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Die neuen Himmelsstürmer

Windkraft in Schleswig-Holstein Die neuen Himmelsstürmer

Wenn es um Rekorde in Sachen Windkraft geht, liegt Dänemark ganz vorne: Der Prototyp einer Anlage auf einem Testfeld in Østerild hält mit einer Gesamthöhe von 222 Metern und einer Leistung von acht Megawatt derzeit den Weltrekord. Noch: Denn auch in Schleswig-Holstein strecken sich die Rotorblätter immer weiter in die Himmel.

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Fertig: Die erste 200-Meter-Anlage Schleswig-Holsteins steht in Holtsee.

Quelle: Rainer Krüger

Kiel. Windernte ohne Höhenbegrenzung? Gerade ging in Holtsee (Kreis Rendsburg-Eckernförde) die landesweit erste 200-Meter-Anlage in Betrieb. Sie wurde auf einem Testfeld mit insgesamt vier Anlagen im Rahmen eines Repoweringverfahrens genehmigt – die neue Anlage mit einer Nabenhöhe von 139 Metern und einem Rotordurchmesser von 122 Metern ersetzt damit zwei kleinere Windräder in der Region, teilt Jann Peter Freese von der Betreiberfirma Denker & Wulf aus Sehestedt (Kreis Rendsburg-Eckernförde) mit. Dieser dreiflügelige Prototyp, der etwa 5,4 Millionen Euro kostet, ist nach Angaben des Herstellers Senvion besonders für windschwache Standorte konzipiert und soll künftig drei Megawatt Strom jährlich erzeugen.

 Die Anlage in Holtsee wird nach Angaben des Umweltministeriums kein Einzelfall bleiben: 14 weitere Windräder mit einer Gesamthöhe von 199,5 Meter sind im Genehmigungsverfahren oder gehen demnächst ans Netz, höhere Anlagen sind derzeit aber nicht beantragt. An den Abständen zur Wohnbebauung will das Ministerium nicht rütteln. Weiterhin gilt ein Mindestabstand vom Dreifachen der Gesamthöhe zu Häusern, bei Siedlungen sind es mindestens 800 Meter. Größere Anlagen würden aber, teilt ein Sprecher mit, immer im Einzelfall auf Abstände überprüft, die sich aus dem Schattenwurf und Lärmpegel ergeben würden. Eine Höhenbegrenzung der Anlagen insgesamt sieht Schleswig-Holstein, im Gegensatz zu einigen anderen Bundesländern, nicht vor: „Es obliegt den Kommunen, im Rahmen ihrer Bauleitplanung, Höhenbegrenzungen vorzusehen“, sagt der Sprecher.

Großanlagen derzeit eher in Süddeutschland

 „Je höher eine Anlage ist, desto besser wird der Wind genutzt“, sagt Wolfram Axthelm vom Bundesverband Windenergie (BWE), in dem sich Planer, Hersteller und Betreiber von Windkraftanlagen zusammengeschlossen haben. Grenzen sieht der Fachverbandssprecher da eher auf der finanziellen Seite: „Der erwartete Mehrertrag muss sich gegenüber den steigenden Kosten durch größere Anlagen und der aufwendigeren Logistik rechnen.“ Deshalb würden Großanlagen derzeit eher in Süddeutschland, zum Beispiel in Rheinland-Pfalz, errichtet, weil dort die Windernte insgesamt schwächer ausfalle. Ein Spezialist für Windkraftanlagen ausschließlich für Landstandorte ist der Hamburger Windanlagenbauer Nordex SE. „Wir orientieren uns beim Bau unserer Anlagen in Deutschland an den rechtlichen Höhenvorgaben, die derzeit bei maximal 200 Metern liegen. Im Ausland gelten da andere Normen“, sagt Sprecher Felix Losada. Physikalisch sei es zudem nicht einfach, noch höhere und größere Windräder zu bauen: „Die Lasten auf die Türme und Bauteile nehmen zu, das geht auf die Lebenserwartung der Anlagen“, betont Losada.

 Weiterhin werde sein Unternehmen auf das bewährte Konzept der Dreiflügler setzen. „Bei zweiflügligen Windrädern gibt es mehr Unwuchten, die Getriebe und Naben belasten. Vierflügler sind durch die hohen Herstellungskosten eher unwirtschaftlich, zudem lastet dann zu viel Gewicht auf dem Turm.“ Auch der neuerdings immer häufiger verwendete Werkstoff Carbon setze dem Gesamtgewicht der Rotorflügel Grenzen – mit der Nabe kann das Gewicht bei großen Durchmessern 300 Tonnen betragen.

Gesamthöhe von 200 Metern möglich

 Um höhere Belastungen durch wachsende Turmhöhen und größere Rotorflügel aufzufangen, setzten Windkraftanlagenbauer vermehrt auf sogenannte Hybridtürme: Dabei besteht der untere Teil aus Betonringen, auf die ein Stahlturm aufgesetzt wird. Mit jedem Meter gewonnener Höhe rechnen die Ingenieure mit 0,5 bis ein Prozent mehr Windertrag. „Generell kann mit höheren Anlagen mehr Energie gewonnen werden, weil Luftverwirbelungen durch Bäume oder Gebäude minimiert werden“, sagt Losada. Anlagen bis zu einer Gesamthöhe von 200 Metern zu errichten, sei heute technisch ohne Probleme möglich. Bei noch größeren Anlagen mit noch gewaltigeren Rotoren würden bei Nordex Konzepte für einen Materialtransport aus der Luft geprüft. „Das ist aber immer ein Wagnis, Sicherheit steht bei uns an oberster Stelle“, betont Losaga.

 Nach Angaben von BWE-Sprecher Axthelm haben die neuen größeren Anlagen einen Vorteil: „Die Flügel drehen langsamer, das senkt den Schallleistungspegel. Auch die modernen Getriebe sind deutlich ruhiger als ihre Vorgänger.“ Um mögliche Belastungen von Anwohnern bei niederfrequenten Schwingungen, sogenanntem Infraschall, zu minimieren, werde im Auftrag des Fachverbandes eine Studie an der Universität Halle erstellt. „Es ist uns wichtig, dass alles dafür getan wird, um mögliche Beeinträchtigungen durch die Anlagen zu reduzieren.“ Eine Sprecherin des Hamburger Unternehmens Senvion (ehemals Repower Sytems) will nicht ausschließen, dass künftig an noch höheren Anlagen im Entwicklungszentrum in Osterrönfeld (Kreis Rendsburg-Eckernförde) geforscht werde: „Wir erweitern ständig unsere Produktpalette. Dabei geht es aber vorrangig um Effizienzverbesserung – nicht unbedingt um höhere Anlagen.“

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Ein Artikel von
Jan von Schmidt-Phiseldeck
Wirtschaftsredaktion

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Immer höher hinaus: Ein Windrad mit einer Gesamthöhe von 200 Metern zu bauen, das ist technisch ohne Probleme möglich. Und es ist für viele Hersteller ein erstrebenswertes Maß, denn die Nennleistung steigt mit der Größe der Rotoren. Doch riesige Blätter machen die Anlagen auch schwerer und teurer. Das viele Material erhöht den Aufwand für Montage und Transport. Zudem setzen den Rädern auch die steigenden Zentrifugalkräfte kräftig zu – besonders an den Rotorenden.

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