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Von Schuld und ehrbaren Kaufleuten

Fachtagung in Kiel Von Schuld und ehrbaren Kaufleuten

Wenn ein Privatmensch durch eigenes Fehlverhalten anderen einen Schaden zufügt, dann wird er – in der Regel zumindest – dafür auch zur Verantwortung gezogen. Wie es in der Wirtschaft zugeht, war Thema einer Fachtagung in Kiel.

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Wie gehen Kaufleute mit Geld und Verantwortung um?

Quelle: hfr

Kiel. Wenn Unternehmen gegen rechtliche Regeln oder ethische Grundsätze verstoßen, dann ist die Schuldfrage oft nicht so leicht zu klären, vor allem, wenn es um große Unternehmen geht. Jüngstes und spektakuläres Beispiel: die Abgas-Betrügereien bei VW. Zwei Tage lang loteten Experten in der Industrie- und Handelskammer Kiel die Grenzen von Schuld und Verantwortung in der Wirtschaft aus. Ein Ergebnis der Fachtagung, zu der neben der IHK die Universität Kiel sowie die Sektion Wirtschaftsphilosophie und -ethik der Deutschen Gesellschaft für Philosophie eingeladen hatten: Ehrbarkeit und Verantwortung müssen von innen heraus wachsen. Mit wohl formulierten Unternehmensgrundsätzen lassen sich diese Tugenden nicht verordnen.

Profitgierig, rücksichtslos, egoistisch: In der Öffentlichkeit hat der Unternehmer nicht den besten Ruf, und das Image angestellter Manager ist bekanntlich noch schlechter. Doch obwohl an Unternehmensskandalen kein Mangel herrscht und viele Missstände gar nicht erst ans Licht kommen, zeigt sich Prof. Joachim Schwalbach zuversichtlich: „Ehrbarkeit ist im Wirtschaftsleben ein Erfolgsfaktor und damit weitaus bedeutender als Profit“, sagt der Fachmann für Unternehmensverantwortung, der bis 2013 Professor für internationales Management an der Berliner Humboldt-Universität war. Unehrbare Kaufleute würden in der Marktwirtschaft aus dem Geschäft gedrängt und hätten somit keine wirtschaftliche Zukunft. Allerdings, das räumt auch Schwalbach ein, hat es die Ehrbarkeit vor allem in großen Unternehmen oft ziemlich schwer. Denn dort lassen sich Fehler meist viel schwerer aufdecken als in inhabergeführten Betrieben. Hinzu komme, dass in einem Konzern individuelles Fehlverhalten durch Anreize, die den schnellen Erfolg belohnen, noch gefördert werde. Verhaltenskodizes oder Berichtspflichten hält Schwalbach nicht für geeignete Instrumente zur Verbesserung der Unternehmensführung: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in 80 Prozent der Fälle der Vorstand den Nachhaltigkeitsbericht gar nicht kennt.“

Frewilligkeit vor Papierregeln

Auch Klaus-Hinrich Vater, IHK-Präsident und Kieler IT-Unternehmer, hält nichts von Vorgaben auf dem Papier, sondern setzt auf Freiwilligkeit: „Viel wichtiger als noch mehr Regeln ist ein Bewusstseinswandel.“ Denn Ehrbarkeit und soziale Verantwortung seien im Mittelstand viel tiefer verwurzelt als öffentlich oft dargestellt. Die Zahl der Selbständigen in Deutschland gehe zurück, und das sei eine gefährliche Entwicklung: „Wenn Betriebe keinen Nachfolger finden, treten Investoren auf den Plan, die ihren Sitz nicht in der Region haben.“

Prof. Yvonne Thorbauer, Expertin für Wirtschaftsethik an der Accadis Hochschule in Bad Homburg, hält schriftlich fixierte Werte und Verhaltensregeln durchaus für eine Orientierungshilfe: „Vorausgesetzt, sie werden nicht von abgeschotteten Compliance-Abteilungen diktiert, sondern entstehen in einem Klima des Denkens und aktiven Diskutierens.“

Und welche Rolle spielt das Strafrecht als Steuerungsinstrument in der Marktwirtschaft? Keine große, räumt Georg-Friedrich Güntge ein. Zum einen verweist der Leitende Oberstaatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Schleswig-Holstein auf die dünne Personaldecke bei den Ermittlungsbehörden. Auf der anderen Seite stehe die hohe Komplexität der Verfahren: „Es ist einfach so, dass viele Wirtschaftsverfahren nicht zu einer Verurteilung führen, weil man den Tatnachweis nicht führen kann.“

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Ein Artikel von
Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

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