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Deutschland, einig Streikland

Gewerkschaften Deutschland, einig Streikland

Bahnstreik, Kita-Streik, Poststreik: 2015 ist auf dem besten Weg, „Superstreikjahr“ zu werden. Doch steigen mit den Streikzahlen auch die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften?

Das würde den Trend im größten Dachverband DGB umkehren: Ende 2014 hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund rund 165000 Mitglieder in Schleswig-Holstein. Vor fünf Jahren waren es noch fast fünf Prozent mehr. Überraschend klingen da Stimmen vom „Comeback der Gewerkschaften“ – und die kommen aus einer unerwarteten Richtung.

 Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) erforscht seit Jahren das „Comeback der Gewerkschaften“. Als Beleg dienen steigende Mitgliedszahlen in einigen DGB-Organisationen. Und: Schon 500000 Arbeitstage deutschlandweit seien 2015 durch Streiks ausgefallen. Spitzenwert seit 1993. Deutschland liegt in der Streikstatistik aber auf einem hinteren Rang.

 Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, warnt dennoch: „Deutschland wird plötzlich als Streikland wahrgenommen“, sagt der Unternehmer. „Es ist fatal, wenn die Zuverlässigkeit der deutschen Wirtschaft von unseren Kunden zukünftig schlechter bewertet wird.“ Kramer kritisiert die Gewerkschaften, die Streiks für eigene Machtinteressen nutzen würden.

 Ein Vorwurf, dem sich auch die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) ausgesetzt sieht. Sie wurde kurzfristig zum unbeliebtesten Berufsverband der Republik. Zurzeit kommen nicht mehr Züge, sondern Briefe zu spät. Doch weder bei Bahn oder Post, noch bei Erziehern oder der Lufthansa und ihren Piloten sind die Tarifkonflikte abschließend gelöst.

 Könnten die DGB-Mitgliedszahlen anhand dieser Streikhäufung wachsen? Hagen Lesch vom IW beschreibt den Zusammenhang zwischen Arbeitskämpfen und Organisation in Gewerkschaften als lose. Ob das „Superstreikjahr“ 2015 einen Aufschwung bedeutet, kann er kaum bewerten. Zumal im Norden ohnehin selten gestreikt werde: Im DGB-Bezirk Nord waren es zwischen 1995 und 2005 durchschnittlich 1,05 Tage je 1000 abhängig Beschäftigte, bundesweit dagegen 2,8.

 Die Gewerkschaften im Norden geben sich dennoch optimistisch. Für Ingo Schlüter, stellvertretender DGB-Nord-Vorsitzender, ist die Mitgliederzahl ohnehin zweitrangig: „In Streiksituationen sieht man, dass Gewerkschaften nicht von der Zahl ihrer Sympathisanten, sondern von der Kraft ihrer Mitglieder leben.“

 Die Ärzte-Organisation Marburger Bund wächst auch ohne viele Streiks. Landesgeschäftsführer Dieter Arp sagt, in den vergangenen zehn Jahren habe sich seine Organisation in Schleswig-Holstein im „guten vierstelligen Bereich“ verdoppelt. Arbeitskämpfe auf der Straße seien dafür nicht unbedingt notwendig. Sie können dem Image einer Gewerkschaft auch erheblich schaden.

 Nicht selten weht Streikenden zunächst viel öffentliche Sympathie entgegen, die schnell schwinden kann. Das haben die Erzieher im Deutschen Beamtenbund (DBB) während des Kita-Streiks erfahren. Dennoch wachse der DBB, so Landesgeschäftsführer Christian Pagel. Die Einkommensrunden des öffentlichen Dienstes „spülen uns immer neue Mitglieder in die Verbände.“ Die kleinen DBB-Verbände seien für einige Menschen interessant. Vielleicht macht diese Intimität den Streikwillen aus.

 Eine Mitgliedergewerkschaft im DBB ist die so unbeliebte GDL. Große Gewerkschaften müssten eben nach dem Prinzip „Teile und Herrsche“ arbeiten, erklärt Hartmut Petersen, Vorstand der GDL Nord. „Der Mensch geht dort in der Masse unter“, vermutet er. 5700 Mitglieder habe die GDL im Nordbezirk, „stetig steigend“ sei diese Zahl und die Teilnehmerzahl während der umstrittenen Streiks war es auch. Offenbar bestimmt der Individualismus mittlerweile auch die Gewerkschaftsarbeit.

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