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Der 3D-Druck wird erwachsen

Kieler Wissenschaft Der 3D-Druck wird erwachsen

Wirtschaftsexperten prophezeien die nächste industrielle Revolution. Der 3D-Druck ist auf dem Vormarsch. Rund 56 000 Geräte wurden 2013 weltweit verkauft – viele an Privatleute. Die Zahl soll sich jährlich vervielfachen, was Euphorie und Angst zugleich auslöst. Ein Kieler Wissenschaftler aber tritt auf die Bremse.

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Thomas Abraham von der FH Kiel beschäftigt sich seit 15 Jahren mit 3D-Druckern. Dass die Geräte irgendwann massenhaft privat genutzt werden, glaubt er nicht.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Das Gerät, von dem es heißt, es verändere die Welt, sieht aus wie ein amerikanischer Kühlschrank: zwei Meter hoch, fast zwei Meter breit, links eine abgerundete Tür mit langem Griff, rechts ein paar Knöpfe, ein kleines Display. Im Inneren wird allerdings nichts gekühlt, sondern geschmolzen. Manche nennen das 3D-Druck. Thomas Abraham sagt lieber: „Lasersintern“ und „generative Fertigung“.

Er arbeitet in der Fachhochschule Kiel und beschäftigt sich seit 15 Jahren mit 3D-Druckern. 1999, als andere noch stolz auf ihren ersten Papier-Laserdrucker waren, stand bei ihm schon eine dieser Sintermaschinen. Abraham stört die neue Hysterie: „Ich muss ein bisschen auf die Bremse treten.“

3D-Druck werde die Welt verändern, schrieb jetzt das britische Wirtschaftsmagazin „Economist“. Weil beim dreidimensionalen Druck komplexe Gegenstände innerhalb kurzer Zeit produziert werden können, sprechen manche von einer Fertigungsrevolution. Vor allem, weil 3D-Drucker mittlerweile auch für den eigenen Schreibtisch erhältlich sind und – so die verbreitete Ansicht – Gegenstände aller Art daheim ausgedruckt werden können: ein Flaschenöffner hier, ein Ersatzteil für die Kaffeemaschine dort.

Doch Thomas Abraham schüttelt mit dem Kopf. Er unterscheidet grundsätzlich zwischen Hausgebrauch und industrieller Fertigung: „Letzteres“, sagt er und meint damit die Maschine, die aussieht wie der amerikanische Kühlschrank, „hat nur bedingt mit dem zu tun, was wir uns unter 3D-Druck vorstellen.“ Es fange schon bei der Technik an: Heimgeräte muten wie eine maschinell gesteuerte Heißklebepistole an. Titanverarbeitung, Goldverarbeitung? Unmöglich. Dafür benötigt man über 150 000 Euro teure Industriemaschinen. „Ein Flaschenöffner aus Kunststoff funktioniert zu Hause“, sagt Abraham. Aber ein beliebiges Ersatzteil für die Kaffeemaschine? Abraham muss lachen.

Dennoch schürt das Gerede über die Möglichkeit der Technik Ängste. Angefeuert hat sie der amerikanische Student Cody Wilson. Der Waffennarr veröffentlichte Pläne für eine 3D-druckbare Pistole im Internet. Er druckte die nach einer simplen Ein-Schuss-Waffe aus Zeiten des Zweiten Weltkriegs benannte „Liberator“ (Befreier) nicht nur, er feuerte sie auch ab. Nachdem die Bauanleitung rund 100000 Mal heruntergeladen wurde, ließ das US-Innenministerium das Dokument von der Website nehmen. Kann sich also bald jeder kurz mal eben eine Waffe zu Hause ausdrucken? Abraham: „Wer sich wirklich eine Waffe besorgen wollte, konnte das schon immer. Einen waffenfähigen 3D-Druck hinzubekommen, ist im Vergleich deutlich schwieriger.“

Der kurze Weg vom „böswilligen“ digitalen Entwurf zum „gefährlichen“ analogen Produkt hat Politiker weltweit aufgeschreckt. Marktforscher wittern zudem große Urheberrechtsprobleme. Zu schnell könnten Sachen einfach kopiert werden, heißt es. Die Analysten vom Institut Gartner wollen herausgefunden haben, dass Rechteinhaber zum Jahr 2018 Einbußen von mindestens 100 Milliarden Dollar jährlich hinnehmen müssten.

Auch bei solchen Prognosen ist Abraham vorsichtig: „Damit Urheberrechtsverletzungen eine ernsthafte Bedrohung werden können, müssten schon sehr viele Bürger einen 3D-Drucker besitzen“, sagt er. An dieser Stelle ist er bei seinem liebsten Argument angekommen: „3D-Drucker sind bislang nur etwas für Tüftler.“ Seine Studenten experimentierten viel. Doch wenn etwa das Fenster geöffnet und viel Sauerstoff im Raum sei, forme sich der Kunststoff anders als bei geschlossenem Fenster. Auch deshalb meint Abraham: „Es ist schwer vorstellbar, dass in naher Zukunft in jedem Haushalt ein 3D-Drucker steht.“

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