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200 Millionen für nicht erzeugten Strom

Entschädigungen für Betreiber 200 Millionen für nicht erzeugten Strom

Nachdem Zwangsabschaltungen von Erneuerbare-Energien-Anlagen 2014 allein in Schleswig-Holstein Entschädigungszahlungen von 109 Millionen Euro verursacht hatten, dürften für 2015 mehr als 200 Millionen Euro an die Betreiber von Windkraft-, Photovoltaik- und Biogasanlagen fließen – für Strom, der gar nicht produziert worden ist.

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Weil die Netze den Strom erneuerbarer Energien wie der Windkraft oft nicht aufnehmen können, kam es auch 2015 zu zahlreichen Abschaltungen.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Eine genaue Zahl für das vergangene Jahr gibt es zwar noch nicht, doch nach Angaben der Bundesnetzagentur (Bonn) beliefen sich die Entschädigungsansprüche der Anlagenbetreiber alleine im ersten Halbjahr 2015 schon auf mehr als 80 Millionen Euro. Branchenexperten erwarten, dass die Summe für das Gesamtjahr auf weit mehr als das Doppelte steigen wird, da im windreichen vierten Quartal die Zahl der Zwangsabschaltungen immer besonders hoch ist. Zum Vergleich: In den Jahren 2012 und 2013 betrug die Summe der Entschädigungszahlungen noch 26 Millionen bzw. 25 Millionen Euro.

 Allein 2014 wurden in Schleswig-Holstein fast 1100 Gigawattstunden Strom und damit acht Prozent der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien buchstäblich weggeworfen, weil die Stromautobahnen Richtung Süden immer wieder zu verstopfen drohten. 1100 Gigawattstunden – das entspricht dem jährlichen Stromverbrauch einer Stadt wie Kiel oder der Stromproduktion eines großen Kohlekraftwerkes.

Tempo beim Netzausbau gefordert

 Schleswig-Holsteins Energiewendeminister Robert Habeck (Grüne) fordert angesichts solcher Größenordnungen einmal mehr Tempo beim Netzausbau: „Es ist doch absurd, erneuerbaren Strom wegzuwerfen statt ihn zu nutzen.“ Schleswig-Holstein habe seine Hausaufgaben gemacht, doch im Rest der Republik drohten Verzögerungen. Ein Großteil der Zwangsabschaltungen geht auf das Konto des Übertragungsnetzbetreibers Tennet. Der musste jüngst beim Bau der zentralen deutschen Windstromleitung Südlink weitere Verzögerungen einräumen, nachdem der Gesetzgeber der Verlegung von Erdkabeln bei Gleichstromprojekten Vorrang eingeräumt hatte. Die Kosten für die Zwangsabschaltungen werden auf die Netzentgelte umgelegt, die die Verbraucher mit ihrer Stromrechnung bezahlen. Doch anders als die Umlage zur Förderung der Erneuerbaren Energien werden die in Schleswig-Holstein entstandenen Abschaltkosten nicht bundesweit verteilt, sondern von den Verbrauchern im Tennet-Gebiet gezahlt, das vom hohen Norden bis nach Bayern reicht.

 Ein Rückgang der Zwangsabschaltungen in den kommenden Jahren ist kaum zu erwarten. Zwar hat der Ausbau von Windrädern, Photovoltaikanlagen und Biogaskraftwerken bundesweit im vergangenen Jahr einen Dämpfer erhalten, doch bis die geplanten neuen Leitungen Entlastung bringen, wird es noch dauern. Zum Jahreswechsel waren rund 33000 Anlagen mit einer Gesamtleistung von 7000 Megawatt am Netz der Schleswig-Holstein Netz AG – 900 Megawatt mehr als vor einem Jahr. Für weitere 2500 Megawatt Windstrom gibt es bereits entsprechende Anfragen. Allerdings liegen mehr als 530 Windprojekte mit einem Investitionsvolumen von einer Milliarde Euro auf Eis, weil die Landesregierung nach einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Schleswig eine zweijährige Veränderungssperre erlassen hat.

 Bis die großen Leitungsprojekte die Lage entspannen, will Minister Habeck „Überfluss-Strom“ für die Produktion von Wärme, Wasserstoff oder für Elektromobilität nutzen. Auf Initiative Schleswig-Holsteins hatte der Bundesrat daher im Dezember die Bundesregierung aufgefordert, bessere Rahmenbedingungen für sogenannte zuschaltbare Lasten bei Netzengpässen zu schaffen. Grundsätzlich ist dieses Instrument zwar schon im Energiewirtschaftsgesetz vorgesehen. Allerdings wird es in der Praxis nicht angewandt, weil der Bund dazu noch keine entsprechende Verordnung erlassen hat.

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Ein Artikel von
Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

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Kommentar

Natürlich ist es volkswirtschaftlich ein Wahnsinn, wenn alleine die Betreiber alternativer Energieanlagen in Schleswig-Holstein 2015 mehr als 200 Millionen Euro für Strom bekommen, den sie gar nicht geliefert haben – nicht liefern konnten, weil ihre umweltfreundliche Energie vom hoffnungslos überlasteten Stromnetz nicht mehr zu den Verbrauchern transportiert werden konnte.

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