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Ernüchterung in der Wirtschaft über Flüchtlinge

Fachkräftemangel Ernüchterung in der Wirtschaft über Flüchtlinge

Schnell Deutsch lernen und dann als Fachkräfte in die Betriebe - solche Hoffnungen gab es in der Wirtschaft im Blick auf Flüchtlinge. Das klappt höchstens in Einzelfällen. Langer Atem ist nötig.

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Flüchtlinge müssen noch viel lernen, um zu den erhofften Fachkräften zu werden. Eine Ausbildung ist dennoch nur für wenige erstrebenswert.

Quelle: Patrick Pleul/dpa

Kiel. Hoffnungen in der Wirtschaft, mit Hilfe von Flüchtlingen zügig Fachkräfteprobleme lösen zu können, haben sich selten erfüllt. Nach Angaben der Industrie- und Handelskammer sind bisher nur wenige Asylbewerber in Unternehmen als Arbeitnehmer, Auszubildende oder Praktikanten untergekommen, obwohl 75 Prozent der Betriebe dazu bereit seien. „Das hält sich in sehr bescheidenem Rahmen“, sagte der Aus- und Weiterbildungschef der IHK Kiel, Hans Joachim Beckers, der Deutschen Presse-Agentur. Konkrete Zahlen gebe es nicht; er rechne für den Kammerbezirk mit einer niedrigen dreistelligen Zahl.

Zehn Jahre bis zum Job

Viele Flüchtlinge seien noch in Sprach- und Integrationskursen. „Wir gehen davon aus, dass ab nächstem Jahr eine größere Zahl auf den Arbeits- und Ausbildungsmarkt kommen wird“, sagte Beckers. „Ausreichende Sprachkenntnisse sind der Schlüssel.“ Die Prognose des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, es werde acht bis zehn Jahre dauern, den Großteil der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, scheine sich zu bewahrheiten, sagte Beckers. „Die Euphorie, die manche Unternehmen im Hinblick auf ihr Fachkräfteproblem hatten, ist verflogen.“ Hier gebe es keinen Turbo.

Unzureichend qualifiziert, geringes Interesse an Ausbildung

Viele Flüchtlinge kämen ohne Qualifikation und seien zum Teil nicht einmal alphabetisiert, sagte Beckers. Die IHK in Kiel hat selbst einen Syrer, Anfang 20, als Azubi eingestellt. Er will Kaufmann für Büromanegement werden. „Wir machen sehr gute Erfahrung mit ihm, er ist ein patenter Kerl“, sagte Beckers. Der Azubi arbeite noch daran, sein Deutsch zu verbessern, um später die Prüfung bestehen zu können. Sie muss in deutscher Sprache abgelegt werden und beinhaltet viele Fachbegriffe. Hinderlich sind Beckers zufolge auch zu komplexe und zeitaufwendige bürokratische Abläufe etwa bei Aufenthaltsgenehmigungen. Zu den Branchen mit dem größten Bedarf gehören Pflege, Gastronomie, der Lager- und Logistikbereich, Reinigung und Hauswirtschaft. Zwischen den Wünschen der Betriebe nach Fachkräften und denen der Flüchtlinge klafft oft eine große Lücke: „Die meisten wollen möglichst schnell in Arbeit und nicht unbedingt eine dreijährige Ausbildung“, sagte Beckers. „Wir müssen gucken, wie man bei der Vermittlung von Qualifikation kürzere Segmente schaffen kann, die mit Arbeit kombiniert werden.“ Die IHK-Wirtschaftsakademie biete so etwas auch an.

Die Unternehmensverbände bestätigen die Analyse der IHK: Die Annahme, Flüchtlinge schnell qualifizieren und in Arbeit integrieren zu können, sie also nicht nur Hilfstätigkeiten erledigen zu lassen, habe sich oft so nicht erfüllt, sagte UNV-Nord-Sprecher Sebastian Schulze. „Das Thema Ausbildung ist für viele Flüchtlinge nicht die erste Wahl“, zudem könne die Sprachbarriere als größte Hürde nicht schnell überwunden werden.

Alphabetisierungs- und Integrationskurse dauern an

An Sprach- und Integrationskursen der Wirtschaftsakademie nehmen derzeit 3000 Migranten und Flüchtlinge teil, davon knapp 1000 an Einstiegskursen. Bei dem vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geförderten klassischen Integrationskurs sind 1265 Männer und Frauen dabei. Von den 660-700 Kursstunden entfallen 600 auf Sprache, 60 bis 100 Stunden auf die Themen Demokratie und Gesellschaft. Diese Kurse dauern sechs bis acht Monate. Jeweils fast 1000 Stunden währen Jugendintegrationskurse mit derzeit 100 Teilnehmern und Alphabetisierungskurse mit gut 80.

Hinzu kommen weitere Angebote. An beruflichen Qualifizierungen für Migranten nehmen fast 120 Menschen teil, die ihre Sprachkurse abgeschlossen haben. Für sie geht es jetzt darum, den Weg in den Job oder eine Ausbildung vorzubereiten oder noch fehlende Qualifikationen nachzuholen. Dieses neue Segment kommt erst jetzt ins Rollen und soll in den kommenden Monaten und Jahren erheblich ausgebaut werden.

Nach Angaben der Arbeitsagentur nehmen aus den acht nichteuropäischen Ländern, aus denen in den letzten Jahren die meisten Asylbewerber kamen, etwa 7500 an diversen Angeboten zur „Aktivierung und beruflichen Sprachvermittlung“ teil. Berufsbezogen lernen sie auch die deutsche Sprache. Aus dieser Ländergruppe - sie umfasst Afghanistan, Syrien, Eritrea, den Irak, den Iran, Nigeria, Pakistan und Somalia - waren im September 5600 Menschen arbeitslos gemeldet. 140 Bewerber hatten bis August eine Lehrstelle bekommen.

dpa

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