sea & Sun Organic GmbH sie im großen Stil in seinen Glasgewächshäusern in Gönnebek anbauen. Dafür sucht der 55-Jährige Investoren und die will der Unternehmer auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo finden.

 „Ich finde das eine interessante neue Finanzierungsform, nicht nur für Nischenmärkte“, sagt Schelwat, der schon vier Jahre und etwa 2,5 Millionen Euro in die Entwicklung seines Projekts investiert hat. „Normalerweise gehst du zur Bank mit deinem Businessplan. Aber wenn du denen sagst, ich will Algen produzieren, dann gucken die dich nur mit großen Augen an.“ Algenanbau sei anders als in Asien, Israel oder den USA hierzulande ungewöhnlich. Das passe bei Banken nicht ins Portfolio.

 „Ich möchte eine Fabrik bauen, um Astaxanthin herzustellen“, sagt Schelwat. Das Carotinoid, ein natürlicher rötlicher Farbstoff der Alge, wirkt antioxidantisch und soll später in Kapseln als Nahrungsergänzungsmittel „Algenial“ vermarktet werden. In Zusammenarbeit mit der Trappenkamper Firma Farm Concepts soll Astaxanthin später auch Eingang in die Tierernährung finden. 100000 Euro will Schelwat dafür im Netz sammeln.

 „Beim Crowdfunding zählt das Team, die Vision und das Produkt. Zahlen sind da eher unwichtig“, sagt Konrad Lauten von der Berliner Agentur „Get your crowd“, die den Unternehmer berät. Schelwats Idee eigne sich gut, weil sie sich an eine Zielgruppe richte, die sich mit der Herkunft eines Produkts beschäftige. Denn die Trappenkamper setzen auf ein schadstoffarmes Produkt. Ihre Algen sollen in einer sauberen Umgebung unter Glas und in Trinkwasser aufwachsen.

 Crowdfunding sei außerdem wichtig, um Feedback zu bekommen. „Wenn es Leute gibt, die das Produkt schon bevor es überhaupt auf dem Markt ist, so interessant finden, dass sie dich unterstützen, ist das ein Gradmesser für das eigene Konzept“, sagt Lauten. Geplant sei ein sogenanntes reward-based Crowdfunding, das auf Gegenleistungen basiert. Der Investor bekommt für sein Geld am Ende das finanzierte Produkt selbst. „Das ist für uns eine neue Form des Marketings und Direktvertriebes“, so Schelwat. Noch befindet er sich in der Vorbereitungsphase, im Herbst soll es mit dem Crowdfunding richtig losgehen. „Das wird dann aufregend.“

 Klaus Strüber vom Demeter-Hof Hollergraben in Schönwalde am Bungsberg dagegen hat ein solches Projekt schon hinter sich. Vor einem Jahr sammelte er auf der Plattform Startnext 7420 Euro für die Entwicklung und den Bau von Zugpferdegeräten. „Es war ein Erfolg“, sagt der Bio-Landwirt. „Aber so etwas ist kein Selbstläufer.“ Schon der Dreh des Videos, in dem er das Projekt vorstellte, war sehr aufwändig.

 Dann musste er im Internet ordentlich trommeln: Regelmäßig bloggen und auf sozialen Netzwerken werben, gehört dazu. Auch das Versenden von Dankeschöns an die Geldgeber wie Rezeptsammlungen oder Gemüsepakete sei viel Arbeit gewesen. „Man muss sich darüber bewusst sein, dass es auch nicht klappen kann. Dann war aller Aufwand umsonst.“ Spannend blieb es bei ihm bis zuletzt: „Zwei oder drei Wochen vor Ablauf des Projekts waren nur 1000 Euro zusammengekommen. Erst einen Tag vor dem Ende hatten wir unser Ziel erreicht.“ Ein Nervenkrieg, aber am Ende fand der Hof 100 Unterstützer.

Crowdfunding in Deutschland wächst

Während in den USA bereits Milliardensummen per Crowdfunding eingesammelt werden, bewegt sich hierzulande alles noch Millionenbereich. Dennoch nimmt diese Finanzierungsform in Deutschland stark zu. Laut einer Studie der Universität Cambridge und der Beratungsfirma EY lag das Volumen im Jahr 2014 bei 140 Millionen Euro – und hat sich damit im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Deutschland liegt damit auf dem dritten Platz in Europa, hinter Großbritannien (2333 Millionen Euro) und Frankreich (154 Millionen Euro). Insgesamt sammelten Unternehmen in Europa im vergangenen Jahr 2,96 Milliarden Euro über alternative Finanzierungswege jenseits von Bankkrediten ein.
Bei mittelständischen Unternehmen in der Lebensmittel- und Agrarbranche ist diese Finanzierungsform in Deutschland noch nicht sehr verbreitet, heißt es in einer Studie des Instituts für Kommunikation in sozialen Medien (ikosom), obwohl sie gerade für diese Branchen große Chancen berge. In den USA dagegen gibt es mit Agfunder und Threerevolutions sogar eigene Crowdfunding-Plattformen für den landwirtschaftlichen Bereich.

Neben dem Crowdfunding setzen viele Gründer auch auf Crowdinvesting. Dabei kaufen Anleger Firmenanteile und sind dann am Erfolg eines Start-ups finanziell beteiligt. Für Geldgeber ist das nicht ganz ungefährlich. Laut eines Berichts des Wirtschaftsmagazins „Capital“ verloren Schwarm-Investoren allein im zweiten Quartal 2015 rund 3,5 Millionen Euro. Dem sollen lediglich rund 500000 Euro realisierte Gewinne entgegenstehen. Demnach gingen bis Ende Juni insgesamt 25 via Crowdinvesting finanzierte Unternehmen in Deutschland pleite oder stellten den Geschäftsbetrieb ein.

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Ein Artikel von
Anne Holbach
Wirtschaftsredaktion

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