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Digitale Stromzähler in der Kritik

Energiewende Digitale Stromzähler in der Kritik

Digitale Stromzähler sollen ab 2017 Pflicht werden, flächendeckend bis 2035 in jedem Haushalt und Betrieb eingesetzt werden. Die Kritik an dem von Berlin beschlossenen Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende steigt.

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Flächendeckend installierte intelligente Stromzähler („Smart Meter“) sollen den Grundstein für die von der Bundesregierung vorangetriebene Digitalisierung der Energiewende legen.

Quelle: Getty Images

Kiel. Mit dem jüngst in Berlin beschlossenem Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende in Anlehnung an eine EU-Richtlinie hat die Bundesregierung festgelegt, dass künftig statt der heute noch sehr verbreiteten Drehstromzähler flächendeckend intelligente Stromzähler, sogenannte „Smart Meter“, in Betrieben und Haushalten installiert werden müssen. „Damit schafft die Regierung die Voraussetzungen für ein Marktmodell mit hoher Flexibilität und optimaler Einbindung der erneuerbaren Energien“, sagt Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD).

Was sind „Smart Meter“?

Das sind mit dem Internet verbundene Stromzähler, die mehrfach pro Stunde Stromverbrauch und Nutzungszeit messen und diese Daten an den Übertragungsnetzbetreiber (zum Beispiel Stadtwerke) sowie Bilanzkreisverantwortliche (zum Beispiel Kraftwerksbetreiber) übertragen.

Welchen Nutzen haben die Geräte?

Stromkunden können und sollen mit den intelligenten Stromzählern einen genaueren Überblick über ihr individuelles Verbrauchsprofil bekommen und zum Beispiel mit neuen tageszeitabhängigen Tarifen Geld und Strom sparen. Für Stromanbieter und Netzbetreiber soll so die Netzauslastung künftig planbarer werden und damit die Energiewende stützen.

Wer muss solche Zähler einbauen?

Wer mehr als 10000 Kilowattstunden (kWh) jährlich verbraucht, muss „Smart Meter“ ab 2017 einbauen lassen. Der Einsatz in Haushalten, die ab 6000 kWh verbrauchen, ist ab 2020 Pflicht. Wer weniger verbraucht, für den ist der Einbau vorerst optional. Ebenfalls verpflichtend ist der Einbau für Stromerzeuger wie Betreiber einer Solarstromanlage mit einer installierten Leistung von mehr als sieben Kilowatt. Zuständig für die Zählerumstellung sind die Netzbetreiber, also zumeist die örtlichen Stadtwerke. Neben der Installation fallen nach Verbrauch gestaffelte Messpreise in Höhe von 20 bis 100 Euro jährlich an, die der Stromkunde tragen muss.

Was sagen Verbraucherschützer?

Kein nachgewiesenes langfristiges Einsparpotenzial, Kosten zur Einführung, Probleme beim Datenschutz: „Dass sich Kunden mit ihrem Stromverbrauch beschäftigen, ist sinnvoll. Aber die dafür vorgesehene Technik kann das nicht leisten“, sagt Verbraucherschützerin Margrit Hintz. Viel praxisnäher sei das von der Verbraucherzentrale und dem Schleswig-Holstein Energieeffizienz-Zentrum initiierte Stromverbrauch-Logbuch (stromabwaerts.de). Generell werde die Energiewende als Zweck für diesen erheblichen Eingriff in die Grundrechte der Menschen vorgeschoben, warnt Marion Jungbluth vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Das Recht auf Privatsphäre würde unterlaufen.

Wie steht die Energiewirtschaft zum neuen Gesetz?

Der Verband der Schleswig-Holsteinischen Energie- und Wasserwirtschaft (VSHEW), in dem mehr als 40 kommunale Stadt- und Gemeindewerke organisiert sind, sieht das Gesetz kritisch: „Da wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen“, sagt Verbandsvorstandsvorsitzender Helge Spehr. Nicht der Einbau sei dabei das Problem, sondern das Management der übermittelten Daten: „Das ist gerade für kleinere Stadtwerke so nicht darstellbar.“ Zudem seien die per WLAN im Haus übertragenen Daten angreifbar. Aus Verbandssicht seien digitale Zähler, die bei Bedarf und nicht permanent abgelesen würden, deshalb die sinnvollere und für den Kunden kostengünstigere Alternative. Deshalb würden viele der im Verband organisierten Unternehmen möglichst lange mit der Umstellung warten, bis die eingesetzte Technik stabil funktionieren würde. Auch sei es nicht erforderlich, die Verbrauchsdaten jedes einzelnen Haushalts zu kennen: „Die zusammengefassten Daten eines Straßenzuges oder eines Wohnquartiers über Ortsnetztransformatoren genügen.“ Ein wirklicher Nutzen für den Kunden bestehe erst dann, wenn er damit selbst seine Geräte im Haushalt steuern könne, sagt Spehr. Laut aktueller Studie der Konsumforscher der Nürnberger GFK ist die „Smart Home“-Technologie vielen Deutschen in der Anschaffung noch zu teuer.

Und welche Position vertreten die Datenschützer?

Da smarte Stromzähler sensible Daten erfassen könnten, dürften diese nicht in die falschen Hände gelangen, sagt Marit Hansen, Datenschutzbeauftragte des Landes Schleswig-Holstein: „Man muss bedenken, dass ein solch intelligentes Gerät mit Netzanschluss auch Ziel von Hackern werden kann.“ Weil die Stromzähler auch ein Fernabschalten ermöglichten, sei das System durchaus anfällig. Das Hauptproblem aus Datenschutzsicht sei aber die Möglichkeit der Ausforschung von Lebensgewohnheiten. „Hier sind technische Lösungen gefragt, die nur das Minimum an Daten übertragen, und Tarife, die nicht kleinteilige Messungen erfordern“, betont die Datenschützerin.

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Ein Artikel von
Jan von Schmidt-Phiseldeck
Wirtschaftsredaktion

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