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Die Herrin der Fischhäute

Gerberin Maike Hansen Die Herrin der Fischhäute

Maike Hansen ist eine von wenigen, die das traditionelle Handwerk des Gerbens noch beherrscht. Die Schleswigerin macht seit zwei Jahren in ihrer Heimat aus Fischhaut Leder.

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„Für mich ist die Fischhaut wie ein Bild, dass ich einrahme“, sagt Maike Hansen und arbeitet Fischflossen gekonnt heraus.

Quelle: Björn Schaller

Schleswig. Wie ein Rauchzeichen steigt der abkühlende Wasserdampf aus dem kleinen Metalltopf in den Himmel. Vorsichtig taucht Maike Hansen die frisch entschuppte und entfleischte Aalhaut in den lauwarmen Sud aus Weidenrinde und Wasser – massiert das natürliche Gerbmittel in das künftige Leder ein. Von Fischgeruch keine Spur. Vor rund zwei Jahren hat sich die 46-Jährige die Kunst des Fischhautgerbens Schritt für Schritt selbst beigebracht. Heute ist sie eine von wenigen, die das traditionelle Handwerk in Deutschland noch beherrscht.

 Dass in Familie Hansens kleinem Häuschen auf dem Schleswiger Holm mit Fisch gearbeitet wird, hat bereits eine jahrhundertelange Tradition. Die kleine Siedlung direkt an der Schlei ist seit jeher von Fischern bewohnt und auch Maikes Opa – ein Petersen – hat jahrelang vom Fischfang gelebt. Ein besonderes Interesse für die Völker der Indianer, Inuit und Sami war schon immer da, sagt die Hobby-Gerberin. Vor allem ihre Kunst aber auch der traditionell gefertigte Schmuck habe sie bereits in frühsten Kindertagen fasziniert. Als die gelernte Erzieherin dann während eines museumspädagogischen Projekts einen Anzug aus Rentierleder nähen sollte, war sie zunächst auf die Hilfe eines Kollegen angewiesen. „Von Nähen hatte ich bis dahin keine Ahnung“. Doch schnell begann sie, sich für das Material und dessen Beschaffenheit zu begeistern. „Seitdem hat es mich echt gepackt.“ Zeitgleich brachte eine Bekannte, die in Norwegen lebt, selbstgegerbte Aalhaut mit. „Das hat mich dann endgültig umgehauen und meine Leidenschaft für das Traditionshandwerk geweckt.“

 Mithilfe des Grundrezepts zum Gerben ging nun das große Experimentieren los. Lange probierte Maike Hansen, wie das Trocknen des Leders unter schleswig-holsteinischen Klimabedingungen am besten gelingt – Misserfolge blieben da natürlich nicht aus. „Das Geheimnis liegt grundsätzlich in der richtigen Temperatur bei der Trocknung, die über Körperwärme und Sonnenlicht erzielt wird, und jeder Menge Geduld.“ Bis man dafür ein Gefühl entwickelt, dauere es allerdings eine Weile, erklärt Hansen und ergänzt: „Das Leder trocknet von außen nach innen. Bei falscher Handhabung wellt sich der Rand. Das will man natürlich vermeiden.“

 Die Häute bekommt sie aus der Nachbarschaft. „Da habe ich wirklich Glück. Meine Nachbarn und die Holmer Fischer bringen mir immer Mal wieder ein Tütchen voll vorbei“, berichtet die Schleswig-Holsteinerin, die die Fische dann sofort einfriert und erst an sogenannten Gerbtagen wieder auftaut. „Da ich das Leder nur in Kleinstmengen produziere, gerbe ich lediglich alle zwei bis drei Monate.“ Dabei stehe ausschließlich die Qualität der Handarbeit und nicht der Gewinn im Vordergrund. „Für mich ist das Ganze eher eine Kunstform.“

 Bis aus der glitschigen Fischhaut allerdings brauchbares Leder wird, vergehen viele Tage. Die Technik ist dabei geradezu mittelalterlich. Ein Sud aus abgekochter Weidenrinde und Wasser, der täglich neu aufgebrüht werden muss, enthält die Gerbsäure, die innerhalb von wenigen Wochen aus einem fischigen Schuppenkleid ein strapazierfähiges, geruchsneutrales Stück Leder macht. Damit dieses nicht bretthart wird, muss es während des Trocknens acht bis zehn Stunden lang „gezogen“ werden – über einem Metallhaken, der im Hinterhof angebracht ist. Eine schweißtreibende Aufgabe, weiß Hansen: „Das ist mein persönliches Sportprogramm. So muss ich mich wenigstens nicht im Fitnessstudio anmelden.“ Von Aal über Meerforelle, Barsch und Schleibutt: Maike Hansen begutachtet jede Haut, die sie verarbeitet, ganz genau. Welches Stück hat welche Farbnuance, welche Muster sollen herausgearbeitet werden?

 Im Atelier „Hautab“, so nennt sie ihr Wohnzimmer auch, warten die frisch gegerbten Fischlederstücke dann auf ihre Weiterverarbeitung. Ihr Arbeitsplatz: ein langer Esstisch im Eingangsbereich des Hauses. Ihre Hilfsmittel: eine Nadel und Garn, ein Cuttermesser, Lederkleber sowie Perlen und Fischwirbel zur Verzierung. „Ich nähe jedes Stück mit Hand. Ganz ohne Nähmaschine. So wird man sich der Tradition, die hinter dem Handwerk steckt bewusster.“

 Ob Armbänder, Taschen, Beutel, Gürtel, Schmuck oder Schlüsselanhänger: „Für mich ist die Fischhaut wie ein Bild, dass ich einrahme“, sagt Hansen und arbeitet beispielsweise Fischflossen gekonnt heraus. In Kombination mit weichem Hirsch-, Elch-, Ziegen oder Rentierleder entstehen so einzigartige Kunstwerke, die Besucher bei familiärer Atmosphäre in dem Fischerhäuschen bewundern und kaufen können. „Unsere Tür steht Gästen immer offen.“

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Ein Artikel von
Jana Ohlhoff
Lokaldesk

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