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Gemeinsame Werte für Weltbürger

Global Economic Symposium Gemeinsame Werte für Weltbürger

Das Global Economic Symposium (GES) bringt ab Montag rund 400 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Kiel zusammen. Bis Mittwoch wollen die Experten Lösungsansätze für einige der großen Probleme der Welt finden. Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) organisiert die Veranstaltung mit Partnern.

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Es gibt Werte, die über Nationen, Religionen und Kulturen gemeinsam sind, sagt Prof. Dennis Snower. Er halte insbesondere Fürsorge oder Achtsamkeit für Schwache für einen ganz zentralen Wert, den fast alle anerkennen. In Kiel will er die globale Wertediskussion voranbringen.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. IfW-Präsident Prof. Dennis Snower erklärt, welche Schwerpunkte er 2015 sieht.

Das Motto des GES rückt die Werte-Diskussion in den Mittelpunkt. Warum brauchen wir ein globales Wertesystem?

Wenn wir globale Probleme wie Migration, Finanzkrisen oder Klimawandel lösen wollen, müssen wir uns bewusst werden, inwiefern sich Wertvorstellungen in verschiedenen Ländern und Regionen unterscheiden und welche Werte wir gemeinsam haben. Wenn wir die gemeinsamen Werte erkennen, können wir auch Probleme gemeinsam lösen. Häufig scheitern internationale Verhandlungen daran, dass wir die Wertevorstellungen anderer nicht kennen, nicht akzeptieren oder über das Trennende mehr diskutiert wird als über gemeinsame Werte. Wenn wir ein gemeinsames Werte-Set finden, sind wir aber motivierter, auch zusammen Lösungen zu entwickeln

Die Unterschiede zwischen einzelnen Kulturen und Gesellschaften sind riesengroß. Wie könnten gemeinsame Leitlinien aussehen?

Es gibt Werte, die über Nationen, Religionen und Kulturen gemeinsam sind. Zum Beispiel: Liebe für unsere Nächsten, Fürsorge für Schwache, Fairness im Umgang mit Unsersgleichen, um nur einige wenige zu nennen. Ich halte insbesondere Fürsorge oder Achtsamkeit für Schwache für einen ganz zentralen Wert, den fast alle anerkennen. Das Problem: Wir wenden diese Werte meist nur auf Gruppen an, denen wir uns zugehörig fühlen: die Familie, die Dorfgemeinschaft, die Nation. Wenn wir grenzüberschreitende Probleme lösen wollen, müssen wir erreichen, dass wir auch grenzüberschreitende Identitäten entwickeln. Europäer müssen sich als solche fühlen, um Europas Probleme zu lösen. Um Klimawandel oder Meeresverschmutzung zu bekämpfen, muss man sich sogar als Weltbürger verstehen. Diese erweiterte Identität zu schaffen, ist ein entscheidender Schlüssel und eine zentrale politische Aufgabe, um transnationale Probleme lösen zu können.

Angesichts des Krisenmanagements in der Welt bleibt für solch zentrale grundsätzliche Fragen keine Zeit, so mein Eindruck. Oder sehen Sie in Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft Ansätze einer globalen Werte-Diskussion?

Schauen Sie sich die Diskussionen in Europa über die Flüchtlingspolitik oder die Rettung der Euro-Zone an. Da wird ganz zentral diskutiert, welche Werte wir gemeinsam haben und wo wir auseinander liegen. Der Bundespräsident hat am Tag der Deutschen Einheit gefordert, gerade weil in Deutschland unterschiedliche Kulturen, Religionen und Lebensstile zu Hause seien, brauche es eine Rückbindung aller an unumstößliche Werte. „Einen Kodex, der allgemein als gültig akzeptiert ist“, hat er verlangt. Richtig. Die Politik muss sich die Zeit nehmen, solche Kodizes länderübergreifend zu diskutieren und festzuhalten. Die Menschenrechts-Charta wurde auch nicht in ruhigen Zeiten entwickelt.

Klima, Flüchtlinge, Verschuldung, internationale Konflikte sind auch auf dem GES zentrale Themen. Zeichnen sich schon im Vorfeld innovative Lösungsansätze bzw. Ideen für neue Lösungswege ab?

Ja. Wir haben sehr konkrete Lösungsvorschläge, wie die europäische Flüchtlingshilfe finanziert werden kann, wie die jüngst vereinbarten Entwicklungsziele der UN auch tatsächlich erreichbar sind oder wie sich Spar- und Wachstumspolitik vereinbaren lassen. Es ist nicht so, dass alle diese Vorschläge erstmals auf dem GES veröffentlicht werden. Aber das GES zeigt auch 2015 wieder seine Anziehungskraft als die Plattform, auf der Lösungsvorschläge für globale Probleme in großer Fülle präsentiert und diskutiert und den Entscheidungsträgern nahe gebracht werden können.

Auch wenn es für Sie als einer der Gastgeber sicher schwierig ist, einige Punkte besonders hervorzuheben: Können Sie dennoch sagen, worauf Sie persönlich besonders gespannt sind?

Ich freue mich sehr, dass Wirtschaftsnobelpreisträger George Akerlof nicht nur mit uns diskutiert, sondern auch sein ganz neues Buch „Phishing for Phools“ (über die Ökonomie der Manipulation und Täuschung, die Red.) präsentiert, das bestimmt für Diskussionen sorgen wird. Und ich erwarte gespannt den Besuch der sehr engagierten Schülerinnen und Schüler aus dem „YES!“-Projekt, die sich an Schulen in Schleswig-Holstein mit den Themen des Global Econimc Symposiums auseinandergesetzt haben. Vor allem aber bin ich gespannt, welche Dynamik sich während des GES entwickelt. Denn oft war ich am Ende überrascht, wo die spannendsten Diskussionen stattfanden.

Wie können Sie sicherstellen, dass Erkenntnisse des GES auch Adressaten in Berlin, Brüssel oder andernorts erreichen?

Wir nutzen dafür eine Vielzahl von Kanälen: Die Lösungsvorschläge werden in diversen Publikationsformaten veröffentlicht und den Entscheidungsträgern nahe gebracht. Darüber hinaus werden wir zu Themenfeldern, in denen wir besonders viele und konkrete Lösungsvorschläge haben, Workshops in Städten wie Berlin oder Brüssel veranstalten. Zudem wollen wir unser GES-Netzwerk nutzen, um Menschen anzusprechen, die konkrete Vorschläge in die Tat umsetzen können.

Interview: Jörn Genoux

Global Economic Symposium

2008 hat das Institut für Weltwirtschaft das erste Global Economic Symposium (GES) organisiert; damals kamen 400 Persönlichkeiten aus aller Welt ins Plöner Schloss. Inzwischen ist Kiel die Heimat des GES, jedes zweite Jahr wird es im Ausland veranstaltet. Auch in diesem Jahr kommen eine Reihe bekannter Persönlichkeiten, beispielsweise Nobelpreisträger George Akerlof (USA), der Chef der größten europäischen Bank HSBC, der Portugiese Antonio Simoes, oder Alexander Likhotal, engster Vertrauter von Michail Gorbatschow.

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