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Der MacGyver von Dätgen

Entwickler Lennart Wichelmann Der MacGyver von Dätgen

Das Gewerbegebiet in Dätgen (Kreis Rendsburg-Eckernförde) ist klein, gleiches gilt für die beiden Autos vor der Halle 4. Hier residiert die Maschinenbau-Firma Median Zerspanungstechnik GmbH. Lennart Wichelmann arbeitet und entwickelt dort: Er ist der MacGyver von Dätgen.

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Lennart Wichelmann entwickelte eine spezielle Rohrbiegezange.

Quelle: Gerhard Müller

Dätgen. Es ist ein kleines Start-up-Unternehmen, hemdsärmlig geführt von einem engagierten Entwickler, der einen guten Kumpel gerade zum Partner gemacht hat. Lennart Wichelmann ist der Macher, Julian Schwarzloh der Maßarbeiter. Das Motto der beiden 33-Jährigen lautet: Alles Denkbare ist machbar.

 Mit einem Legotechnik-Baukasten fing alles an, seitdem werkelt Wichelmann. Seine Mutter Brigitta erzählt gern die Geschichte ihres Zehnjährigen, der auf einem Geburtstagsausflug das Rad eines Klassenkameraden zum Erstaunen dessen Vaters reparierte. Als Lennart elf war, musste er ins Krankenhaus – beim Schleifen eines selbstgeschmiedeten Messers war ein Splitter ins rechte Auge gelangt. Im Gymnasium Elmschenhagen galt er als Problemlöser. Klemmte im Sportunterricht der Barren, Lennart legte Hand an. Ein Mitschüler verpasste ihm einen treffenden Spitznamen: MacGyver. MacGyver ist der Held der gleichnamigen US-Fernsehserie, ein Erfinder, der für die ungewöhnlichsten Probleme verblüffende Lösungen findet. Seitdem hieß es in Wichelmanns Freundeskreis: MacGyver kriegt das hin.

 Fast logisch, dass Wichelmann nach dem Abitur in Kiel begann, Feinwerktechnik zu studieren. „Ich habe mir allerdings nie vorgenommen, Tüftler zu werden.“ Während eines Praktikums in einer Klausdorfer Konstruktionsfirma fiel dem Inhaber die Begabung des jungen Mannes auf. Als der Chef in Rente gehen und seinen Betrieb verkaufen wollte, fragte er Wichelmann, ob er nicht sein Nachfolger werden wolle. Wichelmann wollte, doch Geld hatte er nicht. Erst eine Bürgschaft seiner Eltern machte es möglich. Da war er 22 und plötzlich Unternehmer, spezialisiert auf Entwicklungen von Prüfvorrichtungen für die Automobil- und Medizintechnikbranche. Student ist er noch immer, es müsste das 18. Semester sein, viel Zeit hat er dafür inzwischen nicht mehr.

 Lennart Wichelmann hat Bestecke designed, für eine Brauerei einen acht Meter langen Tresen gebaut, der in Einzelteilen auf eine Euro-Palette passt, er arbeitete mit an einer Virtual-Reality-Brille und fertigte einen speziellen Putter für Golfer. In die Herstellung dreier Prototypen investierte er rund 8000 Euro, doch um den Putter auf den Markt zu bringen, fehlte ihm damals das Kapital. Die Sache liegt auf Eis, genauso wie eine Idee zur Umwandlung von Brackwasser in Trinkwasser. 2013 versuchte er in Indien, Licht in Slum-Behausungen ohne Elektrizität zu bringen, mit Kunststoffflaschen, die eingelassen ins Dach als Lichtleiter fungieren und so Sonnenstrahlen ins Innere der eng an eng stehenden Hütten lassen. Doch der Inder, dem er das Werkzeug überließ, verkaufte es und türmte. Diese Erfahrung änderte nichts am sozialen Engagement des Kielers: „Ich bin jemand, der mit Ausbeutung und der ungleichen Verteilung des Wohlstands auf der Welt nicht gut leben kann.“

 Zurück nach Dätgen. Dort thront in einer kleinen Halle eine neun Tonnen schwere Maschine, ein sogenanntes Fünf-Achsen-Simultan-Fräszentrum. Der PC steht auf einem ausrangierten Küchentisch von Kumpel Schwarzloh, Gespräche werden an einer Biertischgarnitur geführt. Wichelmann („Ich bin ein Typ, der sich ungern reinreden lässt“) schildert, dass er das 275000 teure Monstrum aus Japan nur erwerben konnte, weil er zuvor eine Bank von seiner Rohrbiegezange aus leichtem Luftfahrt-Aluminium überzeugt hatte: „Mit deren Ratscheneffekt lassen sich Rohre mühelos um bis zu 180 Grad biegen, das ist das Alleinstellungsmerkmal.“ 970 Exemplare hat er im ersten Jahr verkauft. Spezialist für die Fertigung ist der Zerspanungsmechaniker Schwarzloh, der nebenbei Prototypen für individuelle Steigbügel herstellt. „Ich verwandele Lennarts Ideen ins Anfassbare“, schmunzelt Schwarzloh. Nahezu unfassbar bleibt für ihn, wie jemand überhaupt so viele Ideen haben kann: „Aber mich wundert inzwischen nichts mehr.“

 Seit Jahresbeginn wird die Zange in Eigenregie produziert, mit einer Präzision von drei Tausendstel Millimetern. „Aufgrund dieser hohen Genauigkeit können wir nun Aufträge übernehmen, vor denen andere zurückschrecken“, erläutert Lennart Wichelmann. Seine Schwester Kira, 25 und Maschinenbaustudentin, montiert die Einzelteile zusammen, denn Rohre und Griffe liefern die Behindertenwerkstätten Drachensee. Es ist der Durchbruch für Wichelmann, der Durchbruch mit einer Rohrbiegezange. MacGyver hätte es nicht besser machen können.

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Gerhard Müller
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