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Das Netz wird immer dünner

Filialsterben der Banken Das Netz wird immer dünner

Als die Kieler Volksbank vor einem Jahr beschloss, ihre Filiale in Kiel-Friedrichsort zunächst in eine Selbstbedienungsfiliale umzuwandeln, war die Aufregung dort groß. Ortsbeiratsvorsitzender Hans-Meinert Redlin (SPD) befürchtete dadurch gar eine „weitreichende Schwächung des Einkaufsstandortes“. Friedrichsort ist aber nur eines von vielen Beispielen.

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Ende März schloss die Spardabank ihre Filiale in der Beselerallee in Kiel. „Die Kunden haben die Filiale kaum zu Beratungen genutzt“, begründet ein Sprecher die Schließung. Bis Ende Mai stehen in der Beselerallee noch SB-Automaten für Kunden wie Niclas Förster, Sarah Nedderhof und Patrick Feilscher (v.l.) zur Verfügung.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. Der seit Jahren kontinuierliche Prozess auf dem Bankensektor ist offenbar: das Schrumpfen der Filialnetze. Bernhard Schwetzler, Professor für Bankenwesen an der Leipziger Handelshochschule HHL, erklärt diese Entwicklung so: „Eine Filiale hat hohe Betriebskosten für die Immobilie und Personal. Diese Kosten fallen unabhängig davon an, ob die Bank jetzt Geld verdient oder nicht.“ Wenn eine Filiale geschlossen werde, laute die Begründung zumeist: zu wenige Kunden.

 Die „Frequenz- und Nutzungszahlen“, sagt Georg Präkelt vom Presse- und Informationsdienst der Volksbanken und Raiffeisenbanken (PVR), würden darüber entscheiden, ob sich ein Standort weiterhin rechne. Dabei hat sich die Zahl der Geschäftsstellen der Genossenschaftsbanken in Schleswig-Holstein entgegen dem bundesweiten Bankentrend nur leicht verändert: 40 Institute mit 399 Filialen waren es 2004, zehn Jahre später ging die Zahl der Institute durch Fusionen auf 34 mit zurzeit 336 Filialen zurück. „Schließungen stehen bei uns derzeit nicht an“, sagt Präkelt und ergänzt: „Die Filiale ist und bleibt Ankerpunkt unseres Geschäftsmodells. Dabei hat der Privatkundenbereich auch künftig eine sehr hohe Bedeutung.“ Dies bedeute aber auch, den Kunden alle Vorzüge des Multikanalbanking zu liefern, dazu zählten das SB-Banking an den Terminals genauso wie das Online-Banking.

 Das veränderte Kundenverhalten wirke sich direkt auf die Straffung des Filialnetzes aus, sagt Joachim Brandt vom Sparkassen- und Giroverband in Schleswig-Holstein. Ende 2014 gab es demnach 458 Geschäftsstellen einschließlich Selbstbedienungsterminals, zehn Jahre zuvor waren es noch 514, 1994 gar noch 581 Filialen. „Die Digitalisierung hat unglaublich viel verändert. Die technische Entwicklung beim Online-Banking und das veränderte Kundenverhalten stellen uns vor große Herausforderungen“, sagt Brandt.

 Eine Filiale auf Rädern, wie vor einiger Zeit von der Förde-Sparkasse eingeführt, werde auch von anderen Sparkassen in dünn besiedelten Gebieten im Norden als Möglichkeit der Kundenversorgung diskutiert. Am Thema Videoberatung, die beispielsweise bei der Hypovereinsbank nach der Reduzierung des Filialnetzes um fast die Hälfte einen großen Stellenwert hat, werde derzeit gearbeitet. Auch wenn die Präsenz in der Fläche von der demografischen Entwicklung geprägt sei, halte die Sparkasse am klassischen Bankgeschäft mit Filialberatung als wesentlichem Standbein fest. „Wir betreiben Daseinsvorsorge und werden die Region nicht austrocknen lassen“, verspricht Brandt. Dennoch stimmen immer mehr Kunden mit der Computer-Maus oder dem Smartphone ab: „Gerade einfache Bankgeschäfte werden heutzutage online erledigt“, sagt Brandt.

 Nach Angaben des Onlineportals Statista stieg die Zahl der Nutzer von Online-Banking von acht Prozent im Jahr 1998 auf derzeit etwa 54 Prozent. Demnach besuchen 82 Prozent der Bankkunden eine Filiale, um Geld am Automaten abzuheben oder einen Kontoauszug abzuholen; lediglich sieben Prozent suchen das persönliche Beratungsgespräch. Für Frank Schischefsky, Fachbereichsleiter Finanzdienstleistungen bei Verdi Nord, eine erwartete Entwicklung: „Die Bank entfernt sich immer weiter vom Kunden.“ Es sei ein strategischer Fehler, sich aus der Fläche immer weiter zurückzuziehen, damit würden die Banken untereinander immer austauschbarer. „Begründet werden Filialschließungen mit verändertem Kundenverhalten. Zumeist stehen aber unrealistisch hohe Renditeerwartungen dahinter“, sagt Schischefsky. Wenn eine Hausbank aber nicht mehr die Erwartungen der Kunden erfüllen könne, würde das diese in die Arme von Direktbanken oder auch Finanzberatern treiben: „Die füllen die Lücke, die das Filialsterben verursacht hat.“

 Als „sehr großen Fehler“ bezeichnet Gewerkschafter Schischefsky auch das seit Jahren eingeführte kostenlose Girokonto vieler Banken: „Damit haben sich Banken einen Bärendienst erwiesen. Kunden wollen jetzt am liebsten alles umsonst – und das kann in diesen Zeiten einfach nicht funktionieren.“

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Ein Artikel von
Jan von Schmidt-Phiseldeck
Wirtschaftsredaktion

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Kommentar

Die Bankenlandschaft in Deutschland bereitet sich weiter auf einen radikalen Systemwechsel vor: Die Zahl der Filialen hat sich in den vergangenen 20 Jahren fast halbiert, die Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran. Dabei versuchen viele Geldinstitute, den Spagat zwischen dem geänderten Nutzungsverhalten ihrer Kunden durch neue und sichere Technik und dem Anspruch an die Vor-Ort-Beratung zu schaffen.

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