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Neue Lust am Gewinn

Erotikhandel Beate Uhse Neue Lust am Gewinn

Einer der traditionsreichsten Erotikhändler Deutschlands zieht um: Wenn auf der Hauptversammlung am 29. Juni alles nach den Wünschen der niederländischen Leitung um CEO Serge van der Hooft läuft, prangt auf Schreiben der Beate Uhse AG bald nicht mehr Flensburg, sondern Hamburg. Seit 2013 zieht das Unternehmen auch sich selbst um.

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Vorstandssprecher Serge van der Hooft hat keine Lust mehr auf das Schmuddel-Image: Den Auftritt änderte Beate Uhse von Rot auf Pink, die Zielgruppe von Männern zu Frauen.

Quelle: Beate Uhse

Hamburg/Flensburg. „Kein Mitarbeiter, der heute in Flensburg sitzt, wird seinen Schreibtisch dann in Hamburg aufbauen müssen“, beeilt sich Sprecherin Doreen Schink zu bekräftigen. Das noch kaum dekorierte Bürogeschoss in Hamburg-Fuhlsbüttel ist bereits seit 2013 operativer Sitz der Holding. In Flensburg arbeitet weiterhin der Bereich „Entertainment“ mit rund 40 Angestellten. So soll es bleiben. „Eine Sitzverlagerung ist immer auch ein emotionales Signal nach außen“, sagt Schink. Aber das Image werde sich dadurch nicht verändern. Das versucht die Beate Uhse AG vielmehr gerade selbst.

 Beate Uhse, der Name steht für Lust aus dem Norden. Die Erotik-Pionierin Beate Rotermund begann bereits in den 40er-Jahren in Flensburg Aufklärungsmaterial zu verkaufen. Ganz Deutschland eroberte sie in den 70ern mit Pornofilmen. Seither hat ihr Name nicht überall den besten Ruf. Abgedunkelte Glasgebäude an Autobahnen, darauf rot blinkende Leuchtbuchstaben? Hardcore-DVDs und Videokabinen? „Wir wollten das alte, dunkle, kalte Porno-Image ablegen“, so Schink.

 Denn plötzlich zahlten Männer, die auf Pornos starren, nicht mehr. Die Erklärung kommt Musikern und Journalisten bekannt vor: „Was der Mann vorher bei uns konsumiert hat, gab es auf einmal gratis im Internet. Er hat sich als Geschäftsmodell selbst abgeschafft“, sagt Schink. Die Zahlen sind deutlich: Noch 2005 gab das Unternehmen ein Jahresergebnis von plus 14,4 Millionen Euro an, 2010 ging es 67,6 Millionen Euro in die Miesen. Die Aktie lag kurz nach dem Börsengang 1999 bei 28,20 Euro und sank 2011 auf 27 Cent. Neues musste her. Die Rettung lief im Fernsehen.

 80 Prozent der Kunden von Beate Uhse sind heute weiblich

 Dank der Fernsehserie „Sex and the City“ wurde die Lust der Frau endlich offener angesprochen. Schink erinnert daran, wie Hauptdarstellerin Sarah Jessica Parker beim Frühstück ungezwungen über Sex-Spielzeug plauderte. Die neue Zielgruppe der Beate Uhse AG: Frauen mit trendigem Lifestyle. Produktschwerpunkte wurden Dessous, Love-Toys, heute als Dildos oder Vibratoren keine prallen Penis-Modelle mehr, sondern kunstvoll designt und geformt, dazu Wellness wie Massageöle. Zeichen des Neuanfangs: Ein neuer mädchenhafter Schriftzug in Pink, der ein Herz umrahmt.

 Doch der Wandel verlief nicht überall, wie die sanften Linien es andeuten. Beate Uhse führte einst über 100 Läden, die knallhart auf Rentabilität überprüft wurden. 1523 Mitarbeiter waren es vor zehn Jahren, knapp über 620 sind es jetzt. Der Konzern gestaltet 33 verbliebene Shops nacheinander in helle Innenstadtläden um, die neben H&M und Esprit ihre Türen öffnen, Frauen und Paare anziehen sollen. Und das zieht: Den Umsatz steigert das Unternehmen in der Umstrukturierung zwar nicht, doch 2013 und 2014 konnte es wieder Gewinne verbuchen.

 Jeder soll selbst entscheiden, wie extrem er es mag

 Hemmungen gibt es aber immer noch: Die Eingänge der Geschäfte seien daher eher mit „soften“ Produkten dekoriert. Im hinteren Bereich wird es heftiger. „Damit jede Kundin selbst entscheiden kann, wie weit sie sich vorwagen möchte“, erklärt Schink. Das ist wichtig für künftige Geschäftsfelder, wie durch den fesselnden Sadomaso-Roman „Fifty Shades of Grey“ eröffnet. „Die Enttabuisierung wird noch weitergehen“, glaubt Schink. „Die jetzige Generation hat die Branche ja nie als schmuddelig erlebt.“

 Und Beate Uhse profitiere auch vom alten Image, das schließlich Fachwissen bedeute. Den Namen zu ändern, wurde daher trotz Krisen und juristischer Querelen nie erwogen. Seit 2014 expandiere das Unternehmen vielmehr wieder, schreibt Serge van der Hooft im Geschäftsbericht. Auf der Hauptversammlung soll nun der Umzug entschieden werden. Und vielleicht ergibt sich noch ein Höhepunkt für Flensburg. Es sei durchaus möglich, heißt es, Teile des Ende 2014 in Berlin geschlossenen Erotik-Museums in der Fördestadt wiederzueröffnen.

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Ein Artikel von
Niklas Wieczorek
Lokalredaktion Kiel/SH

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Foto: Ein leichter Name für leichte Dessous: Beate Rotermund hieß längst nicht mehr Uhse, aber hatte das Erotikimperium längst mit dem kurzen, schmissigen Namen ihres ersten Mannes aufgebaut – unter einem Ruf, der nur schwer abzulegen ist.

Dubiose Geschäfte rund um das Beate-Uhse-Papier beschäftigen die Staatsanwaltschaft Kiel seit Jahren. Die lange Geschichte eines Börsenbebens, das auch die Bankenlandschaft Schleswig-Holsteins erschütterte.

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