15 ° / 11 ° Regen

Navigation:
Zwei Hände sind einfach zu wenig

Warnstreiks in Kitas Zwei Hände sind einfach zu wenig

Bundesweit streiken die Erzieherinnen im öffentlichen Dienst. Das Kita-Personal vermisst angemessene Wertschätzung für seine Arbeit. Denn Erzieherin sein, ist viel mehr als Basteln und Spielen. Was der Job abverlangt, haben wir uns in der Awo Kindertagesstätte in Osterrönfeld angeschaut.

Voriger Artikel
Stürme erschweren Saisonstart der Krabbenfischer
Nächster Artikel
Neuer Nordic-Yards-Chef: Werften-Experte kommt nach Wismar

„Nicht dahin, sonst geht das mit dem Dach nicht!“ Die „Bauleiter“ Florian und Jan-Fiete (von rechts) haben ganz genau im Blick, wohin Reporterin Anne Holbach die Holzsteine setzt. Jacob und Clara (hinten) aber warten längst darauf, dass sie sich endlich auch für sie Zeit nimmt.

Quelle: Sven Janssen

Osterrönfeld. „Zehn kleine Fische, die schwammen im Meer. Blub, blub, blub.“ Mit einem Lied startet der Tag in der Kita. Dann stellt Erzieherin Birte Paulsen die Angebote für den Vormittag vor. Die Kita arbeitet mit einem offenen Konzept. Die Kinder können bis 9 Uhr im gesamten Haus frei spielen, danach entscheiden sie sich für Aktivitäten.

 Jede Erzieherin ist für einen Schwerpunktraum zuständig. Ich bin heute mit Dörte Harder im Bauraum und darf mit anpacken. „Du kannst da die Mauer weiterbauen“, weist Jan-Fiete (6) an. „Und pass auf, sonst kippt das um.“ Länger als fünf Minuten komme ich nicht zum Mitbauen. „Guck mal, was ich gebaut habe.“ „Kannst du helfen, das hält nicht.“ „Komm mal, Laura hat sich gestoßen.“ Von allen Seiten kommen Kinder und fordern Aufmerksamkeit ein. „Komme gleich!“, verspreche ich und habe es eine Viertelstunde später immer noch nicht geschafft. Es ist ganz schön laut. „Das ist noch gar nichts“, sagt Dörte fröhlich. „Oft ist es viel lauter.“

 Normalerweise sausen hier 70 Kinder durch die Räume. Acht Erzieherinnen sind für sie da. Weil Ferien sind, sind heute 44 Kinder da. „Es ist jeden Tag ein Spagat“, sagt Leiterin Birgit Hahnkamm-Grewe. „Die Bedürfnisse der Kinder sind ganz unterschiedlich.“ Es würde immer mehr Nachwuchs unter drei Jahren angemeldet, das bringe die Erzieherinnen manchmal an ihre Grenzen. „Da ist der pflegerische Anteil größer. Die Kinder müssen gewickelt werden oder wollen zwischendurch schlafen.“

 Wie groß die Entwicklungsunterschiede sind, merke ich im Kindercafé. Mein Sitznachbar Joshoa (2) bekommt seine Brotdose nicht allein auf. Bei Hendrik (1) muss ich darauf achten, dass das Essen nicht auf dem Boden landet. Nieke und Jette (beide 4) dagegen gießen den anderen schon mal Wasser ein. Nebenan geht ein Glas zu Bruch. „Alle Füße hoch!“, kommandiere ich und fege die Scherben zusammen. Ich bräuchte mehr als zwei Hände.

 „Du musst präsent sein, den ganzen Tag. Das unterschätzen viele“, sagt Hahnkamm-Grewe. Erzieherinnen müssten engagiert sein und Widerstandskraft besitzen. Viele Junge würden sich nicht mehr für den Beruf entscheiden, weil sie keine Lust hätten, sich nach dem Abitur drei Jahre ausbilden zu lassen, um später nur „ein Taschengeld“ zu verdienen. „Du kannst den Job eigentlich nur machen, wenn er für dich eine Berufung ist“, sagt die 40-Jährige.

 In Osterrönfeld haben die Erzieherinnen kaum mit Problemfamilien zu kämpfen. In großen Städten aber klagt das Kita-Personal darüber, dass es zunehmend Sozialarbeit leisten muss. In Bezirken mit hohem Migrantenanteil müssen Erzieherinnen interkulturelle Kompetenzen haben, viel Zeit in Sprachförderung investieren. Auch die Diagnostik von Verhaltensauffälligkeiten ist zum Anforderungsprofil hinzugekommen.

 Zudem spielt frühkindliche Bildung eine größere Rolle. Der Druck seitens der Eltern sei größer geworden, erzählt Andrea Hegemann. „Spricht mein Kind richtig? Ist es kognitiv fit?“ Die Eltern forderten viel Rückmeldung. Manche wollten etwa genau wissen, welche Worte ihr Kind schon sprechen kann. Zwar würde viel beobachtet, aber: „Bei unserem Personalschlüssel ist eine solche Eins-zu-Eins-Betreuung nicht möglich“, sagt Hahnkamm-Grewe. Manchem fehle dafür das Verständnis. Die Elternarbeit mache bis zu 50 Prozent ihres Jobs aus. Das binde viel Zeit. Auch die Dokumentationspflichten seien deutlich mehr geworden. So wird inzwischen beispielsweise in Bildungsbüchern der individuelle Entwicklungsstand der einzelnen Kinder notiert.

 Wenn sie sich etwas wünschen dürfte, dann hätte sie gern mehr Personal und eine bessere Bezahlung. „Du kannst davon keine Familie ernähren“ sagt Hahnkamm-Grewe. „Aber ich bin kein Jammerer. Das ist ein toller Beruf. Ich bin hier glücklich.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Anne Holbach
Wirtschaftsredaktion

Mehr zum Artikel
Schleswig-Holstein

Am Donnerstag bleiben erneut viele Kindertagesstätten in Schleswig-Holstein geschlossen. Die Gewerkschaften GEW und Verdi haben die Beschäftigten in kommunalen Einrichtungen zu einem ganztägigen Warnstreik aufgerufen.

  • Kommentare
Kostenpflichtiger Inhalt mehr