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Herr Alsahamis Gespür für Stoff

Flüchtling in Segelmacherei Herr Alsahamis Gespür für Stoff

30 Jahre lang hat Mohamad Alsahami in seiner Polsterei in Damaskus gearbeitet. Doch dann kamen Krieg, die Zerstörung von Werkstatt und Wohnung, Verfolgung, Flucht und nichts ging mehr. Eineinhalb Jahre lang. Bis der 49-Jährige den Segelmacher Christian Lübbe von der Kieler Firma coastworxx kennenlernte.

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Mohamad Alsahami (links) hatte in Damaskus seine eigene Polsterei. Der Krieg hat alles zerstört. Jetzt produziert er in Kiel Nützliches aus gebrauchtem Segeltuch. Sohn Achmed hilt ihm – als Praktikant.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Seitdem hat der Syrer die Polstermöbel gegen den Küsten-Thron getauscht.

 Christian Lübbe hat mit seiner Segelmacherei eine Nische besetzt. Er produziert nachhaltig, nutzt gebrauchtes Segeltuch und produziert Neues daraus: Sonnensegel, Windschutz, Taschen, individuelle Werbemittel und den Küsten-Thron, einen wetterfesten Sitzsack – alles handgenäht. „Ich selbst bin Segelmacher, aber meine Produkte benötigen Menschen, die richtig gut nähen und dann noch mit Segeltuch umgehen können. Das ist gar nicht so einfach zu finden. Die Aufträge bekomme ich gar nicht alle abgearbeitet“, sagt der 50-jährige Firmenchef. Dass er die Lösung für sein Personalproblem auf der Straße vor der Kirche finden würde, hat er nicht erwartet. Christian Lübbe ist von Anfang an zusammen mit seiner Frau, einer Lehrerin, auf die Flüchtlinge zugegangen, hat fremde Menschen zum Essen eingeladen, sich für Patenschaften engagiert. Deshalb hat er auch nicht gezögert, jenen jungen Flüchtling anzusprechen, der im vergangenen September irgendwann vor der Kirche in Kiel-Friedrichsort stand.

 Es war Achmed Alsahami, der Sohn des Polsterers. Der 23-Jährige war dem Unternehmer sofort sympathisch, man kam ins Gespräch und Achmed erzählte von seinem Vater, der unter der Beschäftigungslosigkeit litt. Lübbe war sofort bereit, dem Vater eine Chance zu geben und beschäftigte ihn erst einmal stundenweise auf 160-Euro-Basis.

Mohamad Alsahami Trumpf: das gute Gefühl

 „Das Feedback war toll. Mohamad Alsahami kann richtig gut nähen, er hat ein Gefühl für schwierige Stoffe. Ich wollte ihn gerne mehr beschäftigen, aber ich wusste nicht, was darf ich und was nicht“, erinnert sich Lübbe. Ende November ging Lübbe dann zum Businesstalk, einer Veranstaltungsreihe der Arbeitsagentur, und Christiane Grünow kennen, die Migrationsbeauftragte im Arbeitgeberservice.

 „Dieser Kontakt hat sich wirklich für mich ausgezahlt“, sagt Lübbe. Denn Lübbe erfuhr von dem Extra6000. Das ist ein Zuschuss für Arbeitgeber von bis zu 6000 Euro. Gezahlt wird er vom Jobcenter, wenn ein Arbeitgeber folgende Bedingungen erfüllt: Er hat einen Mitarbeiter, der von Hartz IV abhängig ist, den er schon mindestens acht Wochen geringfügig beschäftigt hat und dem er nun eine sozialversicherungspflichtige Arbeit gibt – natürlich über den Förderzeitraum hinaus. Diesen Zuschuss kann Lübbe auch für seinen syrischen Mitarbeiter in Anspruch nehmen. Der Polsterer aus Syrien hat nun eine „richtige Arbeit“, wie er selbst sagt. „Ich bin jetzt sehr zufrieden. Bei uns ist man schlecht angesehen, wenn man nicht für sich selbst sorgt.“

 Christian Lübbe aber ist so zufrieden mit seinem neuen Mitarbeiter, dass er auch noch einen Auszubildenden aus Syrien einstellen möchte. Achmed Abdulmalla ist 20 Jahre alt und vor sechs Monaten nach Deutschland gekommen. Lübbe hat ihn in der Flüchtlingsunterkunft auf dem alten Mfg-5-Gelände kennengelernt. Noch hapert es an Deutschkenntnissen. Deshalb absolviert er erst einmal eine Einstiegsqualifizierung. Nebenher hospitiert er aber bei coastworxx, weil dazu keine Zustimmung der Ausländerbehörde notwendig ist. „Natürlich gibt es bürokratische Hürden, wenn man Flüchtlinge beschäftigen will, und sicher könnte man noch einiges erleichtern“, sagt Christian Lübbe. „Aber wenn ich das mit letztem Jahr vergleiche, wird doch viele flexibler gehandhabt und mit der Ausländerbehörde läuft es inzwischen richtig klasse.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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